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StartseiteForschung aktuellDen Zecken an den Kragen23.04.2007

Den Zecken an den Kragen

Biologen starten mit Parasiten Großoffensive gegen den Holzbock

<strong>Biologie. - Der milde Winter bescherte uns niedrige Heizkosten und leichte Kleidung zu unüblicher Zeit, doch auch unliebsame Zeitgenossen profitierten von der günstigen Witterung. So erfreut sich der Holzbock reicher Nachkommenschaft. Mit Würmern und Pilzen wollen Forscher dem Schädling jetzt zuleibe rücken.</strong>

Von Marieke Degen

Fadenwürmer und Pilze bereiten Zecken den Garaus - zumindest im Labor. (AP)
Fadenwürmer und Pilze bereiten Zecken den Garaus - zumindest im Labor. (AP)

Ein Biologie-Labor am Institut für Zoologie der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Johannes Steidle dreht ein durchsichtiges Döschen im Licht:

"Mal gucken, wo sie steckt, hier, hier unten ist sie, sehen Sie, dieser kleine schwarze Punkt? Das sind diese Zeckenerzwespen."

Und der kleine schwarze Punkt hat es in sich.

"Also diese Wespe ist jetzt nicht vergleichbar mit so gelbschwarzen Wespen, die auf einen Kuchen kommen, sondern das sind ganz kleine Wespen, die parasitisch leben, und die ihre Entwicklung in anderen Organismen vollziehen. So ähnlich wie Alien, in dem Film. "

Für Steidle und seine Kollegen ist die Erzwespe ein Glücksfall. Denn sie hat es auf Zecken abgesehen, und Zecken, allen voran der gemeine Holzbock, sind in ganz Europa auf dem Vormarsch. Biologen der Universität Hohenheim suchen deshalb nach Strategien, um die Blutsauger zu bekämpfen. Und setzen dabei auf biologische Waffen, sagt Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachbereichs Parasitologie.

"Das Problem bei Zecken ist, dass sie halt reine Blutsauger sind, das heißt, sie nehmen nur Blut auf, nichts anderes, Sie können also nicht irgendwas ausstreuen und darauf hoffen, dass es die Zecken aufnehmen, also brauchen Sie natürliche Feinde, die aktiv in die Zecken eindringen."

Parasiten also wie die winzige Erzwespe. Und die ist nicht die einzige. Mit speziellen Würmern und Pilzen planen die Hohenheimer derzeit eine Großoffensive. Die Fadenwürmer oder Nematoden töten Zecken, indem sie sich in ihren Körpern weiterentwickeln. Die Pilze umspinnen die Blutsauger mit giftigen Fäden.

"Das sind Pilze, die auch in die Zecken eindringen und irgendwann sehen sie einfach so ein Pilzmycel, das dann aus der Zecke quasi heraus quillt."

Zwei Jahre lang hat Ute Mackenstedt mit ihrem Team Würmer und Pilze, die Zecken befallen, im Labor gezüchtet. Experimente in der Petrischale waren viel versprechend: Neun von zehn Zecken haben den Angriff der Parasiten nicht überlebt. Anschließend haben die Forscher einen ersten Freilandversuch gewagt. In einer Scheune auf dem Campus schufen sie einen Mikrokosmos für ihre Akteure. Sie schütteten Torf und Laub in graue Plastikwannen und setzten die Zecken hinein.

"Um diese Wannen herum lief dann ein Heizdraht, um zu verhindern, dass die Zecken diese Wannen verlassen. In diese Wannen haben wir Nematoden beziehungsweise die Pilze ebenfalls dazu gebracht."

Wie empfindlich Zecken auf die Angreifer reagieren, hängt von ihrem Entwicklungsstadium ab. Nymphen, das sind ganz junge Zecken, sind anfälliger für Pilze. Ausgewachsene Zeckenweibchen fallen dagegen besonders leicht den Fadenwürmern zum Opfer. Im Scheunen-Versuch haben die Nematoden die Hälfte aller Zecken getötet, die Pilze immerhin ein Fünftel.

"Der letzte Schritt wäre dann, das in einem Feldversuch unter richtig natürlichen Bedingungen auszuprobieren."

Und zwar auf einem Biotop vor den Toren der Universität. Unproblematisch ist das nicht. Die Würmer und Pilze greifen zwar fast ausschließlich nur Zecken an. Aber die Forscher können sich nie sicher sein, ob sie das Ökosystem nicht doch durcheinander bringen. Deshalb werden in diesem Frühjahr erst einmal nur die Würmer ausgesetzt. Ob die in der freien Natur genauso zuverlässig Zecken töten wie im Labor, bleibt abzuwarten.

"Das ist sicherlich einer der kritischsten Momente dabei und auch der kritischsten Fragen, und wir kennen ja auch weltweit immer wieder Projekte, wo es eben nicht richtig funktioniert hat, wo dann die natürlichen Feinde alles andere getan haben."

Wie zum Beispiel die Aga-Kröte, die vor 70 Jahren in Australien eingeführt worden ist, um Schädlinge zu vertilgen. Das hat die Kröte nicht getan, aber stattdessen viele einheimische Tierarten vertrieben. Auch wenn die biologische Zeckenbekämpfung halten sollte, was sie verspricht: Die Wälder in Deutschland werden niemals ganz vom gemeinen Holzbock befreit. Aber die Parasiten könnten die Population zumindest an den Stellen reduzieren, wo Mensch und Zecke aufeinander treffen. Damit nicht jeder Spaziergang und jedes Picknick mit einem Zeckenbiss endet.

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