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StartseiteSport am WochenendeDeckname IM "Wartburg"05.06.2010

Deckname IM "Wartburg"

DDR-Dopingmediziner Bodo Krocker aus Cottbus wirkte auch als Stasi-Spitzel

Auch mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es in der Stasi-Unterlagen-Behörde immer wieder bedeutsame Funde. Denn in Brandenburg hat eine umfangreiche Aufarbeitung des DDR-Sports bisher kaum stattgefunden. Nun haben Recherchen ergeben, dass ein prominenter DDR-Sportmediziner damals auch für das Ministerium für Staatssicherheit gespitzelt hat.

Von Thomas Purschke

Die Außenfassade des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. (Neuer Berliner Kunstverein/Jens Ziehe)
Die Außenfassade des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. (Neuer Berliner Kunstverein/Jens Ziehe)

Der Sportmediziner Bodo Krocker wirkt heute in einer großen Gemeinschaftspraxis in Cottbus und ist ein viel gefragter Mann: Er vertritt die Sportmediziner in der Landesärztekammer Brandenburg. Krocker betreut Spitzensportler, darunter Leichtathleten und junge Turner. Für die Lokalpresse ist er ein wichtiger Gesprächspartner. Über seine dunkle Vergangenheit redet der 64-jährige Krocker indes kaum.

Er war Mannschaftsarzt der DDR-Leichtathletik, auch bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul und in dieser Funktion mitverantwortlich für das Dopingsystem der DDR. Zudem wirkte Krocker damals hauptberuflich als Chef-Arzt der Sportmedizinischen Hauptberatungsstelle Cottbus und als Bezirkssportarzt.

Neben seiner Doping-Vergangenheit kommt nun eine zweite unangenehme und bisher unbekannte Seite Krockers ans Tageslicht. Der Mediziner war laut Akten der Birthler-Behörde in Frankfurt/Oder, Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Zwar sind Teile der Dokumente vom DDR-Geheimdienst damals vernichtet worden, doch konnten engagierte Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt/Oder Wesentliches zur Personalie Bodo Krocker rekonstruieren.

Demnach berichtete Krocker ab 1977 als IM "Wartburg" der Stasi Interna und Intimes aus der Cottbuser Sportmedizin. Über Liebestechtelmechtel von Kollegen bis hin, wer Geschenke von Bekannten aus Westdeutschland erhalten habe.

In einem Treffbericht des Führungsoffiziers Oberleutnant Riesner von der Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus aus dem November 1979 zu "Problemen des Geheimnisschutzes in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1980 in Moskau" teilte Informant Krocker alias IM "Wartburg" mit, dass er selbst der "verantwortliche Arzt für alle Probleme im Zusammenhang mit den unterstützenden Mitteln", also Doping, sei. Zitat des IM "Wartburg":

"Die Unterstützenden Mittel werden durch die Ärzte festgelegt und den Trainern zur Verabreichung an die Olympia-Kader überreicht."

Im Januar 1981 wurde der SED-Kader Krocker sogar als IME, - einem Experten-IM, die höchste Kategorie unter den Inoffiziellen Mitarbeitern-, eingestuft.

Auf Anfrage erklärte Krocker jetzt dazu, die Schlussfolgerung, er sei in der DDR als IM "Wartburg" für die Stasi tätig gewesen, sei "total falsch". Er kenne diesen Namen nicht und möchte sich nicht weiter dazu äußern.

In den 90er-Jahren ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Krocker wegen seiner erheblichen Beteiligung am DDR-Dopingsystem. Konkret ging es um Körperverletzung. Unter anderem hatte ihn die 400-Meter-Hürdenläuferin und DDR-Meisterin von 1984, Birgit Uibel, vom einstigen Sportclub SC Cottbus schwer belastet und Strafantrag gestellt.

Bereits als Minderjährige, im Alter von 16 Jahren, hatte Birgit Uibel von ihrem damaligen Sportarzt Krocker Tabletten des männlichen Sexualhormons, Oral-Turinabol, erhalten, wie sie 1997 gegenüber der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität aussagte. Ihre Schäden, unter anderem an Leber und Schilddrüse, waren erheblich.
Das Verfahren endete im März 2000 mit einem Strafbefehl für Bodo Krocker in Höhe von 9000 D-Mark.

Birgit Uibel, ein vom Bundesverwaltungsamt Köln, anerkanntes DDR-Doping-Opfer, starb im Januar dieses Jahres im frühen Alter von nur 48 Jahren an Krebs.

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