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StartseiteKultur heuteTheater erzwingt Entschuldigung24.02.2019

"Dekolonisationsfestival" in GentTheater erzwingt Entschuldigung

Die Republik Kongo war bis 1960 Kolonie Belgiens. Das Nationaltheater Gent hat sich dem "Kongogräuel" gewidmet - einem verdrängten Kapitel europäischer Kolonialgeschichte. Mit unerwartetem Ausgang: Der Kunstdiskurs führte zur ersten Entschuldigung eines belgischen Politikers.

Von Dorothea Marcus

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Ein Missionar mit kongolesischen Männern, die die amputierten Hände von zwei weiteren Männern zeigen (Lingomo and Bolenge), die als Kautschuk-Wachen von der ABIR (Anglo-Belgian India Rubber Company) beschäftigt waren. Demokratische Republik Kongo, Distrikt Nsongo. Foto von Alice Seeley Harris und ihrem Ehemann John Harris. Aufnahmedatum um 1904 geschätzt. Das Foto wurde verwendet, um den Roger Casement-Fall zu unterstützen. Roger Casement war ein britischer Diplomat, der entscheidend an der Aufklärung der Kongogräuel beteiligt war. (imago stock&people)
Ein Missionar mit kongolesischen Männern, die die amputierten Hände von zwei weiteren Männern zeigen (Lingomo and Bolenge), die als Kautschuk-Wachen von der ABIR (Anglo-Belgian India Rubber Company) beschäftigt waren (imago stock&people)
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"It is not that fucking simple. You should be able to answer, no matter how complicated it is". Wer hier aneinandergerät, sind Sven Gätz, der Kulturminister von Flämisch-Belgien und der kongolesische Choreograf Faustin Linyekula. Eigentlich hätte heute Abend im Nationaltheater Gent seine Premiere von "Geschichte des Theaters 2" stattfinden sollen, mit dem ältesten und einzigen fest angestellten Tanzensemble der Republik Kongo – jenem Land, das seit Jahrzehnten in blutigen Bürgerkriegen versinkt und zugleich der reichste Rohstofflieferant Europas ist. Doch die Künstler bekamen von der belgischen Regierung kein Visum ausgestellt, auch Bildende Künstler oder Wissenschaftler aus dem Kongo – etwa zur großen Wiedereröffnung des Afrika-Museums vor drei Monaten – dürfen momentan nicht einreisen.

Belgische Geschichtslügen

Die Kuratorin des Afrika-Museums Bambi Ceuppens: "Das Hauptproblem ist: Die europäischen Museumsdirektoren haben Angst um ihre afrikanischen Kunstobjekte und reklamieren sie nun salbungsvoll als `Erbe der Menschheit´ – zugleich werden die Grenzen geschlossen für afrikanische Künstler, die rechtmäßige Erben der Künstler dieser Werke sind – es ist fucking demütigend." Seit Monaten lägen die diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern auf dem Tiefpunkt, erklärt Sven Gätz. Doch das, findet Faustin Linyekula, sei nur eine oberflächliche Ausrede: "Es gibt diese grundsätzliche Geschichtslüge hier. Diplomatische Beziehungen sind nur das Symptom einer Verweigerung besonders der Belgier, unsere gemeinsame Vergangenheit anzuerkennen."

In der Tat erscheint die Kolonialzeit in Belgien als absolut unverarbeitet – obwohl ihr nach historischen Erkenntnissen rund zehn Millionen Kongolesen zum Opfer fielen. "Es ist ein Genozid, der mitten im 20. Jahrhundert passierte, von Belgien gemacht. Das ist eine sehr spezielle Situation – sie ähnelt der Beziehung, die Deutschland und Israel haben", sagt auch der Schweizer Regisseur Milo Rau, Leiter des Nationaltheater Gent.  Vor rund einer Woche, am 12. Februar erschien ein UNO-Bericht über die Verbrechen unter belgischer Verwaltung – und deren Leugnung. 25 Prozent der belgischen Abiturienten, so las man dort, wüssten noch nicht einmal, dass der Kongo eine belgische Kolonie war.

Ruf nach Aufarbeitung

In den großen Städten Belgiens sieht man, wie wenig die Kolonialgeschichte aufgearbeitet ist. Auf zentralen Plätzen stehen dort huldvolle Jubel-Standbilder von Leopold II. Ihm zu Füßen, etwa in Ostende: nackte Kongolesen, die für ihre Befreiung und Zivilisierung danken. Allerdings hat die Leopold-Skulptur dort seit 2004 einen kleinen Schönheitsfehler: Aktivisten sägten eine Hand ab, das Symbol schlechthin der belgischen Unterdrückung, denn bekanntlich wurden in Belgisch-Kongo jenen Sklavenarbeitern die Hände abgeschlagen, die nicht genug Kautschuk lieferten. Zunächst merkten das belgische Behörden gar nicht – bis die Aktivisten selbst darauf aufmerksam machten. Jahrelang wurde dann fieberhaft nach der Hand gesucht, Journalisten unter Terrorverdacht gestellt, mediale Kampagnen gefahren. Nun scheint im Nationaltheater Gent der große Moment der Restitution gekommen. In die Diskussion brechen Piet Wittevoghel, selbst ernannter Sprecher der Aktivisten und der Künstler Chokri Ben Chikha, und stellen die verschollene Hand auf den Tisch. Angeblich die echte.

"Es ist kein Geschenk. Wir verlangen Entschuldigungen und können nicht auf Wahrheitskommissionen warten. Sven. Ich darf doch Sven sagen? Warum nicht heute, live? Hier?"  

Zur Entschuldigung gedrängt

Und dann erklärt sich der flämische Kulturminister tatsächlich bereit, jene Entschuldigung zu äußern, die sowohl die belgische Königsfamilie als auch die Regierung seit Jahrzehnten verweigern: "Ich fühle mich nicht wohl mit unserer kolonialen Vergangenheit. Als eine Person, die auch der Kulturminister Flanderns ist, möchte ich diese Entschuldigung geben." Und auch wenn die Rückgabe inszeniert und die Hand sichtbar eine Gipskopie ist, auch wenn der Kulturminister nicht die geforderten Visa und auch nicht die drei von der belgischen Regierung einbehaltenen drei Vorderzähne des durch belgische Offiziere ermordeten Lumumbas zurückgeben kann, wird in belgischen Medien am Folgetag groß berichtet: Über die erste offizielle Entschuldigung eines belgischen Politikers, erzwungen mithilfe der Kunst.

(Die Recherche zu diesem Beitrag wurde von der Stadt Gent unterstützt.)

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