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StartseiteKultur heuteDenis Scheck: Bestseller heißt nicht gleich gut11.01.2012

Denis Scheck: Bestseller heißt nicht gleich gut

Änderungen bei der "Spiegel"-Bestsellerliste

Ab Sommer sollen auf der "Spiegel"-Bestsellerliste nur noch Hardcovertitel gelistet werden. Hätte es diese Regel schon früher gegeben, dann wäre so manche Schmonzette nie auf der Bestsellerliste gelandet, meint Denis Scheck aus der DLF-Buchredaktion.

Denis Scheck im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Frankfurter Buchmesse - Ab Sommer 2012 sollen auf der "Spiegel"-Bestsellerlsite nur noch Hardcover gelistet werden.  (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Frankfurter Buchmesse - Ab Sommer 2012 sollen auf der "Spiegel"-Bestsellerlsite nur noch Hardcover gelistet werden. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Doris Schäfer-Noske: In der Buchbranche kündigt sich Mitte dieses Jahres eine Veränderung an. Und zwar sollen die Kriterien für die "Spiegel"-Bestsellerliste verändert werden. Diese Verkaufsliste für Belletristik und Sachbücher wird von der Branchenzeitschrift "Buchreport" wöchentlich für das Magazin "Spiegel" ermittelt, und darauf sollen künftig nur noch Bücher geführt werden, die klar als Hardcover zu erkennen sind. – Frage an Denis Scheck aus unserer Buchredaktion: Herr Scheck, welche Bücher wären denn im vergangenen Jahr davon betroffen gewesen und somit nicht auf der Bestsellerliste gelandet?

Denis Scheck: Oh! Die alle aufzuzählen, würde unsere Sendezeit mit Sicherheit bei weitem sprengen. Ich kann Ihnen vielleicht nur die bekanntesten davon nennen. Das ist einmal dieser dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen, der bei "dtv" erscheint, mit seinen Kriminalromanen um Kommissar Carl Mörck, oder Charlotte Roach, "Feuchtgebiete", ebenfalls ein Softcover, oder auch die schrecklichen Dora-Heldt-Schmonzetten um Frauen um die 50, die Geburtstag feiern. All diese Bücher wären uns möglicherweise erspart geblieben, wenn die Reform tatsächlich nur noch echte Hardcover auf die "Spiegel"-Bestsellerliste zu lassen, schon in Kraft getreten wäre. Nur: Im Grunde haben sich sehr viele Verlage an dem lustigen Spielchen beteiligt, wie man denn die "Spiegel"-Bestsellerliste knacken kann – einerseits natürlich durch ihre Vertriebsanstrengungen, andererseits aber eigentlich, indem sie den Ladenpreis von potenziellen Bestsellern so niedrig ansetzten und die Ausstattung eben so preiswert machten wie von Taschenbüchern, sodass wir, wenn Sie mal auf die Preise achten, nicht mehr von dem "normalen" Hardcoverpreis von so etwa 20 Euro ausgehen können, sondern dann kosten eben diese Bücher von Jussi Adler-Olsen eher 15 Euro oder Charlotte Roach mit 16,90 Euro. Das sind so entscheidende zwei, drei Euro Unterschied, die offenbar dann dem deutschen Schnäppchenjäger, der auch die "Spiegel"-Bestsellerliste konstituiert, sehr gut gefallen.

Schäfer-Noske: Wie begründet denn die Branchenzeitschrift "Buchreport" diesen Schritt?

Scheck: Angeblich hat sie eine Blitzumfrage unter deutschen Buchhändlern und Verlagen gestartet, und dort wurde der Wunsch geäußert. Ob es denn wirklich so ist, oder ob man nicht einfach durch Innovation sich auch wieder selber ein bisschen ins Gespräch bringen will, vielleicht auch dem Druck der "etablierten Hardcover-Verlage", die da unleidige Konkurrenz in ihrem Thriller-Milieu wittern von den Taschenbuchverlagen wie etwa dem "dtv", der ja ohnehin ein bisschen an dem Minderwertigkeitskomplex leidet und schon seit Langem litt. Wolfgang Balk, der Verleger, der möchte alles sein, nur kein Taschenbuchverleger, und Wolfgang Balk hat sich ja heute dann auch schon in einem Interview gemeldet und gesagt, dass der "dtv", der Deutsche Taschenbuchverlag, reagieren wird, indem er dann einfach entsprechende Titel – das ist eine schöne ironische Pointe – im Hardcover verlegt, der Deutsche Taschenbuchverleger.

Schäfer-Noske: Warum ist es denn eigentlich so wichtig, auf der "Spiegel"-Bestsellerliste zu stehen?

Scheck: Im Schwäbischen gibt es das schöne Sprichwort, Frau Schäfer-Noske, der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, und das ist leider auf dem Buchmarkt auch so. Leider nehmen viele Leser Bestseller viel zu wichtig – vielleicht einfach aufgrund einer kleinen semantischen Unsicherheit, nämlich im Wort Bestseller steckt für viele deutsche Ohren das Beste drin. Aber das ist ja nur das meistverkaufte, also dann oft das Gegenteil vom besten. Stellen Sie sich vor, Sie müssten die zehn meistverkauften Mahlzeiten in Deutschland zu sich nehmen; kein Mensch käme auf die Idee, dass er dabei eine gute Mahlzeit bekäme. Bei den Büchern verhält es sich ganz genauso. Aber der Teufelskreis besteht eben darin, dass die Bestseller auch schon in vorauseilendem Gehorsam vom Buchhandel entsprechend stärker bestellt, also nachgefragt werden, folglich landen die auch schneller wieder auf der Bestsellerliste, weil sie in größerer Stückzahl im Buchhandel vorrätig sind, und so gibt es das Wettrennen sozusagen, wer jetzt am schnellsten die Bestseller erspürt.

Schäfer-Noske: Aber ist denn eine solche Regelung jetzt nicht eigentlich unzeitgemäß? Denn diese feste Regel, erst Hardcover, später Taschenbuch, die gibt es ja gar nicht mehr.

Scheck: Die soll eben auf diesem Wege vielleicht doch wieder etwas stärker eingeführt werden, wobei natürlich die interessante Frage auch sein wird, wie haltet ihr es denn bitte schön mit dem eBook, denn da haben wir ja noch eine weitere Vertriebsform. Es werden im Moment, offiziell jedenfalls, noch keine eBook-Verkaufslisten, Bestsellerlisten veröffentlicht im "Spiegel". Man muss natürlich auch bedenken, dass die Bestsellerlisten nicht wirklich die meistverkauften Bücher oder buchähnlichen Gegenstände abbilden, sondern da wurden immer Kochbücher etwa, Wörterbücher, auch Comics künstlich fern gehalten. Es war lange eine Diskussion, ob Harry Potter, Kinderbücher und so weiter, ob die eben auch Zugang zu der "Spiegel"-Bestsellerliste erhalten sollen. Insofern gab es da immer schon marktverzerrende Gewichtungen.

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