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StartseiteBüchermarktDen Maler lesen16.10.2006

Den Maler lesen

Neue Bücher zum Rembrandt-Jahr 2006

Im Jahr 2006 jährt sich zum 400. Mal der Geburtstag des berühmten Künstlers Rembrandt van Rijn. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Rembrandt 400" wird der bedeutendste niederländische Maler des Goldenen Jahrhunderts in angemessener Weise geehrt. Und auch auf dem Büchermarkt sind zahlreiche neue Bücher über Rembrandt erschienen.

Von Martina Wehlte

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)
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Die Staatlichen Museen Kassel verfügen in der Gemäldegalerie Alte Meister über eine der größten Sammlungen von Rembrandt-Gemälden in Deutschland und eine der bedeutendsten weltweit. Die Sammlung entstand im 18. Jahrhundert unter Landgraf Wilhelm VIII., der lange in den Niederlanden erzogen worden war und als Gouverneur von Maastricht und Breda amtiert hatte.

In seinem ab 1749 geführten Inventar verzeichnete der Landgraf 34 Rembrandt-Gemälde, was seinen Besitz an Rubens oder Wouwerman bei weitem übertraf. Heute gelten zwölf Werke als Originale des Holländers: mehrere Porträts und Selbstbildnisse, zwei Landschaften und Der Segen Jakobs, ein großformatiges Gemälde von 1656, das im Mittelpunkt der ersten Kasseler Rembrandt-Ausstellung in diesem Jubiläumsjahr stand.

Alle jüngsten Kasseler Rembrandt-Kataloge sind bei Hirmer erschienen, einem Verlag, der für die herausragende Qualität seiner Abbildungen und das sorgfältige Layout bekannt ist. Gemälde von Rembrandt stellen allerdings eine besondere Herausforderung hinsichtlich ihrer Reproduktion auf Papier dar. Nicht nur, dass die Farbnuancen vielfach kaum zu unterscheiden sind und die Bilder insgesamt dunkel wirken; es wechselt auch innerhalb desselben Werkes eine lasierende Malweise mit pastosem Farbauftrag ab und das Licht bündelt sich in der Oberflächenstruktur, - lauter Effekte, die nur das Original erzielt und die das Besondere Rembrandtscher Kunst ausmachen. Der Kasseler Rembrandt-Spezialist und Kurator der Ausstellungen Gregor Weber umreißt diese Besonderheit so:

"Rembrandt ist jemand, der ganz viel mit Maltechnik experimentiert hat. Das fängt schon in seinen ganz frühen Jahren an, als er versucht, eine gewisse - im Holländischen heißt es "Kennlichkeit" - also eine gewisse Erkennbarkeit der Farbmaterie zu wählen, die zugleich auch das, was sie darstellt, schon allein haptisch wiedergibt; zum Beispiel wenn er also eine runzlige Haut malt, dann ist das bei ihm so, dass die so pastos aufgetragen ist, dass die Farbschicht selbst Runzeln hat, so dass man schon damals witzelte, man könne seine Bildnisse an der Nase hochheben, so plastisch ist diese Nase herausgearbeitet."

Rembrandt eignete sich eine große Bandbreite von Malweisen an und war technisch überhaupt sehr experimentierfreudig. So weist Gary Schwartz in seinem soeben im Beck-Verlag erschienenen Rembrandt Buch darauf hin, dass der Holländer einen speziellen Lack für Radierplatten entwickelt hatte. Solche Rezepte wurden vom Meister an seine Schüler weitergegeben.

Rembrandts stilistische Entwicklung - und er entwickelte sich bis zu seinem Lebensende immer weiter - diese Entwicklung lässt erkennen, wer zu welcher Zeit in seiner Werkstatt gelernt hatte; war es doch das Ziel jedes Gehilfen, am Ende seiner Ausbildung ganz in der Manier des Meisters arbeiten zu können. Wie entwickelte sich nun Rembrandts Malweise?

"Er fängt natürlich erst einmal an als junger Mann, die Perfektion zu probieren in einer feinmalerischen Manier, das sieht man eben auch an seinem ersten Schüler Gerard Dou, der sein ganzes Leben dabei bleibt, bei einer sehr feinmalerischen Manier. Rembrandt selbst aber bereichert sozusagen seine Maltechnik um eine pastose Malerei, auch um eine Malerei, die mehr andeutet als ausführt, so dass auch von ihm die Aussage überliefert ist, dass ein Bild dann fertig sei, wenn es seine Wirkung erreicht habe. Und das kann man gerade bei seinen späteren Werken sehen, wo er mit dem Daumen malt, wo er mit einem Spachtel malt.- Das späte Werk in Kassel zum Beispiel, der Jakobssegen, besitzt tatsächlich Partien, die mit dem Spachtel gestrichen sind. Zum Beispiel eine Goldkette, die er noch zwanzig Jahre zuvor mit unglaublicher Mühe Kettenglied für Kettenglied gemalt hat, wird dann in diesem Spätwerk nur noch angedeutet, indem nur noch ein bisschen pastose Farbe auf die Leinwand geflenzt wird, und darüber lasiert wird, wieder herausgeputzt wird, so dass nur ein mehr zufälliges Glitzern erscheint, das aber dennoch die Wirkung erreicht."

Der Wandel von einem eher glatten zu einem groben Stil fand, wie Gary Schwartz darlegt, in den 1640 er Jahren statt. Fortan spielt der Künstler mit der Bereitschaft des Auges sich täuschen zu lassen, indem er Farbe und Transparenz in einem subtilen Miteinander variiert. Die Farbeffekte in seinen Gemälden, insbesondere seine Fleischtöne, rühren weniger von der Farbigkeit seiner Pigmente als vielmehr von der Leuchtkraft her, die er mit Hilfe transparenter Pigmente und Lasuren erzielte. Seine Farbpalette selbst war erstaunlich klein, wie bei allen Malern des siebzehnten Jahrhunderts auf Erd- und Fundfarben beschränkt.

In welchem Bezugsfeld ist Rembrandt kunstgeschichtlich zu sehen? Einen wertvollen Beitrag zum Frühwerk des Malers hat Roelof van Straten mit seinem
Buch Rembrandts Weg zur Kunst 1606-1632 geleistet. Er untersucht das Lebens- und Arbeitsumfeld von Rembrandts Wirkungskreis in Leiden und stellt einen engen, dialogartigen Bezug zu dem Freund und Atelierkollegen Jan Lievens her, so dass eine Art Doppelmonographie mit einer Fülle von Bildvergleichen entstanden ist.

Damit ist in der Flut von Rembrandt-Literatur ein besonderer Aspekt herausgearbeitet worden. Als souveräner Kenner des Gesamtwerks wie auch der zeitgenössischen Kunstszene, des Alltags und der soziokulturellen Strukturen im Holland des siebzehnten Jahrhunderts ist Gary Schwartz bekannt. In der genannten Monographie räumt er dem Handwerklichen, der Arbeitspraxis und den Werkgattungen breiten Raum ein, verdeutlicht bestimmte Entwicklungen (beispielsweise den Gebrauch von Holztafeln oder Leinwand, Anleihen aus Werken anderer Künstler u.ä.) durch Diagramme, Statistiken und Graphiken. Sein profundes Wissen, der flüssige Schreibstil und eine Fülle von Abbildungen bedeuten eines: Niemand kommt um dieses Buch herum. Und wie steckt er Rembrandts Bezugsfeld ab? "Man könnte", so schreibt er, "Rembrandts gesamte Biographie als eine Reaktion auf Rubens beschreiben."

Rubens als der erste wahrhafte Malerfürst, der es geschafft hatte, sich aus den Handwerksverbänden herauszukatapultieren, der international arbeitete, als Diplomat unterwegs war, sich einen Landsitz kaufen konnte. Insofern ein Über-Ich für viele damalige Künstler. Rembrandt richtete sich aber seit seiner Ankunft in Amsterdam in besonderer Weise auf Rubens aus und seine ersten Auftragsarbeiten für den Hof in Den Haag sind auch eine Auseinandersetzung mit dem berühmten Kollegen, der einen außerordentlich hohen gesellschaftlichen Rang erlangt hatte. Künstlerische Vorbilder und Quellen der Inspiration waren für den jungen Rembrandt zweifellos die sogenannten Prä-Rembrandtisten - etwa sein Amsterdamer Lehrer Pieter Lastman und dessen Kreis -, die einen kleinfigurigen Stil mit einer gewissen Buntfarbigkeit vertraten, aber mit einer hohen Qualität an erzählerischen Momenten. Sodann die Utrechter Caravaggisten, eine Gruppe von Malern, die in Rom die Werke Caravaggios kennen gelernt hatten.

"Diese Utrechter Caravaggisten transportieren quasi diesen Caravaggismus nach Utrecht. Der besteht darin, dass man vor einem dunklen Hintergrund sehr nahsichtig lebensgroße Figuren darstellt, die meist bis an die vordere Bildkante in einem Close-Up dem Betrachter auf die Pelle rücken und die auch sehr realistisch gesehen sind und vor diesem dunklen Hintergrund sehr plastisch in Licht und Schatten herausmodelliert werden, so dass diese Stücke durch ihr Hell-Dunkel besonders leben."

Die Utrechter Caravaggisten entwickelten aus diesem Stil eine eigene Spielart, die Rembrandt geradezu aufsog, so dass seine Werke denen des Hendrick ter Brugghen, Gerrit van Honthorst oder Dirk van Barbueren nahe verwandt sind.

Rembrandt war ehrgeizig, selbstbewusst und wollte sich auch selbst in die Kunstgeschichte einbringen, was schon daran ablesbar ist, dass er seine Arbeiten nur mit dem Vornamen signierte, - wie Tizian, Raffael oder Michelangelo, deren Blätter er sammelte und von denen er sich künstlerisch inspirieren ließ.
Schon bald nach seiner Ankunft in Amsterdam 1631 stieg er zum gefragten Modemaler und bestens bezahlten Porträtisten auf, heiratete Saskia Uylenburgh, eine Bürgermeistertochter, und kaufte sich ein großes, zentral gelegenes Haus. Dieser ersichtliche Erfolg führte ihm zahlreiche Schüler zu, auch ausgebildete Maler, Meister also, die seine neue Manier lernen wollten, wie beispielsweise Govaert Flinck, der schließlich genauso malte wie Rembrandt selbst. So entstand eine Manufaktur rembrandtesker Bilder, der wir das Problem der Zuschreibungen echter oder nachgemachter Werke verdanken. Mit ihm setzt sich seit Jahrzehnten das Rembrandt Research Project auseinander. Der Umstand, dass Rembrandt zum Haupt einer überaus einflussreichen künstlerischen Bewegung wurde, rief gegen Ende seines Lebens eine Gegenbewegung auf den Plan, die ihn verketzerte.

"Wenn man natürlich ein solcher Exponent ist, dann wird man auch besonders angreifbar von einer neuen Bewegung. Es gab eine neue Entwicklung und diese neue Entwicklung musste sich gegen den übermächtigen Rembrandt wehren, indem sie ihn angriff und seine Kunst eben verteufelte. Es gibt eine Schrift von Andries Pelz, "Über den Gebrauch und Missbrauch des Theaters und in dieser Schrift wird Rembrandt so eine Art Exponent der Gegenbewegung; er wird als erster Ketzer der Kunst verschrien, der für ein Modell der Venus nicht eine antike Statue wählte sondern eine Torftreterin aus der Scheune und so weiter. "

Was macht Rembrandt für uns heute noch so besonders, - abgesehen davon, dass allein der anerkannte Rang und die kunstgeschichtliche Wirkung des Holländers seine charakteristischen Porträts, typisierten Tronjes und biblischen Darstellungen zu höchstbezahlten Sammelobjekten machen?

"Es ist seine besondere Darstellung des Menschen, die man vielleicht wirklich betonen muss. Wenn man ein Porträt von Rembrandt neben ein Porträt eines zeitgenössischen Malers hängt, wird man sofort bemerken, dass bei Rembrandt eine ganz andere Lebendigkeit, eine ganz andere Durchgründung der Physiognomie des Dargestellten zu finden ist, wo weniger die Konvention - wie male ich einen Herrn mittleren Alters - zum Tragen kommt, sondern eher das, was er sich immer wieder neu, individuell dazu ausdenkt. Insofern ist Rembrandt ein ständiger Innovator für bestimmte Bildlösungen, was bei seinen Porträts ebenso zum Tragen kommt wie noch viel mehr bei seinen Historienbildern. Und da ist es eine Qualität, die oft auch sehr schwer zu benennen ist, dass die Durchgründung eines Themas aus der Geschichte, aus der Bibel bei Rembrandt eine so viel tiefere Durchgründung ist als bei allen anderen konventionellen Malern, dass man immer wieder gebannt ist. Die besondere Verdichtung, die besondere Psychologisierung, die besondere Kraft in der Darstellung des Ausdrucks der einzelnen Physiognomien, der Gesten ist bei ihm einfach eine ganz besondere Art, in der ihm auch die Schüler selten gefolgt sind."

Die Wirkungskraft seiner religiösen Bilder bringt vielfach eine Sinnebene zum Ausdruck, die über den Text hinausgeht, eine existenzielle Grundsituation, ein Allgemeinmenschliches konkret werden lässt. Die Luther Bibel mit Bildern von Rembrandt, die im Jubiläumsjahr von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegeben worden ist, gibt hierfür prominente Beispiele, unter anderem mit dem Gemälde Der Evangelist Matthäus und der Engel aus dem Louvre oder dem berühmten Christuskopf nach einem Amsterdamer Juden aus der Berliner Gemäldegalerie. Zusammen mit einigen neuen Rembrandt-Romanen und dem für Herbst angekündigten Film über die Nachtwache von Peter Greenaway dürfte in diesem Rembrandt-Jahr für jeden Geschmack ein Angebot zu dem herausragenden Maler dabei sein.


Auswahl der deutschsprachigen Neuerscheinungen zu Rembrandt:

Kataloge:

Rembrandt im Kontrast. Die Blendung Simsons und Der Segen Jakobs. Hg. v. Gregor J.M. Weber, Katalogbuch Staatliche Museen Kassel, Schloss Wilhelmshöhe. 95 S. mit 42 farbigen, 19 sw. Abbn. Preis: 24,90 Euro (Hirmer).

Rembrandts Landschaften. Hg. v. Christiaan Vogelaar und Gregor J.M. Weber. Katalogbuch Staatliche Museen Kassel, Stedelijk Museum De Lakenhal, Leiden.
280 S., 305 Abbn., davon 105 in Farbe. Preis: 39,90 Euro (Hirmer).

Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Hg. v. Michael Eissenhauer für die Staatlichen Museen Kassel.
288 S., 220 Abbn., davon 108 in Farbe. Preis: 39,90 Euro (Hirmer).

Rembrandt Caravaggio. Katalog zur Ausst. im Van Gogh Museum in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Amsterdam. Text: Duncan Bull u.a. 208 S. mit 100 farbigen, 30 sw. Abbn. Preis: 39.90 Euro (Belser).

Rembrandt. Ein Virtuose der Druckgraphik. Hg. v. Holm Bevers u.a. Katalog zu den Ausstellungen in Höxter und Berlin. 168 S. mit 116 farbigen Abbn u. 25 Textabbn. Preis: 19,90 Euro (Dumont).

Monographien:

Gary Schwartz: Das Rembrandt Buch. Leben und Werk eines Genies. 352 S., 560 Abbn. Preis: 68,00 Euro (Beck).

Roelof van Straten: Rermbrandts Weg zur Kunst 1606-1632. Mit Beiträgen von Ingrid W. Moerman. 369 S. mit 157 farbigen, 323 sw. Abbn. Preis: 39,90 Euro (Reimer).

Christian Tümpel: Rembrandt. Aktualisierte Neuausgabe, 180 S., zahlreiche Abbn. Preis: 8,50 Euro (rowohlt tb).

Martina Sitt (Hg.): Pieter Lastman in Rembrandts Schatten? 152 S. mit 125 Abbn., davon 69 in Farbe. Preis: 29,90 Euro (Hirmer).

Otto Pächt: Rembrandt. 2. korrigierte Neuauflage, hg. v. Edwin Lachnit. 256 S., 244 Abbn., davon 64 Farbtafeln. Preis: 29,95 Euro (Prestel).

Romane:

Alexandra Guggenheim: Der Gehilfe des Malers. Ein Rembrandt-Roman. 268 S. Preis: 19,90 Euro (Kindler).

Walter Nigg: Rembrandt. Maler des Ewigen. Neuausgabe, 141 S. mit Abbildungsteil, Preis: 19,90 Euro (Diogenes).

Für junge Leser:

Gary Schwartz: Rembrandt für junge Leser. 127 S.mit zahlreichen Abbn., ab 12 Jahren. Preis: 17,90 Euro (Dumont).

Dick Walda: Das Geheimnis der Nachtwache. 184 S. Preis: 14,90 Euro (Jungbrunnen).

Luther Bibel mit Bildern von Rembrandt. Hg. v. der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart. 381 S. Preis: 19,80 Euro.

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