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StartseiteAus Religion und GesellschaftBuddhas weiter Weg nach Westen15.04.2020

Denkfabrik DekolonisierungBuddhas weiter Weg nach Westen

In vielen deutschen Museen sind Kultgegenstände fernöstlicher Religionen zu sehen: Buddha-Statuen, Göttinnen und Grabwächterfiguren. Woher stammen sie? Kamen sie auf legale Weise nach Deutschland? Oder wurden sie aus Tempeln gestohlen? Die Provenienzforschung hat auch hier begonnen.

Von Mechthild Klein

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Mehrere weiße Buddha-Statuen stehen hintereinander. (unsplash.com/ Céline Haeberly)
Mehrere weiße Buddha-Statuen stehen hintereinander. (unsplash.com/ Céline Haeberly)
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Susanne Knödel: "Ich kann hier sagen für uns, dass ich aus China noch nie Rückgabeforderungen hatte, obwohl wir geplünderte Objekte aus China besitzen, aus dem sogenannten Boxer Krieg. Was auch bekannt ist in China." 

Christine Howald: "Wir sind daran, das kooperativ wirklich aufzuarbeiten. Und zum Beispiel bei Tempel-Plünderungen, die es natürlich auch in großem Maß gab. Da gibt es wohl mehr Inventare. Da wissen wir hier in Deutschland, in Europa aber sehr wenig drüber. Und da brauchen wir auch tatsächlich die Kooperation mit den chinesischen Kollegen und Kolleginnen."

Lars-Christian Koch: "Das können wir nicht allein machen. Wir können nicht allein über die Provenienzforschung hier alles das nachweisen, was dort illegal gelaufen ist. Da sind darauf angewiesen, was zum Beispiel in Indien dann noch weiter aufgearbeitet wird.

Sammlungsreisende und Abenteurer

In Deutschland entbrannte um 1900 unter den noch jungen Museen für Völkerkunde ein Wettbewerb. Diese Museen waren in Handelsstädten wie Hamburg, Berlin, Leipzig, Köln oder Bremen aus den Kolonialsammlungen hervorgegangen. Über den Seehandel brachten Kaufleute und Händler nicht nur Genussmittel wie Tee, Gewürze und Reis aus Asien mit nach Europa, sondern auch Exotisches: Götterfiguren und Kultgegenstände. Das Hamburger Museum für Völkerkunde, 1879 gegründet, bemühte sich mit den anderen Museen mitzuhalten und bestellte Lieferungen bei sogenannten Sammlungsreisenden und Abenteurern. Diese wiederum kauften den Einheimischen Alltagsgegenstände in den Kolonien auch kleine Altäre und Schreine ab. Dass manche von ihnen dabei auch Tempel leerräumten, war den Auftraggebern wohl nicht klar.

Der Hamburger Museumsdirektor Georg Thilenius schrieb 1907 an den Händler Paul Möwis in Indien:
Musik:


"Sehr geehrter Herr!
Herrn Oberstabsarzt Dr. Fülleborn ihre Adresse verdankend, möchte ich Sie bitten,
dem hamburgischen Museum für Völkerkunde Angebote tibetischer und indischer ethnographischer Gegenstände zukommen zu lassen.
Aus Tibet sind erwünscht Trompeten aus Menschenknochen; Feldbaugeräte (…) Hausgerät; ferner vollständige Serien von Götterbildern aus bemaltem Ton oder Messing; (…) Zaubergerät, buddhistische Gemälde, Tempelbilder mit Darstellung der 9 Himmel und 9 Höllen, weiterhin ornamentale Tempelschnitzereien; Altareinfassungen und Ähnliches. (…)
Ihren gefälligen Nachrichten entgegensehend
Hochachtungsvoll, Der Direktor Prof. Dr. Thilenius"

Im Jahr davor hatte der Direktor des Hamburger Völkerkundemuseums bereits einen spektakulären Deal gemacht. Er kaufte für 60.550 Goldmark bei dem dubiosen Geschäftsmann Theodor Heinrich Thomann eine Sammlung mit Wandmalereien und Buddha-Figuren aus der Tempelanlage Pagan aus Britisch-Burma. Thomann hatte zuvor spektakuläre Gipsabdrücke aus der buddhistischen Tempelanlage von Angkor Wat an das Berliner Völkerkundemuseum verkauft. Nun hatte er die Methode gewechselt und plünderte die Tempel in Burma. Dabei hatten ihn offenbar erst die Berliner Wissenschaftler auf die Tempelanlage aufmerksam gemacht.

"Fast eine Aufforderung zum Kunstraub"

"Das war wirklich schon fast eine Aufforderung zum Kunstraub. Und der ist ja dann dahin und hat mehrere Tempel ausgeräumt, Wandmalereien von der Wand abgeschlagen, und die Wandmalereien aus einem Tempel sind bei uns in der Sammlung gelandet.", sagt Susanne Knödel, Wissenschaftliche Leitung und Kuratorin der Ost- und Südasienabteilung am "Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt", dem früheren Hamburger Völkerkundemuseum. Die Sinologin kennt die Geschichte von Thomann, der 1899 mit 6 Mann in die buddhistische Tempelanlage in Britisch-Burma ging. Thomann war ein Geschäftsmann, kein Gelehrter.

Sie sagt: "Es gab in unterschiedlichen Tempeln solche Eingriffe von diesem Herrn Thomann. Also unsere sind aus einem Flurbereich. Und es gibt andere, die sind aus Haupthallen und sehr viel schöner gemalt gewesen. Damals hat man wohl gesagt: Wir haben in Pagan genug Kunstschätze zu erhalten, und die können erst einmal hierbleiben. Dazu soll es einen Briefwechsel geben mit dem Auswärtigen Amt und Außenministerium von Myanmar."

Die Sulamuni-Tempel in Myanmar liegt nach dem Erdbeben in einer Staubwolke (Soe Moe Aung / AFP)Die Sulamuni-Tempel in der weltberühmten Tempelstätte Bagan in Myanmar liegt nach dem Erdbeben in einer Staubwolke (Soe Moe Aung / AFP)

Nicht erst heute versteht man in Europa Thomanns Vorgehen als Kunstraub. Auch damals in Britisch-Burma, dem heutigen Myanmar, war das Leerräumen von Tempeln vor 120 Jahren kein Kavaliersdelikt. Thomann wurde des Landes verwiesen. Das Berliner Museum distanzierte sich von Thomann und seinen Plünderungen. Als der Händler in Burma die Tempel leerräumte, ließen seine Helfer ihre Namen auf den kahlen Wänden zurück.

Susanne Knödel: "Wir rechnen eigentlich damit, dass da irgendwann auch wieder Anfragen kommen. Was ist jetzt mit diesen Sachen? Kann man die zurückhaben? Da würden wir auf keinen Fall uns verschließen."

Die Hamburger haben bereits im Jahr 2019 zwei Grabwächterfiguren nach Korea zurückgegeben. Die Steinskulpturen hatte das Museum in den 80er Jahren von einem Sammler ohne Ausfuhrgenehmigung gekauft. Auf Nachfrage stellte sich heraus: Der Verkäufer hatte die Figuren im Container nach Hamburg geschmuggelt.

Willige Helfer in den Ursprungsländern

Die Herkunftsforschung der Ausstellungsstücke aus den Kolonialländern, das ist heute das große Thema der Museen. Der Fachbegriff hierfür ist Provenienz. Wie religiöse Kunstobjekte aus Kolonialländern nach Europa kamen, wird nun neu bewertet. Von beiden Seiten. Denn ein Teil kam durch Plünderungen und Raubgrabungen in die Museen nach Europa. Es gab aber auch willige Helfer in den Ursprungsländern, wie beispielsweise in China gab während der Kolonialzeit.

"Das sind vor allen Dingen die Plünderungen während oder nach der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes 1900. Also Sommer 1900 und dann das Folgejahr. Wir sind jetzt in einem sehr intensiven Kontakt mit China.", sagt Christine Howald, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin. Dort ist sie zuständig für das Museum für Asiatische Kunst.

"Wir sind daran, das kooperativ wirklich aufzuarbeiten. Und z.B. bei Tempel-Plünderungen, die es natürlich auch in großem Maß gab. Da gibt es wohl mehr Inventare. Da wissen wir hier in Deutschland, in Europa aber sehr wenig drüber. Und da brauchen wir auch tatsächlich die Kooperation mit den chinesischen Kollegen und Kolleginnen und hoffen, dass die mehr darüber rauskriegen können, dass die in den Archiven Inventare finden. Dass wir einfach mehr Wissen über diese Objekte bekommen."

Sitzender Buddha, China 7./8. Jhd. (Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Jürgen Liepe)Sitzender Buddha, China 7./8. Jhd. (Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Jürgen Liepe)

Im Berliner Museum für Asiatische Kunst gibt es eine Turfan-Sammlung mit religiösen Antiken von der Seidenstraße. An dem alten Handelsweg vom Libanon nach China hatte sich nördlich von Tibet vom 4. bis 13. Jahrhundert eine einzigartige buddhistische Kultur entwickelt. Tausende Tempel und Felsenklöster mit kostbaren Wandmalereien und Skulpturen waren teilweise im Wüstensand verschüttet. Der schwedische Geograf Sven Hedin hatte ab 1900 mit seinen Berichten über versunkene Städte in der Wüste eine internationale Schatzsuche ausgelöst. Russen, Engländer, Franzosen, Japaner und Deutsche lieferten sich einen Wettbewerb, um die schönsten Götterfiguren und Wandmalereien aus den Tempelwänden herauszuschneiden. Teilweise sogar mit Genehmigung der chinesischen Behörden. Das Völkerkundemuseum in Berlin schickte von 1902 bis 1914 vier Expeditionen an die Seidenstraße nach Chinesisch-Turkistan. Sie machten am Rande der Wüste Taklamakan reichlich Beute in den Ruinen der Höhlentempel von Turfan oder Bezeklik. Dazu Christine Howald:

"Diese Höhlen damals, in dem Kontext, in der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, waren in der Bevölkerung vor Ort etwas, was in Vergessenheit geraten war, was selbst schon zerstört wurde."

Damals glaubten die Forscher durch den Abtransport der Skulpturen, Schriftrollen und Wandmalereien die versunkene Kultur retten zu können. Stolz präsentierte man im Museum die exotischen Schätze. Die Wissenschaftler erkundeten, welche Buddha-Figuren dort abgebildet waren und wie sich der Buddhismus an der Seidenstraße entwickelt hatte. Doch der Blickwinkel hat sich mittlerweile geändert. Die Herkunft ist mehr in den Fokus gerückt. Wie genau sind die Objekte in das Museum gekommen?

Christine Howald: "Es waren auch sehr verschiedene Genehmigungen für jede Expedition. Bei der einen durften sie eigentlich nur dahin reisen und nichts machen, bei der anderen durften sie etwas vor Ort machen. Genau das muss man sich angucken und dann natürlich auch schauen. Wie steht jetzt die chinesische Regierung dazu? Wir müssen auch eine Haltung dazu entwickeln, wenn wir uns die Region heute angucken."

Grabungsgenehmigung mit Fragezeichen

Die Expeditionsteilnehmer vor fast 120 Jahren gingen sehr unterschiedlich an ihr Werk. Manche hielten den Fundort detailliert fest, fertigten Fotografien und Zeichnungen an. Andere dokumentierten überhaupt nicht und räumten die Höhlentempel nur aus. Man kann darüber streiten, ob die Wissenschaftler diese buddhistischen Kunstwerke mit dem Abtransport in die Museen beispielsweise vor der Zerstörung durch extreme Witterungsverhältnisse gerettet haben. Teilweise hatten auch Einheimische die Fresken zerstört und aus Aberglauben die Gesichter ausgekratzt oder den Lehm hinter den Malereien für den Feldanbau genutzt.
Nach dem zweiten Weltkrieg konfiszierte Russland große Teile der Berliner Turfan-Sammlung als Beutekunst. Heute wird intensiv darüber geforscht, was die genaue Rechtsgrundlage für die Expeditionen nach Chinesisch-Turkistan war.

Lars-Christian Koch: "Wie reden wir über den Kontext von Raub? Und nach dem Verständnis: Wenn so eine Grabungsgenehmigung nicht komplett da war, haben wir nach damaligen Rechtsverständnis natürlich schon die Sache, dass wir sagen können, da sind illegale Kontexte mit involviert in dem Bereich. Ich würde aber nicht davon ausgehen, dass der ganze Bereich per se illegal ist. Das müssen wir jetzt erst mal austarieren."

Lars-Christian Koch, Direktor des Asiatischen und des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum.

"Und vor allen Dingen für uns ist darin wichtig, dass wir mit den Partnern in China zusammenarbeiten und dass wir da gemeinsame Lösungen finden und vor allen Dingen Lösungen, die schon global sind. Es sind ja nicht nur Berlin, was die Turfan-Sammlung betrifft. Indien hat auch große Bestandteile davon, andere Bereiche auch. Das ist wirklich weltweit verteilt. Und genau das ist für uns ein Ansatzpunkt zu sagen. Wenn wir über diese Kontexte reden, dann auch über internationales Recht reden. Und dann wird es wieder eine ganz komplizierte Angelegenheit."

Kunsthändler im Knast

Nicht nur die Museums-Sammlungen aus der Kolonialzeit stehen heute im Fokus. Auch der Erwerb von Kunstsammlungen aus jüngerer Zeit kann problematisch sein. Die Museen haben buddhistische oder hinduistische Götterfiguren zwar legal über den Kunsthandel erworben, ausgestattet mit umfangreichen Zertifikaten. Aber die Zertifikate können gefälscht und die alten Statuen gestohlen sein oder aus Raubgrabungen stammen. In den letzten Jahren haben Ermittler mehrere internationale Großhändler überführt. Darunter der renommierte New Yorker Kunsthändler Subhash Kapoor, der 2011 festgenommen wurde. Kapoor exportierte antike Statuen vom indischen Subkontinent und verdiente damit Millionen Dollar. Er belieferte viele renommierte Museen Europas und Amerikas. Derzeit sitzt der Kunsthändler in Indien im Gefängnis.

Menschen vor dem Haupteingang des Metropolitan Museum of Art in New York City. (imago / Sergi Reboredo)Metropolitan Museum of Art in New York (imago / Sergi Reboredo)

Zu den Geschädigten gehörte auch das Metropolitan Museum of Art. Die New York Times schrieb darüber ausführlich: Das Museum erwarb seit den 1990er Jahren ungefähr 15 Antiquitäten, die durch Kapoors Hände gingen und "in dieser Zeit war sein Schmuggelerring aktiv. Routiniert verkaufte er seltene und kostbare Artefakte an ein Dutzend amerikanische Museen." (New York Times, zitiert von NDTV, New Delhi 22.08.2019)

Indische Behörden suchen nach Zehntausenden von gestohlenen Skulpturen und Antiken, die von Schmugglern aus Tempeln herausgebrochen wurden. Nicht nur die Museen in den USA untersuchen nun ihre Depots nach Stücken von Kapoor, die sie eingekauft oder als Schenkung erhalten haben. Das Lindenmuseum in Stuttgart beispielsweise musste eine 1300 Jahre alte Steinfigur der Göttin Durga an Indien zurückgeben. Kapoors Händlerring stahl sie in den 1990er Jahren aus einem indischen Tempel. Das Museum hatte im Jahr 2000 rund 230.000 Euro für die Skulptur der Göttin bezahlt. Auch in Berlin ist man alarmiert und durchsucht die Sammlung nach Stücken, die durch Kapoors Hände gingen.

Christine Howald sagt: "Das ist zum Beispiel etwas, wo wir noch dran sind. Wo wir auch international vernetzt sind Und wir schauen auch. Wir wissen, wir haben noch Stücke, und da schauen wir auch. Das sind z.B. Fälle, da werden wir natürlich sagen, die gehen dann eine Ebene höher."

Die Rolle des Auswärtigen Amtes

Eine Ebene höher - das ist das Auswärtige Amt. Dort werden die genaue Rechtslage geprüft und Verhandlungswege über eine mögliche Rückgabe austariert.

Museumsdirektor Lars-Christian Koch fragt: "Wie ist der eigentliche Befund? Er sitzt im Knast. Er wird zum Teil illegal gehandelt haben. Das heißt aber nicht, dass das alles komplett so war. Es ist auch rechtlich eine schwierige Situation." 

Für die Museen ist es eine Sisyphus-Arbeit, alle Puzzleteile zusammenzubringen. Die gefälschten Papiere verschleiern die genaue Herkunft und die Besitzverhältnisse. Man muss zunächst herausfinden, ob die Herkunftszertifikate oder die Exportpapiere gefälscht sind und dann recherchieren, woher die Stücke wirklich stammen.

Lars-Christian Koch: "Es gibt ja auch Netzwerke in den Ländern selber. Es wird ja mittlerweile auch aufgearbeitet. Wir hoffen auch, über diese Bereiche einfach mehr zu erfahren, wo einige Objekte herkommen. Das können wir nicht allein machen. Wir können nicht allein über die Provenienzforschung hier alles das nachweisen, was dort illegal gelaufen ist."

Die Hoffnung der Museen ist, dass es sich bei Kapoors Vergehen nur um Einzelfälle handelt. Dass es im Kunsthandel nur vereinzelt schwarze Schafe gibt. Aber die Verlockung für Kunsthändler und ihre Helfer scheint groß. Im November 2019 wurde der bekannte Kunsthändler Douglas Latchford angeklagt. Er soll im Kunsthandel Dokumente im großen Stil gefälscht haben, um die Antiken leichter auf dem internationalen Markt verkaufen zu können. Latchford – heute 88 Jahre alt - gilt als renommierter Experte von Khmer-Antiken aus Kambodscha. Mehr als 5 Jahrzehnte lang hat er mit Antiken aus Asien gehandelt und ist darüber reich geworden. Nach Einschätzung der US-Behörden gilt Latchford seit den 1970er Jahren als einer der großen Player in internationalen kriminellen Netzwerken, die mit kulturellen Schätzen handeln.

"Ich meine, in Fachkreisen war schon lange bekannt, dass er einer der größten Dealer ist. Also bis dann jemand mal wirklich Anklage erhoben hat. Das hat offensichtlich gedauert. Er hat sich auch immer als Mäzen aufgespielt. Also, er hat Dinge renommierten Museen geschenkt. Selbst in Kambodscha. Nur hat einfach niemand gefragt, woher hat er denn das?", sagt Brigitta Hauser-Schäublin, Ethnologin an der Universität Göttingen. Sie untersuchte unter anderem per Feldforschung, wie in Thailand Kunsthändler Nachbildungen von alten Buddha-Statuen als Originale exportierten.

Hauser-Schäublin: "Und diese Frage nach der Provenienz eben. Das ist etwas, was erst in den letzten 15 Jahren so richtig an Brisanz gewonnen hat. Nicht zuletzt, weil man gesehen hat, was bis jetzt bekannt war, war nur die Spitze des Eisbergs. Aber ein Großteil dessen, was auf dem Kunsthandel an Antiquitäten aus Südostasien vermutlich gehandelt wird, ist etwa aus Raubgrabungen oder es sind Fälschungen."

Steinmetze trimmen Repliken auf alt

Das Vorgehen betrügerischer Kunsthändler sei oft ähnlich, sagt die Ethnologin. Die Herkunft wird gefälscht, Besitzer erfunden, der Kauf wird früher datiert, manchmal bis in die Kolonialzeit zurück. Das Prozedere gibt es auch bei Repliken von Götterfiguren. Ganze Steinmetzbetriebe in Thailand sind damit beschäftigt, die Steinrepliken auf alt zu trimmen. Es gibt noch einen Haken: Wurde eine antike Buddha-Figur beispielsweise laut Papieren in den 1960er Jahren erworben, greift ohnehin nicht das UNESCO-Kulturgüterschutzgesetz von 1970, das die Einfuhr der Antiken verbietet. Deshalb steht auf Herkunftsbescheinigungen oft: in Familienbesitz seit 1960 oder früher. Wer dubiosen Händlern oder Auktionshäusern auf die Spur kommen will, muss aber genau wissen, wo die antike Figur herkommt und den Beweis antreten, dass sie aus einer Raubgrabung stammt. Oder er muss nachweisen, dass die Antike gar nicht im Familienbesitz war, sagt Brigitta Hauser-Schäublin. Sie sieht die Verantwortung auch bei den Sammlern selbst.

Hauser-Schäublin: "Wenn natürlich der ganze Markt nicht wäre mit den vielen Sammlungen, dann wäre auch die Nachfrage nicht so groß. Und Fälschungen gibt es immer nur dort und auch Raubgrabungen, wo eine entsprechende Nachfrage existiert. Das ist das alte Prinzip, auch des Kunstmarkts.

Heute vernetzen sich die Museen international und tauschen sich aus, über dubiose Händler oder über fragwürdige Nachlässe, die man besser ablehnen sollte. Doch die wissenschaftliche Personaldecke ist dünn. Es gibt nur vereinzelt befristete Stellen für diese Forschung nach der Herkunft. Auch wenn junge Wissenschaftler in ihren Masterarbeiten oder Dissertationen über Provenienz forschen, liegen Ergebnisse meist erst in Jahren, vielleicht sogar erst in Jahrzehnten auf dem Tisch.
Eines ist jedoch sicher: Rückführungen von antiken Buddha-Figuren in die Herkunftsländer werden auch in Zukunft die Ausnahme bleiben.

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