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Delta-VarianteWie gefährlich ist B.1.617?

Fotomontage: Mutierter Coronavirus, Symbolfoto Delta-Variante B.1.617.2  (Christian Ohde/Imago)
Mutierter Coronavirus, Delta-Variante B.1.617.2 (Christian Ohde/Imago)

Die Delta-Variante des Coronavirus gilt im Vergleich zum Wildtyp als ansteckender und gefährlicher. Erstmals im Oktober 2020 in Indien entdeckt, breitet sie sich inzwischen in vielen Weltregionen aus. Auch in Deutschland steigt ihr Anteil. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie gefährlich ist die Variante?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet damit, dass Delta zur weltweit dominierenden Variante wird. Bislang wurde sie in mehr als 120 Ländern nachgewiesen, Tendenz steigend. Daten der britischen Gesundheitsbehörden zufolge steigt die Chance, sich im eigenen Haushalt zu infizieren, um 64 Prozent im Vergleich zur Alpha-Variante. Zur Erinnerung: Die zuerst in England entdeckte Alpha-Variante B.1.1.7 galt schon einmal als sehr viel ansteckender als der Wildtyp der ersten Welle im Frühjahr 2020.

Auch zwei weitere noch nicht veröffentlichte Studien untermauern die Gefährlichkeit: In China wurden Menschen untersucht, die nach Kontakt mit einem mit der Delta-Variante Infizierten in Quarantäne waren. Der PCR-Test sei bei ihnen schon nach durchschnittlich vier statt wie bei frühen Varianten nach sechs Tagen positiv gewesen. Außerdem sei die Viruslast beim ersten Positiv-Test 1.200-mal höher gewesen als bei ursprünglichen Virusvarianten. "Das legt nahe, dass diese besorgniserregende Variante sich möglicherweise schneller vermehrt und in den frühen Stadien der Infektion ansteckender ist", so die WHO.

Einer kanadischen Studie zufolge waren bei einer Covid-19-Erkrankung mit Delta-Variante auch die gesundheitlichen Risiken deutlich höher als bei früheren Corona-Typen: Das Risiko, ins Krankenhaus zu müssen, war um etwa 120 Prozent erhöht; die Gefahr, Intensivpflege zu benötigen, um etwa 287 Prozent. Das Sterberisiko war demnach um etwa 137 Prozent höher.

Diese Daten sind allerdings noch nicht abschließend geprüft und veröffentlicht. Der Präsident der Bundesärztekammer, Reinhardt, betont denn auch, er sehe keinen Grund zur Panik. Die Variante sei nach den ihm bekannten Daten zwar ansteckender, aber nicht gefährlicher, sagte Reinhardt im Deutschlandfunk.

Delta scheint jedenfalls einen sogenannten Fitness-Vorteil gegenüber Alpha zu besitzen: In Großbritannien, wo sehr viele Proben sequenziert und auch andere Daten erhoben werden, machte Delta Mitte Juni gut 90 Prozent aller Infektionen aus. Das heißt, die Variante hat Alpha weitgehend verdrängt - welche sich einst sehr schnell gegenüber dem Wildtyp durchgesetzt hatte. Solche Fitness-Vorteile gehen oft mit evolutionären Nachteilen für die jeweilige Mutation einher, zum Beispiel könnte eine neue Variante gleichzeitig ansteckender, aber weniger krankmachend sein. Bei Delta scheint das nicht der Fall zu sein, sodass es auch bei einer Infektion mit der neuen Variante zu vielen schweren Verläufen und Todesfällen kommt.

Indiens Gesundheitsministerium vermeldete am 23. Juni, es seien bereits rund 40 Fälle einer sogenannten "Delta Plus"-Variante (B1.617.2.1) registriert worden. Diese sei besonders ansteckend und binde sich stärker an Lungenzellen. Sie unterscheidet sich von der herkömmlichen Delta-Variante durch eine weitere Mutation (K417N) am Spike-Protein, also an dem Bauteil, das für das Andocken an menschliche Zellen verantwortlich ist. Diese Mutation war auch in der in Südafrika entdeckten Beta-Variante vorgekommen.

Verändert sich das Krankheitsbild mit der Delta-Variante?

Die Forschenden der britischen Zoe Covid Symptom Studie, für die Menschen ihre Symptome hochladen können, haben festgestellt, dass die vorherrschenden Symptome der neuen Variante bei jungen Menschen eine laufende Nase und Kopfschmerzen sind. Die bisher als für Corona klassisch geltenden Symptome wie Husten, Fieber und Geschmacks- sowie Geruchsverlust treten demnach nur noch selten mit der Delta-Variante auf. Der Studienleiter Tim Spector betonte der BBC gegenüber, dass Menschen möglicherweise denken, sie hätten eine Art saisonale Erkältung, und deshalb trotzdem auf Partys gingen. Das könnte zu einer noch schnelleren Ausbreitung beitragen.

Was bedeutet Delta für die weltweite Impfkampagne?

In Großbritannien sind bislang mindestens 26 Menschen trotz vollständigem Impfschutz an oder mit einer Infektion mit der Delta-Variante verstorben. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die verfügbaren Impfstoffe gegen die Variante nicht wirkten, sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, im NDR-Podcast "Coronavirus-Update": Bei derart großen Fallzahlen könnten "in den Statistiken Einzelfälle übrig bleiben. Insgesamt ist es nicht so, dass der Eindruck hier besteht, dass diese Delta-Variante jetzt einen so großen Immunescape zeigen würde, dass es ein erhebliches Risiko gäbe, bei vollständiger Impfung jetzt trotzdem zu versterben."

Auch der Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund betonte im Deutschlandfunk, man sei dem Virus nicht hilflos ausgeliefert. Die Effektivität des Biontech-Impfstoffes falle von 90 Prozent bei der Ursprungsvariante auf 88 Prozent, die von Astrazeneca von 66 auf 60 Prozent. Diese Zahlen gelten nach der vollständigen Immunisierung, also nach der zweiten Impfung. Die Delta-Variante sei "besonders gut darin", Menschen mit nicht vollständigem Impfschutz zu infizieren, also nach einer ersten Impfung.

Befeuert Delta eine vierte Welle in Deutschland?

In Deutschland hat die Delta-Variante alle anderen Varianten zurückgedrängt. Mitte Juli lag ihr Anteil bereits bei mehr als 70 Prozent. Das Infektionsgeschehen in Deutschland liegt derzeit zwar noch auf einem niedrigen Niveau, die Werte steigen aber deutlich und schnell. Bundesgesundheitsminister Spahn warnte davor, dass es ohne Gegenmaßnahmen im Herbst Inzidenzen von 400 bis 800 geben könnte.

Welche Maßnahmen werden gegen die Ausbreitung der Delta-Variante ergriffen?

Wieder steigende Fallzahlen haben bereits in einigen Ländern zu Verschärfungen der Corona-Regeln geführt: So nahmen die Niederlande zum Beispiel Lockerungen zurück, Ministerpräsident Rutte entschuldigte sich öffentlich für eine Fehleinschätzung der Lage. In Frankreich gelten strengere Einreisebestimmungen sowie Einschränkungen beim Besuch von Museen, Theatern und Freizeiteinrichtugen. Außerhalb Europas verhängten unter anderem Indonesien und Australien neue Lockdowns. Auch Länder mit einer hohen Impfquote wie Israel oder Chile waren betroffen und mussten Lockerungen zurücknehmen.

England hob dagegen am sogenannten "Freedom Day" fast alle Corona-Maßnahmen auf - trotz mehr als 50.000 Neuinfektionen an einem Tag. Premierminister Johnson verwies auf die Eigenverantwortung der Menschen, Wissenschaftler äußerten sich dagegen entsetzt - auch weil durch steigende Infektionszahlen neue Mutationen erleichtert werden.

(Stand: 22.07.2021)

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+ Lage: Infektionszahlen in Deutschland (Stand 23.07.)

+ Auslands-Urlaub: Liste der Risikogebiete (Stand 16.07.)

+ Mutation: Wie gefährlich ist die Delta-Variante? (Stand: 22.07.)

+ Bildung: Wie geht es im Herbst weiter für die Schulen? (Stand 17.07.)

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