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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Ende alter Gewissheiten21.09.2019

Demokratie und VerständigungDas Ende alter Gewissheiten

Der gesellschaftliche Alltag sei heute häufig geprägt von Konformitätsdruck innerhalb einer Gruppe, kommentiert der frühere Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger", Peter Pauls, im Dlf. Das Vermögen, die eigene Haltung in Frage zu stellen und aufeinander zuzugehen, werde zur Ausnahme.

Von Peter Pauls, freier Journalist

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Überlappende Silhouetten verschiedener Personen  (Imago)
Die Mühsal der Kompromissfindung ist immer mehr verpönt, im Alltag wie auch im politischen Betrieb, meint Peter Pauls (Imago)
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Eva Menasse Vom Verschwinden der Öffentlichkeit

Zum vierten Mal in vier Jahren müssen die Spanier im November wählen gehen. Dabei haben sie erst letzten April ihr Parlament bestimmt. Doch die Gespräche zur Regierungsbildung sind gescheitert. Seit 2015 wird in der Hauptstadt Madrid mehr verwaltet als regiert. Konservative und Sozialisten, die einst Volksparteien bildeten, sind geschrumpft, neue Kräfte hinzugekommen.

Was allen fehlt, ist der Wille zu Dialog und Kompromiss. Das mag auch der noch jungen Demokratie in Spanien geschuldet sein, die die Franco-Diktatur erst mit den Parlamentswahlen von 1977 überwand.

Doch lässt sich, was Sozialpsychologen in der deutschen Gesellschaft beobachten, ebenso auf die spanische Regierungsbildung anwenden wie auf Strukturen im Brexit-Konflikt oder gar die Regierungsbildung in Israel.

Zerstückelung der Gesellschaft

Im Deutschlandfunk sprach der Wissenschaftler Ernst-Dieter Lantermann davon, dass zwischen einzelnen Gruppierungen Mauern hochgezogen würden. Das gelte für Klimaschützer ebenso wie für Fremdenhasser oder Veganer. Sie bauten eigene Welten auf. Empathie und Mitleid würden begrenzt auf die Menschen, die die eigene, eingeengte Weltsicht teilen. Dadurch entstehe eine Zerstückelung der Gesellschaft auf Kosten des Dialogs mit Andersdenkenden.

In der Tat ist der gesellschaftliche Alltag, zumal in den allgegenwärtigen sozialen Medien, geprägt von Konformitätsdruck innerhalb einer Gruppe. Das Vermögen, die eigene Haltung in Frage zu stellen, Argumente auszutauschen und aufeinander zuzugehen, ist zur Ausnahme geworden.

Die Mühsal der Kompromissfindung ist verpönt, im Alltag, wie auch im politischen Betrieb. Die SPD kann ein Lied davon singen. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU schmolz die einstige Volkspartei in der Großen Koalition dahin. Umfragen sehen sie bei etwa 15 Prozent.

Wenn nur das Trennende eint, muss man sogar über Selbstverständlichkeiten streiten. Die Rettung von Migranten aus Seenot ist ein solches Thema - als gäbe es keine Humanität mehr.

Digitaler Taktstock

Verhandlung, Diskussion und Kompromiss haben es schwer in einer Welt, die dauerhaft hyperventiliert. Stets und ständig geht es ums Ganze, muss wenigstens der soziale Friede, häufig aber gleich die ganze Welt gerettet werden.

Soziale Unruhen können dem ungeregelten Brexit folgen, der Klimawandel bedroht die Menschheit unmittelbar, Massenarmut sucht die Alten heim während Donald Trump die Weltwirtschaft ruiniert, womöglich gleich noch den Weltfrieden.

Das alles gab es früher auch schon. Doch nie in solch vielstimmiger Gleichzeitigkeit und medialer Dichte, getragen von alarmistischem Ton. Facebook, Twitter und Co. tragen Botschaften um die Welt und erzeugen Bekenntnisdruck. Kein Wunder, dass da viele in die Behaglichkeit irgendeiner Gruppe flüchten, um nur ein wenig Ruhe zu finden.

Wer in dieser Welt zu den Gewinnern gehören möchte, muss den digitalen Taktstock schwingen können. Wie der US-Präsident etwa. 60 Millionen Menschen folgen Donald Trump auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Beeindruckend? Vielleicht. Aber Barack Obama, Trumps Vorgänger, bindet sogar 100 Millionen.

Mit Politik punkten

Boris Johnson und Matteo Salvini aus Italien erzielen spielend Aufmerksamkeit allein durch populistische Auftritte. Vielleicht reicht es aber auch schon, eine Persönlichkeit zu sein, um die vielen Segmente zu überragen, in denen konformes Binnenklima herrscht. Immerhin zeigen Angela Merkel oder der französische Präsident Macron, dass man mit Politik punkten kann.

Aber wie kann es gelingen, Gesellschaften zusammenzuführen, statt sie zu fragmentieren? Das Thema Umweltpolitik könnte durchaus dazu taugen. Der Klimawandel an sich ist unbestritten. Er geht über nationale Grenzen hinweg und ist neben Krieg, Misswirtschaft und politischer Verfolgung ein Faktor, der Millionen von Menschen in Marsch zu setzen vermag - auf der Suche nach besseren Lebensumständen.

"Nichtstun wird teurer", hat die Bundeskanzlerin festgestellt. Eigentlich ist das ein Thema für die Mitte der Gesellschaft, an dem eine Generation junger Politiker sich erproben müsste. Damit sind wir wieder bei Spanien. Wenngleich die Parteien in vorderster Linie stehen - die Regierungsbildung dort ist lange schon ein Thema für die Mitte der Gesellschaft. Was kommt nach den Neuwahlen? Vielleicht liefern die Iberer uns ein Lehrstück. Wie man es macht. Oder wie man es besser nicht macht.

Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität in Köln. Er ist seit 1977 beim "Kölner Stadt-Anzeiger" tätig. Im Jahr 1980 absolvierte er ein Volontariat in der Mantelredaktion und arbeitete anschließend in der Lokal- und der Bezirksredaktion. 1989 wechselte er in die Politikredaktion und von 1995 bis 1998 war er Afrika-Korrespondent mit Sitz in Johannesburg, bevor er bis 2002 Stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger" wurde. In den Jahren 2002 bis April 2009 war Peter Pauls Beauftragter des Herausgebers Alfred Neven DuMont und von 2009 bis 2016 Chefredakteur.

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