Freitag, 25.06.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteBüchermarkt"Den Italienern Deutschland ein bisschen näher erklären"31.05.2013

"Den Italienern Deutschland ein bisschen näher erklären"

Maria Gazzetti verlässt das Lyrik Kabinett München Richtung Rom

Für Maria Gazzetti ist Literaturvermittlung eine Lebensaufgabe. Seit 2010 war sie Leiterin des Lyrik Kabinetts in München, nun geht sie an die Casa di Goethe in Rom. Im Gespräch erzählt sie, was sie aus Deutschland mit in ihre Heimat nimmt.

Moderation: Sandra Hoffmann

Maria Gazzetti wechselt ans Museum Casa di Goethe in Rom (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)
Maria Gazzetti wechselt ans Museum Casa di Goethe in Rom (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

Sandra Hoffmann: Frau Gazzetti, wer ist der größte deutsche Dichter?

Maria Gazzetti: Oh, schon etwas schwierig natürlich zu beantworten, es ist persönlich, ich kann nur eine persönliche Antwort geben, mein Verstand sagt Hölderlin, mein Herz sagt Rilke.

Hoffmann: Literaturhaus Frankfurt, Lyrik Kabinett München, ab kommendem Herbst nun Casa di Goethe Rom: Ist Literaturvermittlung so etwas wie eine Lebensaufgabe für Sie?

Gazzetti: Ja, im Rückblick, das ist im Leben immer so, man hat ja im Leben immer einen Rückblick auf sein eigenes Leben, und es hat sich so entwickelt; für mich. Vermittlung zwischen zwei Welten. Was ja auch mein Leben ausmacht. Ich habe einfach etwas kennengelernt, bin in die Tiefe gegangen, was die deutsche Literatur anbetrifft, und es gibt bestimmt spezielle Aspekte, die weit weg sind, von dem, was eine zeitgenössische italienische Literatur sein kann, und diese Unterschiede immer wieder festzustellen, und den Wunsch, die zu erklären, bei der einen oder bei der anderen Seite, das ist in mir drin. Und es ist schön, wenn man im Leben merkt, dass das, was in einem drin ist, sich auch entfalten kann.

Hoffmann: Wir stehen hier ja im Lyrik Kabinett in München, das Sie seit 2010 leiten. Was ist das für ein Haus, möchten Sie es ein bisschen erzählen, erklären?

Gazzetti: Ja, 2011 eigentlich, weil ich bin im Dezember 2010 angekommen. Das ist ein ganz spezielles Haus, es ist eine der ungewöhnlichsten Literaturinstitutionen, die ich kenne. Das ist ein Haus für Lyrik. Eine Stiftung, das ist entstanden einfach aus der Leidenschaft einer Mäzenin, Ursula Haeusgen, die vor 20 Jahren angefangen hat – sie hat begonnen mit einer Lyrik-Buchhandlung; dann, weil sie eher die Sammlerin ist, und nicht die Verkäuferin, ist ihr Bestand an Lyrik-Büchern immer mehr gewachsen, und daraus ist jetzt a) eine Bibliothek entstanden, b) es ist dafür gebaut worden, es ist ein Ort, ein bisschen galerieähnlich, in Schwabing, im Hinterhof, direkt gegenüber der Universität. Die Bibliothek ist eine Präsenzbibliothek, das heißt, jeder kann reinkommen zu den Öffnungszeiten, um Lyrik zu lesen; es gibt eigene Bucheditionen spezialisiert auf Lyrik und Lyriklesungen, Lyrikveranstaltungen.

Hoffmann: Es ist eine der größten Lyrikbibliotheken in Deutschland, über 40.000 Bände stehen hier neben der Universität, direkt daneben. Wer nutzt die Bibliothek, Studenten, oder auch andere Leute aus der Stadt, und wer kommt zu den Veranstaltungen?

Gazzetti: Die Bibliothek wird sicherlich viel von den Studenten genutzt, wir haben auch Kooperationen mit der Universität, Erstsemester kommen zu uns, die Professoren wollen den neu hinzugekommenen Studenten diesen Ort zeigen, aber es kommen auch zum Beispiel Schauspieler, die ein Programm vorbereiten, oder Lektoren, die etwas herausgeben und hier forschen können, und zum Teil auch Normalleser. Aber die Bibliothek wird eher jetzt von Leuten genutzt, die auch forschen.
Die Lesungen im Gegenteil: Es ist genauso wie Leute zu Lesungen gehen im Literaturforum, in der Literaturfabrik, im Literaturhaus, nur dass es eben Leute sind, die speziell ein Interesse für Lyrik haben. Wir haben 300 Mitglieder, das Kabinett ist eine Stiftung, hat auch einen Freundeskreis, und 300 ist, finde ich, gut, aber nur zu, es können auch noch mehr werden. Und die Mitglieder kommen zu den Lesungen umsonst, und es gibt danach auch die Möglichkeit, mit den Lyrikern und den Gästen zu reden. Es sind internationale Gäste hier, es sind hier auch Nobelpreisträger gewesen, wie Seamus Heaney oder Joseph Brodsky, also bekannte und unbekannte. Das ist ein sehr, sehr wichtiges Zentrum für Poesie hier.

Hoffmann: Und es wird auch als solches wahrgenommen?

Gazzetti: Ja, es wird als solches wahrgenommen und geschätzt, und auch außerhalb Münchens weiß man, dass es diese Bibliothek gibt. Und wir haben auch eine sehr schöne Reihe, die wird im Hanser Verlag verlegt, und heißt "Edition Lyrikkabinett beim Hanser Verlag", und das sind immer wieder wunderschöne Bände, vor allem übersetzte Autoren.

Hoffmann: Enzensberger hat ja 1957 geschrieben: "Lies keine Oden mein Sohn, lies die Fahrpläne, sie sind genauer, roll die Seekarten auf, sei wachsam, sing nicht!" Hat Lyrik heutzutage auch noch so eine gesellschaftliche Relevanz?

Gazzetti: Also, wir hatten am 15. Mai einen sehr engagierten Lyriker aus Griechenland, und er ist wirklich politisch ein sehr, sehr engagierter Autor gewesen, aber auch er hat gesagt, es gibt keine engagierte Lyrik, es gibt das Engagement für seine Arbeit und für die Lyrik. Und ich bin schon der Meinung, dass Lyrik, wie jede Kunst, wie auch ein Roman eine politische und kulturelle Bedeutung hat. Es ist natürlich das Problem, inwieweit die Gesellschaft Lyrik und Literatur wahrnimmt und für relevant hält. Aber die Relevanz in der Kunst ist schon drin für sich.

Hoffmann: Wissen Sie noch, wie Sie Ihre Liebe zur Lyrik entdeckt haben?

Gazzetti: Ich weiß nicht, wann ich es entdeckt habe, ich weiß, dass ich immer gerne gelesen habe, auch als Kind, das ist die erste Begegnung mit der Lyrik, mit Balladen, mit Liedern, bewusst, dass ich Lyrik lese, das war in der Schule. Und in der fünften Klasse fangen wir in Italien an, "Die göttliche Komödie" zu lesen.

Hoffmann: Als Pflichtlektüre?

Gazzetti: Ja, aber ich empfand das eben nicht als Pflichtlektüre, ich glaube sogar, ich spreche jetzt für die Allgemeinheit, pardon, ich glaube gar nicht, dass man es so sehr als Pflichtlektüre nimmt, es ist so sehr voller Geschichten, es ist so, das ist jetzt banal, als würde man den "Herrn der Ringe" lesen, es ist soviel drin, dass es auch leicht ist, zu lesen eigentlich. Auch wenn man die Erklärung von dem Lehrer braucht, aber die erste Begegnung ist nicht ‚oh Gott, oh Gott, das nervt, das ist jetzt Lyrik, das muss ich interpretieren’, sondern ich erinnere mich, dass es nicht um Interpretationszwang ging, sondern um Erklärung, um Freude daran, was Dante sich alles ausgedacht hat.

Hoffmann: Jetzt sind wir schon ein bisschen in Italien angekommen, das ist auch meine nächste Frage, denn obwohl Sie sagen Hölderlin und Rilke sind die bedeutendsten deutschen Dichter für Sie, jetzt kommt Rom, Casa di Goethe, was lassen Sie hier zurück?

Gazzetti: Ich habe nicht das Gefühl, das zurückzulassen, im Gegenteil, ich nehme das alles mit, weil ich in Italien, mit der deutschen Kultur arbeiten will und muss und möchte. Im Gegenteil, ich hätte fast Angst, diesen Kontakt nicht mehr zu haben, darum will ich mich auch sehr bemühen, ich will mich jetzt nicht von dem schönen italienischen Leben einlullen lassen. Und Gott sei Dank kann man die Bücher und die Autoren leicht mitnehmen.

Hoffmann: Worauf freuen Sie sich in Rom?

Gazzetti: Ich hoffe, dass ich in Italien auch den Italienern Deutschland ein bisschen näher erklären kann, denn ich habe immer den Wunsch gehabt, bei meinen Freunden in Italien zu vermitteln, was kenne ich hier aus Deutschland, was habe ich erlebt usw. Ich habe das Gefühl, diese Länder in Europa entfernen sich voneinander, es gibt eine wahnsinnige Emigration auch von jungen Leuten jetzt, von Italien, nach Deutschland, und ich, die ich das gemacht habe, vor fünfunddreißig Jahren, beinahe vierzig, ich komme wieder zurück, also antizyklisch, ich freue mich vielleicht konkret, die deutsche Kultur hier zu vermitteln. Was ja jeder schon seit Jahrhunderten versucht, der in vielen deutschen Institutionen in Rom arbeitet, und ich werde es auch versuchen.

Hoffmann: Ich freue mich, dass Sie noch ein bisschen hier bleiben, und wünsche Ihnen doch alles Gute für die Rückkehr - eigentlich - kann man das sagen, darf man das sagen?

Gazzetti: Gerade das Wort Rückkehr ist für mich im Moment ein bisschen merkwürdig, ich sehe mich nicht so sehr darin, weil ich kehre jetzt nicht so sehr zurück, weil mein Leben, meine Freunde, meine Ausbildung ist ja hier gewesen. Aber es ist sicherlich auch ein Stück Rückkehr, auf eine besondere Art und Weise und ich werde sehen, wie das aussehen wird.

Hoffmann: Maria Gazzetti, vielen Dank!

Gazzetti: Vielen Dank Ihnen!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk