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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer absurden Ehrerbietung ein Ende setzen12.06.2020

Denkmäler in BelgienDer absurden Ehrerbietung ein Ende setzen

Der Wille zur Aufarbeitung müsse fortleben, auch wenn die "Black Lives Matter"-Bewegung irgendwann nicht mehr die Nachrichten dominiere, kommentiert Paul Vorreiter. Denn wer in der europäischen Geschichte grabe, erschaudere, wie viele Leichen noch hinter den Denkmälern unserer Städte versteckt seien.

Von Paul Vorreiter

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Eine mit Graffiti beschmierte Statue des belgischen Königs Leopold II. (picture alliance / AP Images)
Eine Statue des belgischen Königs Leopold II.: an ihm hängen die Spuren der Zeit (picture alliance / AP Images)

Verdient es, ein König mit Statuen geehrt zu werden, dessen Vertreter die Einwohner im Kongo mit Peitschen aus Nilpferdhaut bewusstlos schlugen oder die Hände abhackten? Ein König, dessen Gier nach Kautschuk etwa zehn Millionen Afrikaner das Leben kostete? Die Antwort ist Nein. 

Dank Black Lives Matter ist auch in Belgien eine Debatte über den Umgang mit dem kolonialen Erbe von Leopold dem II. entfacht. Bitter, dass es dafür erst George Floyd, ein weiteres Opfer von Polizeigewalt in den USA gebraucht hat: Dabei haben die afrikanischstämmige Community in Belgien, Zivilgesellschaft und Historiker schon lange auf die unaufgearbeitete Kolonialgeschichte des kleinen Landes hingewiesen. Passiert ist wenig. Nach wie vor erfahren Schüler in Belgien wenig darüber, wie grausam die Schergen des Königs gewütet haben.

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Unser Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

Das Narrativ des vermeintlichen Philantropen Leopold, der die Zivilisation nach Afrika brachte, hält sich erstaunlich hartnäckig. Nun fordern immer mehr Belgier in Petitionen Leopolds Standbilder zu entfernen, seiner absurden Ehrerbietung ein Ende zu setzen. Sie folgen dem weltweiten Ruf nach Aufarbeitung von Rassismus, durch den auch schon in Bristol ein Sklavenhändler vom Sockel gestoßen wurde, und durch den in Deutschland über den Begriff "Rasse" im Grundgesetz diskutiert wird.

Ein starkes Zeichen

Der Wille zur Aufarbeitung muss fortleben, auch wenn die "Black Lives Matter"-Bewegung irgendwann nicht mehr die Nachrichten dominiert. Denn wer in der belgischen Geschichte gräbt, erschaudert, wie viele Leichen noch versteckt sind. Begrüßenswert ist, dass sich belgische Politiker bereit zeigen, die Kolonialgeschichte fest in den Lehrplänen zu verankern. Ein starkes Zeichen wäre es auch, wenn das Afrikamuseum bei Brüssel der Kolonialgeschichte Belgiens angemessenen Raum geben würde.

Noch wichtiger ist es, dass Lösungen gefunden werden, wie dem strukturellen Rassismus heute begegnet werden kann. Die Aufarbeitung der Vergangenheit stößt schließlich auch an Grenzen. Wer mit Leopold II. konsequent aufräumen wollte, müsste halb Brüssel in Schutt und Asche legen: Triumphbogen und Justizpalast aus dem Stadtbild verbannen. Im Straßenbild genügt es, die obszönen Denkmäler zu entfernen: In Antwerpen steht das Standbild des belgischen Missionars De Deken, der mit seinem Knie einen Einheimischen zu Boden drückt. Eine solche Szene haben wir gerade erst wieder gesehen.

Paul Vorreiter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Paul Vorreiter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Paul Vorreiter, geboren in Tarnowskie Góry/Polen, studierte Geschichte, Slawistik und Osteuropastudien in Berlin und arbeitete bis 2015 als Nachrichtenredakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. 2017 beendete er sein Volontariat beim Deutschlandradio. 2017 bis 2018 war Vorreiter als Junior-Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradio tätig, danach wechselte er ins Korrespondentenbüro des Deutschlandradios nach Brüssel. Seit 2018 berichtet er von dort mit den Schwerpunkten Digitales, Umwelt und Bürgerrechte.



 

 

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