Montag, 26.10.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheKlare Forderung im kleinen Rahmen22.08.2020

Demo-Absage in HanauKlare Forderung im kleinen Rahmen

Die Einwohner der Stadt Hanau bringen bis heute viel Kraft auf, um an die Ermordeten zu erinnern, kommentiert Ludger Fittkau im Dlf. Dies könne man nur bewundern. Aufgrund des Coronavirus sei das Gedenken nur im kleinen Rahmen möglich gewesen – dennoch waren die Forderungen klar und deutlich, so Fittkau.

Von Ludger Fittkau

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Hessen, Hanau: Eine Frau hält bei der offiziellen Gedenkveranstaltung zu den rassistisch motivierten Anschlägen in Hanau ein Schild mit der Aufschrift «Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen in den Händen. (dpa-Bildfunk / Boris Roessler)
Kundgebung zum Gedenken an die Opfer von Hanau (dpa-Bildfunk / Boris Roessler)
Mehr zum Thema

Gedenken an den Anschlag in Hanau „Wir möchten, dass diese Tat restlos aufgeklärt wird“

Medienkritik Aus Hanau wurde nichts gelernt

Projekt von Journalistenschule Die Lehren aus Halle und Hanau

Anschlag vom 19. Februar 2020 Hanau plant Mahnmal gegen Rassismus

Angemessene Erinnerung! Lückenlose Aufklärung! Politische Konsequenzen! Dies schrien zu Recht die Angehörigen der Opfer von Hanau gemeinsam heute auf der Bühne in der Hanauer Innenstadt. Die Kundgebung war übriggeblieben von den Plänen, heute eine große Demonstration in der Stadt durchzuführen – sechs Monate nach den rassistischen Morden von Hanau.

Das Coronavirus verhindert seit nunmehr Anfang März, dass in Hanau kollektiv getrauert werden kann. Dies ist ein Drama, das heute seine Fortsetzung fand. Denn die Demonstration gegen Rassismus, an der heute viele tausend Menschen in der Stadt der Terroraktes vom 19. Februar teilnehmen wollten, musste abgesagt werden. Weil die Covid-19-Fallzahlen in Hanau wie auch im benachbarten Offenbach in den letzten Tagen wieder rasant gestiegen waren.
Stattdessen ein kleiner Rahmen für die Gedenkveranstaltung und Übertragung im Internet. Das konnte kein Ersatz sein für die Kraft einer großen, weltoffenen Gemeinschaft, die sich die Opferangehörigen von den Tausenden erhofft hatten, die mit ihnen auf die Straße gegangen wären.

Kein Wunder, dass die Enttäuschung in Hanau groß war. Das unbarmherzige Virus macht nicht nur Individuen krank, sondern beschädigt auch die demokratische Öffentlichkeit und solidarische Diskurse, wie sie gerade in der nach wie vor traumatisierten Stadt Hanau so dringend gebraucht würden.

Klare Forderung gegen Rassismus

Andererseits: Da waren heute auf der Bühne wieder die zornigen und eindrucksvollen Reden vieler Opferangehöriger. Deren klare Forderung, Rassisten in Deutschland keine Waffenscheine zu geben. Oder die erneute Forderung nach dem Rücktritt des hessischen Innenministers Peter Beuth, der aus Sicht der Angehörigen die Fehler der Polizei in der Tatnacht immer noch schönredet.

Und da ist auch dieses beeindruckende Video, das Angehörige sowie Freundinnen und Freunde der Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar gedreht haben. Mit diesem Video hatte die "Initiative 19. Februar Hanau" auf ihrer Homepage zur Demonstration heute eingeladen. Ein zentraler Satz lautet: "Wer sich mit Hanau anlegt, hat sich mit der falschen Stadt angelegt."

Eine Frau legt als Zeichen der Trauer eine Karte und Blumen an einem Tatort in Hanau nieder. (dpa-Bildfunk / Dorothee Barth) (dpa-Bildfunk / Dorothee Barth)Anschlag von Hanau: Neue Strategien gegen Rechtsextremismus
Der rechtsextremistische Terror stellt Sicherheitsbehörden vor ein massives Problem. Laut BKA seien 50 Prozent der Täter vorher nicht polizeibekannt. Darauf müssten sich die Sicherheitsbehörden einstellen – und mehr Befugnisse zur Gefahrenabwehr erhalten, fordern Landespolitiker.

Dieses enorme Selbstbewusstsein hat auch das Virus bisher nicht brechen können. Die Botschaft lautet: Hanau, in der jede und jeder Vierte keinen deutschen Pass und die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, war bis zum 19. Februar 2020 eine Stadt, in der Rassismus wenig Platz hatte. In der die Integration nicht immer reibungslos, aber doch im Ganzen seit Generationen recht gut funktioniert.

"Wer sich mit Hanau anlegt, hat sich mit der falschen Stadt angelegt." Dieser Satz heißt auch: Hanau ist zwar nach wie vor traumatisiert, wird durch die Corona-Krise an der öffentlichen Aufarbeitung der Tat vom 19. Februar gehindert, doch ist nicht paralysiert.

Denkmal für die Opfer ist geplant

Immer noch werden frische Blumen und Kerzen am Brüder-Grimm-Denkmal auf dem Marktplatz aufgestellt. Doch längst plant man in der Stadt ein eigenes Denkmal für die Opfer des Anschlages, für das ein internationaler Kunstwettbewerb in Vorbereitung ist. Die Kanzlerin Angela Merkel soll dabei eingebunden werden. Längst ist überdies eine Immobilie in der Hanauer Innenstadt gefunden worden, in der die Stadt mit Hilfe von Land und Bund ein Zentrum für Demokratie und Toleranz einrichten will, in dem anti-rassistische Aufklärungsarbeit geleistet werden soll.

"Wer sich mit Hanau anlegt, hat sich mit der falschen Stadt angelegt." Das ist die klare und entschlossene Botschaft der Opferangehörigen an die Rassisten: Weder ihr noch das Virus werden uns daran hindern, alles zu tun, dass Hanau wieder das wird, was die Stadt bis zum 19. Februar 2020 gekennzeichnet hat: unspektakulär und nicht konfliktfrei, aber dennoch eine weitgehend friedliche Multi-Kulti-Kommune!

Angemessene Erinnerung! Lückenlose Aufklärung! Politische Konsequenzen! Das wollen die Angehörigen der Opfer vom 19. Februar 2020. Da kann man ihnen nur zustimmen. Die Kraft, die sie trotz ihrer Verletzungen bis heute aufbringen, um an die Ermordeten zu erinnern, kann man nur bewundern.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk