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StartseiteEine WeltDen Pazifik im Visier28.01.2012

Den Pazifik im Visier

USA stärken Militärstützpunkte in Australien

Das Pentagon muss sparen: In Europa deshalb Truppen abgezogen. Nicht belastet vom Sparprogramm wird dagegen Asien-Pazifik-Region. Dort werden die militärischen Stellungen wie im australischen Darwin ausgebaut.

Von Andreas Stummer

Zwei Chinook Hubschrauber (AP)
Zwei Chinook Hubschrauber (AP)

Geiselnahme in Nordaustralien. Eine Handvoll Terroristen hat sich, schwer bewaffnet, am Stadtrand von Darwin in einem leer stehenden Bankgebäude verschanzt. Eine Sondereinheit der US-Marines hat den Betonbau umstellt – Maschinenpistolen im Anschlag, Gesichtsmasken über dem Kopf. Auf ein Zeichen fliegen Rauch- und Blendgranaten, das Gebäude wird gestürmt.

Binnen Sekunden ist alles vorbei. Die Terroristen sind unschädlich gemacht, die Geiseln unverletzt. Händeschütteln, Schulterklopfen – die Übung ist ein voller Erfolg. Diesmal sind nur 100 australische und amerikanische Soldaten auf Manöver. Aber schon bald werden es mindestens 20-mal so viele sein. Denn für US-Präsident Barack Obama liegt die strategische Zukunft der Vereinigten Staaten nicht im Atlantik, sondern im Pazifik. Koste es, was es wolle.

"Die Einsparungen im US-Verteidigungshaushalt werden nicht zulasten der Asien-Pazifik-Region gehen. Im Gegenteil. Dank unserer Verbündeten in Australien werden wir hier unsere militärische Stellung weiter ausbauen. Unsere langfristigen Interessen in der Region verlangen auch eine langfristige Präsenz. Die USA sind eine Pazifiknation – und das werden wir auch bleiben."

Über die nächsten fünf Jahre werden 2500 Marines als US-Außenposten in Nordaustralien stationiert. Ihre Basis ist Darwin. Ein Ort mit bewegter Vergangenheit - für beide Länder. Denn vor 70 Jahren erlebte das Militärbündnis Australien-USA in Darwin seine erste Feuerprobe.


Februar, 1942. Der Zweite Weltkrieg erreicht Australien. Kampfflugzeuge der japanischen Luftwaffe bombardieren Darwin – buchstäblich aus heiterem Himmel. 243 Menschen sterben, Tausende werden verletzt. Die Japaner werfen mehr Bomben über Darwin ab als über Pearl Harbor. Die einzige Gegenwehr aus der Luft kommt von den Piloten einer US-Fliegerstaffel.

Erst in Papua-Neuguinea und auf den Salomonen, dann bei der Seeschlacht im Korallenmeer: Zusammen mit den Australiern gelingt es den USA, die Japaner im Pazifik zurückzuschlagen. Von Darwin aus. Heute, 70 Jahre später, ist die 120.000 Einwohner Stadt im tropischen Norden Australiens dessen Tor nach Asien. Import-Export-Drehscheibe, Güterumschlagsplatz und Verladehafen für Australiens Rohstoffboom.

Eisenerz und Flüssiggas, Kohle, Kupfer oder Zink nach Japan, Indien, Korea und vor allem: nach China. Egal, was Australien fördert oder ausgräbt – es geht über Darwin nach Asien. "Doch was die Stadt wirklich am Laufen hält", sagt Chris Young von der Handelskammer, "das sind die Touristen und das Militärpersonal dreier Großkasernen."

"Die Rohstoffindustrie macht zwar gut 25 Prozent der Wirtschaft hier in Darwin aus, beschäftigt aber nur etwa fünf Prozent der Arbeiterschaft. Deshalb ist die Stationierung der US-Marines in der Stadt auch willkommen. Wenn die Soldaten freie Zeit haben, dann geben sie Geld aus. Sie besuchen die Kneipen und Clubs, machen Ausflüge und kaufen Souvenirs."


Die US-Streitkräfte unterhalten mehr als 850 Militärstützpunkte im Ausland. Nur wenige liegen so weit ab vom Schuss wie Darwin. Brisbane, die nächste Millionenstadt, ist 3000 Kilometer weit entfernt. Alkohol und Drogen gehören zu Darwin wie das schwüle Klima und Moskitos. Harte Schale, harter Kern. Darwin ist nicht Hawaii. Selbst australische Einheiten haben dort mit niedriger Moral und mangelnder Disziplin zu kämpfen. Darwins Polizeichef John McRoberts aber ist auf die Invasion der Amerikaner vorbereitet.

"Die US-Soldaten sind leider dafür bekannt sich daneben zu benehmen, wenn sie nicht im Dienst sind. Meine Beamten werden sie nicht aus den Augen lassen. Vor allem wenn sie sich unsozial verhalten."

Noch genauer als in Darwin beobachtet man in Peking den Kurswechsel der Amerikaner im Pazifik. "China will sich in der Region keine Vorschriften machen lassen", glaubt der australische Verteidigungsexperte Hugh White von der Universität Canberra. Nicht wirtschaftlich und schon gar nicht militärisch.

"Die Chinesen werden die US-Truppenpräsenz in Australien als gezielten Versuch verstehen ihren Einfluss in der Region einzudämmen. Das Problem ist: China könnte militärisch nachziehen und dann wären die Amerikaner gezwungen nachzulegen. Das könnte zu einem Kalten Krieg in Asien führen. Eine Situation, die wir mit allen Mitteln vermeiden müssen."

Die USA sind der wichtigste Verbündete, China ist der wichtigste Handelspartner: Für Australien ist eine Supermacht so bedeutend wie die andere. Fest steht jedoch: Die wirtschaftliche Zukunft liegt in Asien. Doch nach der Rückkehr der Amerikaner ist das Mit- und Nebeneinander im Pazifik jetzt, mehr als je zuvor: eine Frage der Strategie.

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