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DemografieBabyboom in Russland

Es sind die Probleme vieler Wohlstandsgesellschaften: rückläufige Geburtenzahlen und die Überalterung der Gesellschaft. Viel wird darüber diskutiert, weshalb weniger Kinder geboren werden und über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Russland hat es geschafft, eine Trendwende herbeizuführen.

Von Gesine Dornblüth

Russlands Präsident besucht eine frisch gebackene Mutter. (AFP / Ria Novosti / Alexey Nikolsky)
Russlands Präsident Wladimir Putin besucht eine frisch gebackene Mutter. (AFP / Ria Novosti / Alexey Nikolsky)
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Zwischen Schönheitssalon und Chefetage (Deutschlandfunk, Gesichter Europas, 01.03.2014)

Eine städtische Geburtsklinik in Rostow am Don, einer Großstadt im Süden Russlands. Zwölf Säuglinge liegen zu Bündeln geschnürt nebeneinander in einer Plastikwanne. Alle sind ein bis zwei Tage alt, erzählt die Chefärztin Maria Potapova.

"In den letzten 24 Stunden hatten wir 17 Entbindungen. Das ist sehr viel. Im Jahr haben wir bis zu 4.000. Ich bin seit acht Jahren an dieser Klinik. Seit dem steigt die Zahl der Entbindungen jedes Jahr um ein- bis zweihundert."

In einem Einzelzimmer wartet Galina auf ihre Entlassung. Neben ihr liegt Töchterchen Rosalia, sechs Tage alt. Es ist ihr drittes Kind.

"Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden. Unsere Familienverhältnisse sind stabil. Ich vertraue meinem Mann. Ich fühle mich beschützt. Warum also keine Kinder kriegen?"

Galina beschreibt einen Trend, der ganz Russland erfasst hat. 2013 überschritt die Geburtenrate in Russland die Sterberate – erstmals seit 1991. Präsident Putin hat schon vor Jahren erklärt, eine Hauptaufgabe der russischen Politik sei es, den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. Er betont den Wert der Familie, besonders der Großfamilie, und der Mutterschaft. Vor dem Hintergrund wurden finanzielle Anreize geschaffen. Seit einigen Jahren zahlt der Staat ab dem zweiten Kind Geburtenprämien: Umgerechnet rund 10.000 EUR.

Gerade in den russischen Provinzen ist das viel Geld. Die Einmalzahlung ist zweckgebunden: Wer sie in Anspruch nimmt, kann damit entweder die eigenen Wohnverhältnisse verbessern, die Ausbildung der Kinder finanzieren oder die Altersvorsorge der Mutter aufstocken. Für sie sei das Geld aber nicht ausschlaggebend gewesen, erzählt Galina; ihr Mann ist Fotograf, er verdiene gut; und sie hätten auch ausreichend Platz. Die Familie lebt mit den Schwiegereltern in einem Einfamilienhaus.

"Wir haben die Prämie beantragt, aber noch nicht entschieden, was wir damit machen. Meinen Freunden ist das Geld aber sehr wichtig. Sie haben sich eine Wohnung gekauft. Es kriegt doch niemand noch ein Kind, wenn man zu mehreren in einer Einzimmerwohnung lebt."

Gesetzlicher Mutterschutz

Zusätzlich zu den Geburtenprämien hat Russland auch den gesetzlichen Mutterschutz verbessert. Arbeitgeber sind verpflichtet, Müttern ihren Arbeitsplatz bis zu drei Jahre nach der Geburt freizuhalten. Auffallend ist, dass sich in Russland neuerdings immer mehr ältere Frauen für eine erneute Schwangerschaft entscheiden. Nadjeschda Lewitzkaja leitet die Gesundheitsbehörde von Rostow.

"Früher galten 28-Jährige als spätgebärend. Jetzt entbinden viele Frauen noch einmal mit 42 oder sogar 45 Jahren. Die Kinder sind deshalb oft 12 oder 16 Jahre auseinander."

Nadjeschda Lewitzkaja hat selbst eine Tochter. Sie kam Ende der 90er-Jahre auf die Welt.

"Damals kamen Pampers gerade erst auf den Markt. Ich habe noch gewickelt. Wir hatten auch noch keine vernünftige Waschmaschine. Es war sehr anstrengend, in Russland Mutter zu sein. Heute gibt es alles zu kaufen: Kinderwagen, Säuglingsnahrung, Spielzeug. Und der Durchschnittslohn erlaubt es, Kinder auszustatten. Wir haben zivilisatorisch wirklich einen Riesenschritt nach vorn gemacht."

Doch der Babyboom hat eine Kehrseite: Es gibt zu wenig Kindergartenplätze. In Rostow zum Beispiel müssen Mütter oft mehrere Monate warten, ehe sie ihre Kinder unterbringen können. Die dreifache Mutter Galina schreckt das nicht. Sie ist bereit, gern noch länger zuhause zu bleiben.

"Wenn ich unseren Präsidenten anschaue, gewinne ich mehr und mehr die Überzeugung, dass die Situation in unserem Land stabil ist. Das heißt, dass mein Mann auch weiterhin gut verdient. Wenn meine Gesundheit es erlaubt, möchte ich noch ein viertes Kind bekommen."

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