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StartseiteKommentare und Themen der WocheWahlumfragen sind nicht unschuldig11.09.2021

DemoskopieWahlumfragen sind nicht unschuldig

Wie sich Stimmungen vor einer Wahl entwickelten, dass werde auch durch Wahlumfragen und ihre Urheber beeinflusst, kommentiert Joachim Dorfs von der "Stuttgarter Zeitung". Wer dieses Mal noch unentschieden sei, sollte eher einen Blick auf den Wahl-O-Mat als auf die Demoskopie werfen.

Ein Kommentar von Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung"

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Antworten auf solche Fragen geben – derzeit mehr oder weniger täglich - die Meinungsforschungsinstitute. Und bei dieser Bundestagswahl schauen alle ganz genau hin, weil Forschungsgruppe Wahlen, Infratest Dimap und Co seit einigen Wochen schier Ungeheuerliches verkünden: Sah es zu Beginn des Wahlkampfs wechselweise so aus, als könnten Armin Laschet von der CDU oder Annalena Baerbock von den Grünen die Möbel für ihr Kanzlerbüro schon auswählen, ist Olaf Scholz nunmehr offenbar an ihnen vorbeigezogen. Und getreu dem alten Börsenmotto "The trend is your friend" scheint sich dieser Effekt nun von Umfrage zu Umfrage zu verstärken. Die SPD, die sich noch vor Monaten fragen lassen musste, warum sie überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufstellt, legt nun von Befragung zu Befragung zu, Union und Grüne loten währenddessen die Tiefen der für sie nach unten offenen Umfrageskala aus.

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Aus heutiger Sicht sieht es so aus, dass Armin Laschet das historisch schlechteste Ergebnis der CDU bei einer Bundestagswahl einfährt, Olaf Scholz die SPD aus einem jahrelangen Abwärtstrend befreit und Annalena Baerbock die in sie gesetzten Erwartungen wohl nicht erfüllt. Und doch: Entschieden ist bei der Wahl noch nichts. Denn zum einen haben die veröffentlichten Sonntagsfragen eine Fehlertoleranz von etwa plus/minus drei Prozent. Selbst wenn Zahlen und Momentum eindeutig pro SPD scheinen: So eng, wie die Parteien beieinander liegen, ist zwischen den drei größten Parteien noch praktisch jeder Zieleinlauf möglich. Und zum zweiten sind – auch das wieder nach Angaben der Demoskopen - zwischen einem Viertel und der Hälfte der Wählerinnen und Wähler noch unentschiedenen – so viele wie noch nie so kurz vor einer Bundestagswahl. Und einmal abgesehen davon: Wer dann am Ende wirklich Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin wird, entscheidet sich womöglich erst nach langwierigsten Sondierungen und Koalitionsverhandlungen im kommenden Jahr.

Unlegitimierte Meinungsdiktatur?

Was allerdings klar ist: Völlig unschuldig sind die Wahlumfragen und ihre Urheber nicht. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat die Demoskopen einmal als "außerparlamentarische Herrschaftsinstanz" bezeichnet und den Einfluss ihrer Umfragen als "unlegitimierte Meinungsdiktatur" kritisiert. Wenn etwas umstritten ist, dann nur, auf welche Weise sie die Wahl beeinflussen. Nicht umstritten ist hingegen, dass sie die Wahl beeinflussen, und zwar nicht nur durch ihren Einfluss auf Politikerinnen und Politiker, sondern auch auf die Wählerinnen und Wähler. Angesichts der dieses Mal besonders hohen Anzahl an Briefwählern, die sich schon entschieden haben, ist das für die Wahl am 26. September auch bereits passiert.

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Die Verhaltenstheorie verweist dabei unter anderem auf den sogenannten bandwagon- oder Mitläufer-Effekt, wonach Wechselwähler sich auf die Seite des mutmaßlichen Wahlgewinners schlagen, weil sie am Wahlabend auf der Siegerseite stehen wollen. Gute Umfragewerte für Scholz würden also im Wege einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auch gute Wahlergebnisse bedeuten. Umgekehrt hat das aktuell größte Demoskopie-Desaster der jüngeren Vergangenheit wohl einer vermeintlich geschwächten CDU geholfen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang Juni sagten die Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Christdemokraten und der AfD voraus. Am Ende lag die CDU satte 16 Prozentpunkte vor der AfD. Ob die Umfragen von vorneherein völlig falsch waren oder zumindest in Teilen eine Wahlentscheidung zugunsten der CDU auslösten – niemand weiß es.

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Klar ist auf jeden Fall: Auch die Demoskopieinstitute – und die Medien, die ihre Ergebnisse veröffentlichen – kämpfen um Aufmerksamkeit. Wer etwa als erstes vermeldet, die Union liege unter 20 Prozent, kann sich der öffentlichen Wahrnehmung sicher sein. Das schafft zumindest einen Anreiz zur Überzeichnung aktueller Trends.

Wer also, wie so viele, noch unentschieden ist, wo er am 26. September sein Kreuz machen will, der sollte ruhig die Umfragen im Blick behalten, aber sie auch distanziert für sich bewerten. Für die Wahlentscheidung empfiehlt sich auf jeden Fall eher der Blick auf den Wahl-O-Maten als auf die Demoskopie.

Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" (Foto: Michael Steinert)Joachim Dorfs (Foto: Michael Steinert)Joachim Dorfs ist seit Januar 2008 Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Vor seinem Eintritt in die "Stuttgarter Zeitung" war er in leitenden Funktionen beim "Handelsblatt" in Düsseldorf, von 2002 bis 2007 als Stellvertretender Chefredakteur. Er leitete beim "Handelsblatt" das Ressort Unternehmen und Märkte, war als Korrespondent der Zeitung in Washington sowie fünf Jahre in Paris. Der studierte Volkswirt wuchs in Essen auf und volontierte an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten.

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