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StartseiteCorso"Das macht Gänsehaut"19.10.2019

"Demons" von Yeah But No"Das macht Gänsehaut"

Das Berliner Duo Yeah But No singt auf seinem zweiten Album „Demons“ von Klimawandel und Lebensangst, bleibt dabei aber bewusst unklar. Auch ihre Musik lässt sich nicht genau kategorisieren. „Klar ist faul“, sagte Produzent Mario Willms im Dlf.

Mario Willms im Corsogespräch mit Bernd Lechler

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Auf dem Foto sind Mario Willms und Fabian Kuss zu sehen. Sie blicken traurig in die Kamera (Fanny Böhme)
Mario Willms und Fabian Kuss alias Yeah But No (Fanny Böhme)
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Das Berliner Duo Yeah But No konnte 2017 für sein Debütalbum mit elegischem Synthpop viele positive Rezensionen einsammeln. Nun veröffentlichen die beiden Musiker den Nachfolger, "Demons". Produzent Mario Willms - den Technofans auch unter dem Namen Douglas Greed kennen könnten - erklärt im Corsogespräch, warum dieses zweite Album eine Fortschreibung des ersten ist. Und was hinter diesem seltsam hin- und hergerissenen Bandnamen steckt.

Mario Willms: Wir sind zu zweit. Und da gibt es oft einen, der sagt Ja, und der andere sagt Nein, und bei uns ist der Deal: Wir machen die Musik erst, bis beide sagen: Ja, das stimmt jetzt hundertprozentig. Und es war gerade im Anfangsprozess, als wir die ersten Male Musik gemacht haben ganz oft so: "Ja", "Nein", "Yeah", "Ah", "Yeah but no", und dann war es: "Ah - Yeah But No! Komm, dann lass uns doch gleich so nennen."

Bernd Lechler: Sie aus Gera und Jena, Drum’n’Bass-Szene, später Techno-Bereich; Fabian Kuss, der andere, aus Leipzig, hat da Jazz- und Popgesang studiert, ging später nach Berlin. Wie haben sie sich gefunden?

Willms: Ich war vor ein paar Jahren für mein Soloprojekt Douglas Greed auf der Suche nach einem Sänger für die Liveauftritte, und über fünf Ecken bin ich auf Fabian gestoßen und war dann gleich sehr fasziniert von so einem Vollprofi, und dann irgendwann haben wir angefangen, auch mehr zu machen, oder andere Sachen zu machen als jetzt "nur" die House- und Technomusik.

Lechler: Wie ist es, wenn man einen Sänger sucht, der für Ihre Tracks eben den Gesang liefert - und stößt dann aber auf einen studierten Jazzsänger, der Theatermusik macht und der dann aber wahrscheinlich mehr mitredet, als das ursprünglich geplant war?

Lernprozess dank unterschiedlicher Prioritäten

Willms: Sehr befruchtend. Es war für mich auf jeden Fall eine neue Erfahrung und ein sehr schöner Lernprozess. Weil wir aus zwei unterschiedlichen Ecken kommen. Ich komme aus einer Ecke, wo alles sehr runtergekocht aufs Wesentliche ist und sehr trocken und ein ganz anderes Spiel mit Zeit stattfindet, auf einer musikalischen Ebene. Und Fabian, aus der Jazz-Ecke eher und aus der Pop- und Indie-Ecke, hat ganz andere Prioritäten beim Musikmachen als ich, und dann befruchtet man sich gegenseitig, kann voneinander lernen, und ich denke, das haben wir auch getan die letzten Jahre.

Lechler: Kann man das an Beispielen festmachen, also gibt es Stellen, wo Sie auch sagen würden: "Ja, das ist jetzt diese akademisch geschulte Ecke, und das ist jetzt hier der autodidaktische Soundbastler?

Willms: Ich glaube, man kann sich hinsetzen und versuchen, es rauszuhören, aber für uns ist, glaube ich, eher der Moment, so: "Ah ja, das macht jetzt Gänsehaut."

Lechler: Sind diese Songs gerade für Sie dann auch etwas Persönlicheres, im Vergleich zu der Technomusik, die ja schon auch immer so einen gewissen Gebrauchswert haben muss?

Techno ist etwas sehr Persönliches

Willms: Ich glaube, auch der Gebrauchswert von Technomusik hat etwas sehr Persönliches. Mir persönlich macht es eine Riesen-Gänsehaut, wenn ich einen Techno-Track höre, der sieben Minuten geht, und nach fünf Minuten setzt erst die Snare ein. Die Funktionalität von Techno, das macht mir eine Gänsehaut - wenn ich gerade davon erzähle, kriege ich eine Gänsehaut. Aber klar, die Musik, die wir mit Yeah But No machen, die funktioniert auf anderen Ebenen, mit anderen Möglichkeiten, den Hörer zu berühren. Ich glaube, da gibt es keine Wertung: Das Eine ist emotionaler als das Andere, oder das ist höherwertig als das Andere.

Lechler: Haben Sie denn getrennte Aufgabenbereiche, oder macht jeder alles?

Willms: Angefangen haben wir eigentlich, jeder darf alles machen. Aber dadurch, dass wir beide einen verschiedenen Background haben, hat sich so eine Art Workflow etabliert, ein künstlerischer. Fabian kommt mit vielen Melodie-Ideen, ich schreibe die Texte, und dann setzen wir uns zusammen und produzieren zusammen, und wenn es dann an die Finalisierung geht, mache ich eher die Mixe und das Sounddesign

Lechler: Das finde ich jetzt erstaunlich, ich hätte angenommen, der Sänger schreibt die Texte.

Willms: Hat sich bei uns irgendwie so eingefressen, dass es bei uns nicht so ist. Ich weiß auch nicht. Das war nicht der Plan gewesen, ist dann aber irgendwie passiert.

Lechler: Wovon handeln die so, kann man das sagen?

Songs über Herzschmerz und Klimawandel

Willms: Auf diesem Album haben wir eigentlich ein ziemlich breites Spektrum, also mit "I Don’t Wanna Know" setzen wir uns ein bisschen mit dem Klimawandel auseinander, oder es ist so eine Art Dialog mit jemand, der es leugnet oder der es halt nicht wissen möchte. Dann gibt es einen Text der sich um die Alzheimer-Erkrankung von Fabians Tante dreht. Dann gibt's natürlich auch die üblichen Liebes- und Herzschmerz-Songs, also es ist ziemlich offen.

Lechler: In "Run Run Run" rennt einer weg, weil ihn Geheimnisse so belasten: Was sind das für welche?

Willms: Das kann sich jeder für sich selber raussuchen! Das Album heißt ja "Demons", weil wir uns auch so ein bisschen mit den Dämonen auseinandersetzen, die jeder von uns mit sich rumträgt. Oder wir finden, dass es gerade eine sehr ängstliche Zeit ist, oder dass gerade ganz viel mit Angst gespielt wird. Das ist uns dann irgendwann, nachdem wir mit dem Album fertig waren, aufgefallen - dass sich das wie so ein roter Faden durch die Songs und durch die Texte zieht.

Lechler: Es steht auch im Pressetext, die Band kommentiere "globale Herausforderungen wie die Klimakrise oder die permanente Unruhe und Unzufriedenheit dieser Zeit." Ich hatte aber schon eher den Eindruck: Das sind eher innerliche Songs. Sie sind nicht ostentativ eine politische Band.

Willms: In unseren Songs nicht, als Menschen natürlich. Das schwimmt irgendwie auf so einem "subconscious level" in den Texten mit, finde ich. Und bei "Run Run Run" hat man auch eine Ebene, die einem ermöglicht, das so zu sehen.

Lechler: Warum nicht klarer?

Willms: Ich finde, klar ist faul. Wenn ich Texte schreibe, ist das so: Ich kann natürlich sagen: "Donald Trump ist doof", aber ich kann es auch ein bisschen offener formulieren. Ich mag es auch, offen zu formulieren, ich mag es auch, dem Zuhörer eine Deutungsmöglichkeit zu geben. Das spricht mich beim Hören anderer Künstler auch eher an als: "So wie ich das geschrieben habe, will ich, dass du das deutest." Das interessiert uns nicht so richtig.

Lechler: Stilistisch kann man so ein bisschen auch die Drum'n'Bass Wurzeln noch raushören von ihnen, in diesen etwas hibbeligeren Beats - aber auch manchmal frühe Synthesizermusik - 70er Jahre, Tangerine Dream. Ist das ein Zufall oder gibt es da Einflüsse?

Depeche Mode auf dem Fußboden

Willms: Da gibt es natürlich Einflüsse. Als ich groß geworden bin, bin ich in unsere örtliche Bibliothek gegangen, habe mir da die Tonband-Kassetten von Depeche Mode geholt oder, keine Ahnung, was gab's da, Erasure oder Tangerine Dream, ja, und lag dann zu Hause auf dem Fußboden, die elterliche Stereoanlage, links eine Box, rechts eine Box, in der Mitte ein Kissen, mein Kopf drauf, und hab das erste Mal Sounddesign gehört, in den Tiefen von dem Depeche-Mode-Album.

Lechler: Ja, das sind jetzt die 80er, die hört man schon auch, Depeche Mode, hätte ich auch getippt - was ist es, was da hängen bleibt oder was das ausmacht?

Willms: Martin Gores Texte - wo wir vorhin das Thema hatten, klar formulieren oder ein bisschen umschreiben - auf alle Fälle, und das ganze Sounddesign. Also ich war damals als Teenager so geflasht davon, wie das aufgebaut war, wenn man immer noch mal in der Musik irgendwo eine Kleinigkeit entdeckt, und hier noch mal ein Schnipsel, und da noch mal eine andere Hallfahne.

Lechler: Aber es sind ja wahrscheinlich nicht nur technische Dinge, sondern auch eine Emotion, die das transportiert.

Willms: Na klar, da gibt es eine ganz große emotionale Ebene. Wenn man selber Musik produziert, dann hört man, glaube ich, Musik auch irgendwie mit… vier Ohren? Keine Ahnung, klingt etwas blöd, aber zwei Ohren sind bei mir dafür da, um auf die Produktion zu hören, und dann habe ich meine Emo-Ohren, kann da noch mal mir meine Gänsehaut abholen; es gibt auch ganz krass Sachen, die ich mir anhöre, nur weil sie gut produziert sind, und kann aber vielleicht emotional musikalisch gar nicht so viel damit anfangen. Dann hör ich mir das aber an, auf Kopfhörern, und kann darüber nachdenken, wie sie das gemacht haben, und bin da genauso fasziniert, als wenn es mich emotional berühren würde.

Lechler: War es denn ganz anders, ein zweites Album jetzt zu machen, im Vergleich zum ersten?

Das zweite Album entsprang dem Warten aufs erste

Willms: Da gibt es eine lustige Geschichte dazu. Wir hatten das erste Album fertig gemacht, und zwischen der Veröffentlichung von einem Album und dem Ende der Produktion liegt ja meistens ein halbes, dreiviertel Jahr. So. Wir hatten das erste Album fertig, waren super froh, dass wir das Label gefunden hatten, Sinnbus, und haben in der Zwischenzeit in diesem halben Jahr "Gap" schon angefangen, am zweiten zu arbeiten. Und da hatten wir den wirklich lustigen Moment, dass wir das Release-Konzert gespielt hatten hier, auch im Holzmarkt, im Acid Bogen, hatten die Leute vom Label eingeladen, wollten mit denen vorher noch einen Kaffee trinken, saßen bei mir im Studio, und alle waren so schön: "Ja, cool, jetzt kommt das erste Album!" Und wir so: "Jetzt passt mal auf, wir spielen euch jetzt das Demo fürs zweite Album vor." Und die saßen da, und das Gesicht fiel runter: "Was?" Und da hatten wir praktisch, während das erste Album darauf wartete, dass es veröffentlicht wurde, schon die Skizzen fürs zweite Album. Und so war das irgendwie so ein Arbeitsfluß, der gar nicht unterbrochen wurde, wir kamen gar nicht dazu, darüber nachzudenken: "Wie wird das zweite Album?" Sondern wir haben einfach Musik gemacht und konnten uns gar nicht davon beeinflussen lassen, was hat jetzt auf dem ersten Album funktioniert oder nicht, sondern einfach Musik gemacht. Und das kam dann jetzt dabei raus.

Lechler: Das heißt, es gab auch nichts, was Sie sich vorgenommen hatten, was diesmal gelingen soll oder eine Herausforderung ist?

Willms: Man kann sich immer irgendwie vornehmen: "Ja, jetzt müssen wir unbedingt einen Song machen, der ist soundso." Und man nimmt sich das auch immer vor, und man schreibt sich Sachen auf und will das soundso machen. Aber meine Erfahrung ist: Es kommt dann sowieso immer etwas anderes raus. Und so war es diesmal auch. Wir hatten natürlich auch aufgeschrieben: "Lass uns mal das machen, lass uns mal das probieren", aber am Ende war es wieder etwas komplett anderes.

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