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StartseiteKalenderblattDem Adel die Stirn geboten27.06.2006

Dem Adel die Stirn geboten

1856 starb der Verleger Joseph Meyer

Der Kaufmann und Verleger Joseph Meyer verkaufte zwischen 1826 und 1856 weltweit mehrere Millionen Bücher. Um Zensurverbote zu umgehen, blieben ihm oft nur versteckte politische Andeutungen. Vor 150 Jahren starb der Begründer und Namensgeber des "Großen Konversations-Lexikons".

Von Hartmut Goege

Joseph Meyer war ein Vorreiter im deutschen Verlagswesen. (AP)
Joseph Meyer war ein Vorreiter im deutschen Verlagswesen. (AP)

"Erst muss das Volk seine Dichter für ein paar Groschen erhalten, damit ihm der Geist geweckt werde. Dann muss es mit der Natur und ihren gewaltigen Kräften vertraut gemacht werden. Endlich muss man ihm die Geschichte der Völker in die Hand geben, damit es erkenne, wie sehr die Menschheit auf dem Wege nach einer großen allgemeinen Glückseligkeit geirrt hat. Ein so gebildetes Volk wird ein vernünftiges Staatsleben führen."

Mit diesen liberalen Grundsätzen umschrieb Joseph Meyer sein Verlagsprogramm, als er 1826 das Bibliographische Institut in Gotha gründete, die Wiege des umfangreichsten Nachschlagewerks des 19. Jahrhunderts: "Das Große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände", ein 66.000-seitiges Werk, das er über 20 Jahre lang erfolgreich in preiswerten Fortsetzungsbögen über ein Netz von reisenden Kaufleuten an Abonnenten verteilte - eine bis dahin unbekannte Vertriebsmethode. Damit war Meyer, so Michael Wegner, ehemaliges Vorstandsmitglied des Bibliographischen Instituts, ein Wegbereiter des Subskriptionswesens in Deutschland:

"Der Erfolg war, dass seine Liquidität immer recht gut war. Wenn man die dicken Bände von mehreren hundert bis zu tausend Spalten sieht, wenn er die alle erst hätte fertig machen müssen, bevor er sie verkaufen konnte, dann wäre der Aufbau des Verlages ihm sicherlich nicht so gut gelungen. Jetzt konnte er drei bis vier Bogen bereits verkaufen, hatte das Geld, konnte weiter produzieren. Im Buchhandel ist diese Vertriebsmethode, die an dem herkömmlichen Buchhandel vorbeiging, scharf kritisiert worden, sie hat sich aber durchgesetzt und ist dann später auch von anderen Verlagen praktiziert worden."

Joseph Meyer wurde am 9. Mai 1796 als Sohn eines vermögenden Schuhfabrikanten in Gotha geboren. Mit 17 sollte er in den väterlichen Betrieb eintreten. Doch der intelligente und eigenwillige Junge hielt es im stillen Gotha nicht lange aus. Ihn reizte die Welt der Wirtschaft und der Börsen. Bald zog es ihn nach London, wo eine Exportfirma seine besonderen kaufmännischen Talente entdeckte und ihm schnell weitreichende Geschäftsvollmachten übertrug. Drei Jahre lang sammelte er Erfahrungen mit Spekulationsgeschäften, bis er mit einem Kaffee-Termin-Geschäft die Firma in den Bankrott trieb.

Wegner: "Er floh nach Hause, nach Gotha, um dem Schuldturm zu entgehen. Er hatte jetzt Englisch gelernt, er verstand etwas von der Wichtigkeit, dass Nachrichten, Börsennachrichten, Wirtschaftsnachrichten in der Welt verbreitet werden. Er brachte ein British-Chronicle heraus, er brachte in einem anderen Verlag Shakespeare-Übersetzungen heraus, und gründete dann seinen eigenen Verlag."

Innerhalb von nur vier Jahren - Meyer war knapp über 30 - stieg sein Bibliographisches Institut zu einem der größten deutschen Verlage mit fast 200 Beschäftigten auf. Klassiker-Bändchen und ganze Serien von Atlanten fanden reißenden Absatz. Zunehmend erfolgreich wurde Meyer auch mutiger. Seine Schriften standen im Verdacht, als Träger neuer Ideen die hergebrachte Ordnung in Frage zu stellen. Nach der Pariser Revolution von 1830 hatte sich der Verleger für eine deutsche Verfassung und mehr Rechte eingesetzt. Um Zensurverbote zu umgehen, blieben ihm, der viele Texte selber schrieb, oft nur versteckte politische Andeutungen, wie etwa in Städtebeschreibungen seiner Universum-Atlanten:

"Und nie vielleicht hätte Venedig seine Macht nach Außen verloren, hätte es seine Freiheit im Innern sich zu bewahren gewußt. Jene sank erst dann, nachdem diese untergegangen und der Bürger Sklave geworden war einer enggeschlossenen Erbaristokratie."

Ausgerechnet nach dem Revolutionsjahr 1848 wurden Meyers Atlanten in Preußen dennoch verboten, er selbst wegen Majestätsbeleidigung zu mehreren Wochen Haft verurteilt. Um drohende Verbote seines erfolgreichsten Produkts auch in anderen deutschen Staaten zu verhindern, unterbrach er seine publizistischen Aktivitäten.

"Das Buch hing mir am Herzen und mein Wirken durch dasselbe war mir theuer. Um das Äußerste abzuwenden, sah ich nur einen Ausweg. Ich legte freiwillig ein Jahr lang die Feder nieder und gewann Zeit, dem Buch für sein Bestehen ein neues Fundament zu bereiten."

Neben Buchhandel und politischer Publizistik hatte Joseph Meyer sich immer wieder auch mit industriellen Unternehmungen beschäftigt, doch wie zum Ende seiner Londoner Zeit mit weniger Glück. Eine spektakuläre Pleite erlebte er mit einem von ihm geplanten Mittelstück einer "Hanseatisch-süddeutschen Centraleisenbahn".

Wegner: "Das Unternehmen, so geht die Legende in unserem Hause, scheiterte daran, dass König Ernst August von Hannover keine Lizenz gab, und gesagt haben soll 'Ich will nicht, dass jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich'. Der demokratische Aspekt der Eisenbahn war suspekt, denn das schnelle Reisen galt als natürliches Vorrecht des Adels."

Als Joseph Meyer am 27. Juni 1856 einem Schlaganfall erlag, wurde über sein Vermögen der Konkurs eröffnet, das Bibliographische Institut aber bestand mit seinen immer wieder erweiterten Konversationslexika noch bis 1984, ehe es mit dem Brockhaus-Verlag fusionierte.

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