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StartseiteAus Religion und GesellschaftMission im Museum17.02.2021

DekolonisierungMission im Museum

Seit dem 19. Jahrhundert werden in Deutschland Kultgegenstände aus früheren Missionsgebieten ausgestellt, vom kleinen Gefäß bis zum Grabmal. Dass sie jenen Gläubigen, denen sie geraubt wurden, etwas bedeuteten, spielte damals keine Rolle. Heute steht die Provenienzforschung erst am Anfang.

Von Michael Hollenbach

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Masken und andere rituelle Objekte aus der Missionssammlung der Pallottiner  (Pallottiner/Tom Wittkemper )
Masken und andere rituelle Objekte aus der Missionssammlung der Pallottiner (Pallottiner/Tom Wittkemper )
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Themenschwerpunkt: "Dekolonisiert euch!" Die Grönland-Mission

Tjurunga sind heilige Gegenstände ... "...die nach Vorstellung der Aborigines in Zentralaustralien Ahnenwesen, Schöpfungskraft erhalten, aber auch mit bestimmten Landrechten in Verbindung zu bringen sind."

Nur wenigen initiierten Männern eines Clans war es erlaubt, die Steine und Hölzer zu sehen und zu berühren. Die Kultgegenstände wurden an geheimen Orten aufbewahrt.

Einige dieser Tjurunga lagern heute im Landesmuseum Hannover. Die Provenienzforscherin Claudia Andratschke steht vor den Regalen des Archivs: "Die können wir uns nicht anschauen, weil es sich da eben um diese geheimen, sakralen Objekte handelt, die wirklich striktester Geheimhaltung unterliegen und von Frauen überhaupt nicht gesehen oder gehandhabt oder beschrieben werden dürfen."

Nach Deutschland kamen die Tjurunga wohl über die evangelische Hermannsburger Mission und Carl Strehlow, der bis 1922 Missionsleiter im australischen Hermannsburg war.

Andratschke: "Da gibt es verschiedene Überlieferungen: dass er das gegen Nahrungsmittelrationen eingetauscht hat, dass er auch so eine Art Schutzherr war für die Aborigines, die ihm dann das gegeben haben, in dem Glauben, dass er das für sie aufbewahrt, nicht wissend, dass er das dann weiter nach Europa bringt."

Obwohl es geheime, sakrale Objekte sind, weiß man heute einiges über die Bedeutung der Tjurunga. Für andere Objekte im Landesmuseum Hannover gilt das nicht. Vor der Ethnologin Bianca Baumann liegen zwei dunkle Holzfiguren aus Kamerun:

"Es ist eine Frau mit zwei Kindern und ein Mann mit einem Kind auf dem Rücken. Die wahre Funktion und Bedeutung von diesen Objekten versuchen wir immer noch herauszufinden. Das Problem ist nämlich, dass während der Kolonialzeit sehr viel gesammelt wurde, aber die Informationen dazu nicht. "

  (imago images / Artokoloro / David van der Kellen) (imago images / Artokoloro / David van der Kellen)Kirchen in der Kolonialzeit
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Erst durch die Kooperation mit Partnern aus Kamerun erfuhr Bianca Baumann, dass es sich um Ritualobjekte handelt, die an einem Ritualort zurückgelassen wurden. "Die Frage ist, ob das legitim ist, wenn man Objekte sieht, die einfach mitzunehmen, ohne zu wissen, wieso sie da liegen."

Die Völkerkunde folgte lange dem Imperativ, möglichst viele Objekte der indigenen Völker zu sammeln, um sie zu konservieren. Aber: "Wenn die Objekte tatsächlich hätten vergehen sollen, verrotten sollen, ist die Frage, ob wir überhaupt das Recht haben, den Zyklus des Objektes künstlich zu verlängern und hier weiterhin aufzubewahren, wenn sie dafür nie vorgesehen waren."

Missionssammlung auf dem Dachboden

Diese Fragen stellten sich die Sammler, zu denen auch viele Missionare gehörten, im 19. und beginnendem 20. Jahrhundert nicht. Auch nicht die Pallottiner. Markus Hau steigt eine Treppe hinauf zum Dachboden. Im Haus der Pallottiner in Limburg befand sich fast 90 Jahre lang das Missionsmuseum des Ordens. "Wir haben damals, als das Museum abgebaut wurde, 2011, da waren wir uns bewusst, die dürfen jetzt nicht irgendwo lagern. Deshalb sind die damals in Museumskisten verpackt worden, dass kein Staub eindringt, dass da nichts passiert."

Auf dem großen Dachboden des alten Missionshauses lagert die Sammlung der Mission in luftdicht verschweißten Kartons. "Das sind Armreifen, das sind Trommeln, ein Kopfschmuck, und das ist einer der Throne. Dann gibt es solche Häuptlingsstäbe, die heute auch noch benutzt werden."

Markus Hau ist Missionssekretär des katholischen Ordens der Pallottiner im deutschsprachigen Raum. Die Pallottiner sind vor 130 Jahren von Limburg aus in die deutsche Kolonie Kamerun aufgebrochen. Dort blieben sie bis zum Ersten Weltkrieg und sandten zahlreiche Gegenstände aus der Lebens- und Glaubenswelt der Ethnien des zentralafrikanischen Landes an die Lahn.

"Dann sind wir im Bereich von Masken. Die müsste man auch mal genau untersuchen, was drücken die aus." Die Masken sind traditionell dem Oberhaupt eines Dorfes oder einer Ethnie vorbehalten. Sie haben einen rituellen Charakter und werden beispielsweise bei Feiern zu Ehren der Ahnen getragen. Gerade wenn Markus Hau über die rituellen Objekte der Missionssammlung spricht, merkt man ihm an, dass er sich unwohl fühlt.

Mehrmals beteuert er, man müsste eigentlich Provenienzforschung betreiben, erforschen lassen, welche Geschichte die Gegenstände haben und wie sie nach Limburg gekommen sind. Doch dazu sei man noch nicht gekommen. Nun lagern die vielen Kisten weiter auf dem Dachboden. "Insofern ist die Sammlung gesichert, aber das darf hier auch nicht den endgültigen Platz finden."

Bekehren und "zivilisieren"

In Deutschland gibt es rund 80 solcher kirchlichen Sammlungen aus einstigen Missionsgebieten. Die meisten sind sehr klein, lagern in Ordenshäusern und sind in der Regel für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Begonnen hat die Geschichte der Missionsmuseen während der Kolonialzeit. Im 19. Jahrhundert entstanden in vielen deutschsprachigen Städten derartige Museen – so auch in Basel. Während die Pallottiner in Kamerun versuchten, die Einheimischen zu Katholiken zu machen, wollte die Basler Mission den Kamerunern den evangelischen Glauben bringen. Schon seit 1860 sammelte die Basler Mission gezielt ethnologische Objekte; 1908 wurde dann die erste Ausstellung eröffnet. Die Kulturanthropologin Isabella Bozsa hat sich intensiv der Provenienzforschung von Teilen der Basler Sammlung gewidmet.

Madagaskar, Kinder auf den Knien vor der hl. Lourdes  (imago stock&people)Postkarten mit angeblich 'bekehrten Heiden' wie diese aus Madagaskar wurden aus den Missionen verschickt (imago stock&people)

Sie sagt: "Einmal waren das tatsächlich Aufforderungen aus dem Missionsmuseum ganz konkret, als man dann das Sammeln professionalisiert hat, als man auch gemerkt hat, dass Missionsausstellungen durchaus lukrativ und beliebt sind; dass man auch im Zuge dessen versucht hat, Missionssammlungen zu erweitern. Vorher waren das aber vor allem Studiensammlungen: Das heißt, die Objekte sollten dafür genutzt werden, die Missionare auf ihre zukünftige Lebenswelt oder Umwelt vorzubereiten."

"Es ging darum zu zeigen, dass man es mit primitiven Bevölkerungen zu tun hatte, also vermeintlich primitiven. Die sich noch in einen sehr ursprünglichen Zustand der Gesellschaftsentwicklung befunden hätten, und denen man, was ihre Religion betrifft, was ihre Kultur betrifft, was ihre Wirtschaft betrifft, auf die Beine helfen müsste, um sie zu entwickeln", sagt der Göttinger Historiker Richard Hölzl. Er hat sich intensiv mit der Missionsgeschichte in Kamerun beschäftigt. "Zivilisieren war das große Schlagwort. Und dass das natürlich Konstruktionen sind, die aus der Kolonialzeit stammen, aber das war die Legitimationsgrundlage für die Mission. Dass man sagte, man geht dahin, um sie zu bekehren, aber in der Kolonialzeit auch, um sie zu zivilisieren."

Veränderte Debattenkultur

Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 80 Prozent des afrikanischen Kulturgutes in europäischen Sammlungen lagert – auch in denen der Missionsgesellschaften. Über Jahrzehnte wurden Objekte aus den Missionssammlungen meist unreflektiert in der Öffentlichkeit präsentiert. Doch spätestens seit der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Benedicte Savoy 2018 in einem Gutachten für den französischen Präsidenten Macron die Rückgabe des kolonialen Erbes forderten, hat sich die Debattenkultur verändert, sagt die Kulturanthropologin Isabella Bozsa:

"Als sensible Objekte bezeichnen wir rituelle Objekte, und das sind ganz viele in den missionarischen Sammlungen, weil man davon ausgehen kann, das diese nicht freiwillig abgegeben wurden."

Zu diesen sensiblen Objekten zählt beispielsweise im Wuppertaler Museum auf der Hardt der Vereinten Evangelischen Mission das Fragment eines Grabmals eines Herero-Führers aus Namibia. Das Grabmal wurde nach der Niederschlagung des Herero-Aufstandes in einer großen Missionsausstellung 1913 präsentiert. Der Kurator der heutigen Ausstellung Christoph Schwab: "Bei uns in der Ausstellung ist es ein ganz wichtiges Objekt, an dem wir auch den kolonial verstrickten Teil der Missionsgeschichte gut darstellen können. Man kann daran sehr anschaulich, Besuchern die Geschichte auch zeigen. Es regt zu Diskussionen immer wieder an."

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Man habe einige Versuche unternommen, die Herkunft des Grabmals näher zu erforschen, sagt der Wuppertaler Archivar: "Aber im Prinzip trotz der immer wieder aufgenommenen Recherchen und dem Kontakt zu den Stellen in Namibia selbst haben wir bislang nicht klären können, zu wessen Ehren dieses Grabmal einmal errichtet worden ist."

Christoph Schwab, Kurator im Wuppertaler Museum auf der Hardt der Vereinten Evangelischen Mission (Deutschlandradio/ Hollenbach)Den Besuchern den kolonialen Teil der Missionsgeschichte zeigen - Kurator Christoph Schwab im Wuppertaler Museum auf der Hardt (Deutschlandradio/ Hollenbach)

Schwab räumt ein, dass es der Vereinten Evangelischen Mission an finanziellen und personellen Kapazitäten fehle, tiefer in eine Provenienzforschung einzusteigen. Selbst für eine Digitalisierung der Bestände, die Interessenten aus den ehemaligen Missionsgebieten den Zugriff erleichtern würde, fehle das Geld.

Da hat Andrea Scholz in den vergangenen Jahren bessere Bedingungen nutzen können. Die Ethnologin hat mit finanzieller Unterstützung der Volkswagenstiftung die Herkunft bestimmter Objekte des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem untersucht. Unter anderem ist sie auf rituelle Objekte gestoßen, die von den Maroons aus Surinam stammen. Ursprünglich waren die Maroons seit Mitte des 17. Jahrhunderts als Sklaven aus Westafrika gekommen. Über die Herrnhuter Mission der evangelischen Brüdergemeine gelangten Gegenstände der Maroons ins Berliner Museum. Diese Ritualobjekte seien oft lokal und zeitlich sehr spezifisch genutzt worden:

"Das heißt, es ist extrem schwer zu sagen, was bedeutet dieser oder jener Gegenstand. Weil die Rituale immer wieder wie neu erfunden werden. Das hängt zusammen mit so einer Art Besessenheitskult: Also wo sich ein Geist einer Person bemächtigt, und dieser Geist sagt der Person, wie sie sich zum Beispiel kleiden soll oder was sie für Utensilien benutzen soll. Und das sind halt immer wieder neue Utensilien. Das heißt, in dem Moment, wo ein Missionar einer Person dieses Utensil oder dieses Kleidungsstück abnimmt und irgendwie sammelt und sonst wohin befördert, geht die Bedeutung verloren und damit auch der Sinn."

Begegnung im Berliner Humboldt-Forum

In Vorbereitung der Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum hat sich Andrea Scholz mit Vertretern indigener Völker aus dem Amazonasgebiet getroffen: "Das war sehr bewegend, weil die Leute zum Teil Dinge gesehen haben, die sie eben wirklich in real noch nie gesehen haben, sondern die sie nur kannten aus Mythen.

Zum Beispiel bei den Tukano Gruppen in Nordwest-Amazonien, da spielen Objekte eine ganz große Rolle in den Herkunftsmythen. Da gibt es zum Beispiel so einen Zigarrenhalter und eine dicke Zigarre, und der Mythos sagt, dass die ersten Menschen im Rauch von dieser Zigarre entstanden sind. Und es gibt ganz viele andere Objekte, die so bestimmte Symbole aus diesen Ursprungsobjekten dann auch in sich vereinen oder darauf referieren. Das ist wirklich eine ganz ausgefeilte Ästhetik."

Den Museumsobjekten wurde mit dem Besuch der Indigenen quasi Leben eingehaucht, neue religiöse Bedeutungszusammenhänge und eine zweite rituelle Ebene wurde sichtbar. "Es ist völlig schräg - also es hatte so alle Aspekte: Es war auf der einen Seite auch sehr heilsam und schön für beide Parts irgendwie diese Zusammenführung, aber es wurde auch immer sehr klar gesagt, diese Dinge gehören eigentlich uns aufgrund unseres traditionellen Rechts, weil das ist ganz klar, die Tradition sagt, diese Dinge wurden ererbt von den Vorfahren und gehören eigentlich zu den Clans oder zu den Gruppen dazu."

Dennoch sei eine Rückgabe oft gar nicht erwünscht, sagt Andrea Scholz. Weil sich die ursprüngliche Wirkung der Ritualgegenstände nach den Vorstellungen der Tukano zeitlich und lokal sehr begrenzt entfaltet. "Dann gibt es noch zusätzlich dazu einfach die Angst, dass die Dinge auch Schaden anrichten könnten, weil die Dinge nicht als einfache Dinge angesehen werden, sondern als Lebewesen."

Für die Besucher aus Amazonien war es schwer erträglich zu sehen, dass das, was sie als Geister ihrer Religion ansehen, als lebendige Wesen mit eigener Macht, im Berliner Museum in Kisten und Schubladen lagert. Für die Berliner Ethnologin ist klar, dass sie die religiösen Gefühle der Indigenen respektieren will. In einer Ausstellung sollen bestimmte Gegenstände nicht mehr präsentiert werden. 

Raub und Erpressung

Ein Raub ritueller Gegenstände war auch unter Missionaren nicht selten. Die Ethnologin Isabella Bozsa, die sich intensiv mit der Herkunft zahlreicher Objekte der Basler Mission unter anderem auch aus Kamerun befasst hat, nennt als Beispiel den Missionar Jakob Keller: "Der schrieb ganz explizit von Raub und aus seiner Sicht als Missionar, wo er sich selbst auch als Krieger bezeichnete, das war auch so eine Vorstellung, die vorherrschte in der Mission, dass die Missionare wie Krieger gegen das sogenannte Heidentum waren und in dieser Perspektive war es auch nichts Schlimmes, Objekte zu rauben." In den meisten Fällen bleibt es im Dunkeln, wie die rituellen und religiösen Objekte in die Sammlungen der Missionsgesellschaften oder der Museen kamen. Aber dass die Einheimischen – soweit nicht völlig überzeugte Konvertiten - ihre Ritualheiligtümer freiwillig den Missionaren übergeben haben, hält die Berlinerin Andrea Scholz eher für unwahrscheinlich:

"Das wäre ja absurd. Das wäre ja, als wenn man seine Seele hergibt."

Die Vertreter heutiger Missionsgesellschaften verweisen immer wieder darauf, dass viele der Ritualobjekte, die den Weg in die Museen und Sammlungen fanden, Geschenke seien von Einheimischen, die zum Christentum übergetreten waren. Das sei allerdings nicht immer ein reines Glaubensbekenntnis gewesen, räumt der Missionssekretär der Pallottiner, Pater Markus Hau ein: "Ich habe noch mit einem Pater gesprochen, der sagte: Ich weiß nicht, ob die Rosenkranz beten wollten, aber die wussten, wenn die Pallottiner kommen, dann gibt es eine Krankenstation, dann gibt es eine Schule, dann gibt es Entwicklung. Das war dann eine win-win-Situation."

Die Einheimischen kamen aber meist nur dann in den Genuss der sozialen und medizinischen Errungenschaften der Missionare, wenn sie – zumindest formal – ihren alten Glauben ablegten und sich anpassten. Der Göttinger Historiker Richard Hölzl hat diese Prozesse in Kamerun untersucht: "Es ist Teil eines kolonialen Unrechtskontextes, was genau bei der Mission wichtig ist, dass die in den jeweiligen Missionsgebieten ökonomisch sehr potent war. Das heißt, die Gesellschaften wurden zunehmend auch von der Mission abhängig. Sich also zu verweigern, einen Kulturgegenstand nicht abgeben zu wollen, hat ökonomische Konsequenzen."

"Missionsgeschichte wird harmonisiert"

Gerade die rituell-religiösen Objekte der Einheimischen wurden in den Missionsmuseen anfangs besonders präsentiert. Sie wurden ausgestellt wie Siegestrophäen, sagt Christoph Schwab, Kurator im Wuppertaler Museum auf der Hardt der Vereinten Evangelischen Mission. "So wurden sie auch hier in diesem Museum, das ja schon seit den 1830er Jahren existiert, durchaus auch gezeigt. Das war auch ein Werbemittel für die Mission hier in Deutschland, um Spenden einzuwerben, um Unterstützer zu gewinnen: ‚Seht her, das sind die Früchte eurer Missionare in Afrika und Asien.‘"

Heutzutage werden diese Objekte in der Regel nicht mehr despektierlich als Artefakte einer primitiven Kultur vorgeführt. Richard Hölzl verweist auf das Museum St. Ottilien der Missionsbenediktiner. Die 2015 neu eröffnete Dauerausstellung präsentiert die Objekte in einem neuen Licht: "Die werden wirklich ausgestellt als Kunstwerke. Das ist einerseits ein Schritt in eine positive Richtung, dass man anerkennt, dass hier eine sehr hochwertige kulturelle Produktion stattgefunden hat. Zum anderen aber wird hier eine Geschichte von Gewalt und Konflikten zum Verschwinden gebracht. Letztlich wird die Geschichte von Mission im kolonialen Zeitalter dadurch harmonisiert. Man übergeht die historischen Konflikte und springt von der Darstellung her in die Gegenwart, wo das alles schön, ästhetisch, positiv dargestellt wird. Gleichzeitig verliert man die Erinnerung und auch die Chance, vergangene Gewalt aufzuarbeiten."

Als Beispiel nennt Hölzl Ritual-Trommeln, die man in der Ausstellung bewundern kann: "Wenn die Missionare um 1920 Trommeln hörten, dachten sie: ‚So, hier wird eine Feier von Heiden gefeiert‘. Und sie hofften, dass da keine Christen dabei sind; und wenn sie die Trommel hörten und dann die Christen dabei erwischten, haben sie sie aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen, gingen mit Gewalt gegen Initiationsfeiern vor, haben die Leute geschlagen, wenn die stattfanden. Und heute sind diese Objekte, die diese Initiation repräsentieren als Kunstwerke dargestellt. Von der Gewaltgeschichte findet sich so gut wie nichts mehr."

Durch die Ästhetisierung der Artefakte werde nicht nur der oft gewalttätige Kontext verdeckt, sondern auch der spezifisch religiöse Hintergrund. "Ich sehe keine adäquate Diskussion oder keinen adäquaten interreligiösen Zugang zu diesen Gegenständen. Nichtchristliche Religionen werden in Missionsmuseen meines Wissens nicht auf Augenhöhe präsentiert."

Neuerzählung dringend erforderlich

Isabella Bozsa wünscht sich eine Art Paradigmenwechsel. Denn auch wenn die Verantwortlichen der Missionsmuseen und der Missionssammlungen mittlerweile kritischer als früher auf die gesammelten, gekauften, getauschten, geraubten Objekte schauen, gilt dennoch: "Natürlich ist das eine sehr eurozentrische und auch noch missionarische Perspektive, also eine christlich eurozentrische geprägte Geschichtserzählung oder Objekterzählung. Und die erfordert definitiv eine Neuerzählung und in dem Zusammenhang ist es ganz wichtig, dort auch andere Quellen als nur die historischen heranzuziehen - zum Beispiel orale Überlieferungen."

Mündliche Überlieferungen der indigenen Ethnien, die einen ganz anderen Blick auf bestimmte Gegenstände werfen. Und die auch andere Bezeichnungen verwenden. Denn Sprache schafft auch Wirklichkeit. Die Braunschweiger Ethnologin verweist auf ein Objekt aus der früheren Ausstellung der Basler Mission.

"Ein Beispiel wäre da die Teufelstänzerhose, was einfach die Bekleidung eines Ritualspezialisten bezeichnet hatte. Aus meiner heutigen Perspektive bin ich darüber gestolpert, und es hat mich irritiert. Und ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen, was eine Teufelstänzerhose denn sein sollte, aber aus Missionsperspektive drückte das eben diesen teuflischen Aberglauben aus. Eine Dekolonisierung der Sprache ist sehr wichtig, weil sich einerseits koloniale Überlegenheitsvorstellungen, aber auch rassistische Vorstellungen und eben auch christlich eurozentrische, die eben nicht-christliche Kulturen abwerten, die sind natürlich in die Sprache eingegangen. Da müssen wir heute unbedingt neue Begriffe finden, um nicht die kolonialen Weltbilder zu reproduzieren."

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