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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDenkmal aus Stacheldraht und Beton14.05.2009

Denkmal aus Stacheldraht und Beton

Über die Mauer als Denkmal und das Erinnern an die deutsche Teilung

Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR ist die Mauer nicht nur weitgehend aus der Topografie verschwunden, sondern bei vielen auch aus dem Bewusstsein. Ein Fall für Historiker und Denkmalpfleger, die sich nun auf einer Tagung für Denkmalschutz in Berlin zu einer Bestandsaufnahme trafen. Sie berieten, wie das Gedenken an die Teilung Deutschlands und die Maueropfer bewahrt werden kann.

Von Eva-Maria Götz

Nur noch wenige Mauerteilstücke erinnern noch an die einstige Trennung der Stadt Berlin. (AP)
Nur noch wenige Mauerteilstücke erinnern noch an die einstige Trennung der Stadt Berlin. (AP)

"Die Geschichte der Zerstörung der Mauer hat ja viele, viele Gründe, warum die Berliner sofort gesagt haben: Wir wollen es loswerden, wir können es nicht mehr sehen. Das ist das Symbol für Schmerz, für Teilung, für Zerrissenheit von Freunden und Familien. Und deshalb ist die Mauer verschwunden - und sehr schnell verschwunden","

meint Axel Klausmeier, Leiter der Stiftung "Berliner Mauer". 28 Jahre lang trennten Sperranlagen die Menschen in der Bundesrepublik und der DDR voneinander. Und als im November 1989 die Mauer im Zuge der friedlichen Revolution von überraschten Grenzsoldaten geöffnet wurde, war kein Halten mehr: mit Hammer und Meißel schlugen die Menschen in Berlin Löcher in das verhasste Bauwerk und auch im übrigen Bundesgebiet war von den Schussanlagen auf dem Todesstreifen bald nichts mehr zu sehen. Dabei, so meinten der Direktor der "Stiftung preußischer Schlösser und Gärten", Professor Hartmut Dorgerloh, oder der damalige Generalkonservator, Peter Goralczyk, sei ihnen schnell klar gewesen, dass sie die Mauer wohl noch einmal beschäftigen würde - in ihrer Arbeit als Wissenschaftler. Nur hätte dazu anfangs wenig Bereitschaft bestanden.

Und auch die Professorin für Stadtentwicklung an der technischen Universität Berlin, Gabi Dolff-Bonekämper, bestätigte, dass es in den 90er-Jahren politisch nicht durchsetzbar gewesen wäre, größere Mauerstücke im Stadtbild aus Denkmalschutz- und Forschungsgründen zu erhalten: Sie Stadt sollte und wollte zusammenwachsen und nicht an die Teilung erinnert werden.

Aus der Distanz ging es besser. So forschte die Historikerin Hope M. Harrison von der "Washington University" in Moskauer Archiven und konnte die Behauptung widerlegen, die Mauer sei eine Idee des sowjetischen Machthabers Nikita Chruschtschow gewesen. Im Gegenteil: DDR-Staatspräsident Walter Ulbricht hatte zuvor monatelang um die Erlaubnis zur Schließung der Transitwege gebettelt.

""Ulbricht wohnte hier und es war ihm klar, dass mit offenen Grenzen die DDR nicht haltbar war. Chruschtschow - vielleicht war er naiv. Er war sehr optimistisch, und er dachte, Kommunismus ist ein besseres System als Kapitalismus - und wir können das schaffen, wir müssen das schaffen. Und für ihn war dieser Wettbewerb hier in Berlin so wichtig: Den wollte er gewinnen. Und es war klar, dass dieser Wettbewerb mit einer Mauer für Kommunismus ein Fehler war, deshalb wollte er keine Mauer haben."

Die Befestigungsanlage, die schließlich errichtet wurde, um die Bevölkerung am Verlassen ihres Landes in Richtung Westen zu hindern, war ein komplexes Bauwerk, das in seiner 28-jährigen Geschichte drei völlig unterschiedliche Erscheinungsformen annahm.

Zu Beginn war es ein Hindernis aus Stacheldraht und Mauerwerk, dessen Perfektionierung jedoch daran scheiterte, dass nicht genügend Material vorhanden war. Im Herbst 1964 wurde auf einem militärischen Übungsgelände ein Mustermauerstreifen mit Wachturm und Signalzaun, Flächensperren und Grenzmauer, Sperrgraben und Kolonnenweg entwickelt, der bald zum Standard wurde. Erst in den 70er-Jahren erhielt die Mauer das Erscheinungsbild, das sie bis zu ihrem Ende behielt: fugenlos und glatt verputzt, mehr als drei Meter hoch und mit einer Rolle als Abschluss.

Die einzelnen Bauabschnitte und die Überlegungen der jeweils zuständigen Minister dokumentiert das Buch "Die Berliner Mauer - Vom Sperrwall zum Denkmal", das als Ergebnis langjähriger Forschungen nun auf der Berliner Tagung vorgestellt wurde. Einer der Autoren ist Professsor Manfred Wilke vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.

"Es ist der Versuch, in Kombination von Denkmalpflege, Zeitgeschichte und den Militärhistorikern ein Bild der Mauer zu entwerfen, wie sie war - und zwar jenseits der Postkartenansicht, die jeder von uns von der Mauer im Kopf hat."

Nicht nur die Architektur und die historischen Fakten der innerdeutschen Grenzen werden hier umfassend dokumentiert, sondern auch das Bild, das sich die Menschen in Ost und West von der Grenzanlage machten, die sie ja im Detail nie zu sehen bekamen.

"Während der Mauer gab es eine Kunst, die völlig aus den Köpfen verschwunden ist, eine Propagandakunst der SED, nach den berühmten Motiven: Grenzsoldat mit Maschinenpistole, kleines Mädchen auf dem Arm – 'zum Schutze des Friedens und des Sozialismus'. Und die anderen Bilder, von Roger Löwig und anderen, die das Zerrissene, das Schreiende, den Schmerz zum Ausdruck bringen. All dies gehört mit in die Bilder der Mauer, die dieses Forschungsprojekt erforscht, und es ist in gewisser Weise auch ein Pilotprojekt, wie die Denkmalpflege sich den 'schrecklichen' Denkmälern, mit denen ja Deutschland 'gesegnet' ist, muss man fast zynisch sagen, zuwenden - und die Zeithistoriker helfen über das Denkmal, die Erinnerung an die Zeit zu bewahren."

Dass vor allem die Menschen in der DDR keine genaue Vorstellung von den Ausmaßen der an manchen Stellen bis zu fünf Kilometer breiten Grenzanlagen hatten, wurde etlichen zum Verhängnis. 136 Menschen wurden beim Versuch, die Mauer in Berlin zu überwinden, erschossen oder erlagen ihren Verletzungen. Darunter waren hauptsächlich junge, männliche Erwachsene, die ihr Leben riskierten, weil sie keinen anderen Ausweg sahen, aber auch Kinder, die sich schlicht verlaufen hatten. Maria Nooke von der "Stiftung Berliner Mauer":

"Man kannte das vielleicht aus dem Fernsehen, wenn da mal Bilder gezeigt wurden. Aber die ganz konkrete örtliche Situation war den meisten nicht bekannt. Und es sind ja nicht nur Flüchtlinge, die an der Grenze zu Tode gekommen sind, sondern auch Menschen aus dem Osten wie aus dem Westen, die durch irgendwelche Umstände im Grenzgebiet plötzlich landeten oder die versehentlich für Flüchtlinge gehalten wurden, wenn sie sich im grenznahen Gebiet aufhielten, und dann erschossen wurden."

Erst eine private Initiative am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie, die im Jahr 2004 an der Friedrichstrasse überdimensionale schwarze Holzkreuze zum Gedenken an die Toten aufstellen ließ, machte deutlich, dass es in Berlin keine geeignete Gedenkstätte für die Opfer gab - und dass die spärlichen, vor sich hinrottenden Mauerreste, die die Stadt an der Bernauerstrasse zwischen Mitte und dem Bezirk Wedding als Mauerdenkmal stehengelassen hatte, der Bevölkerung mittlerweile nicht mehr ausreichten.

Die Frage, ob man an dieser Stelle die Sperranlagen wieder nachbauen solle, um Authentizität zu erzeugen, wird bis heute von Forschern und Anwohnern kontrovers diskutiert. Der Vorsitzende der Stiftung "Berliner Mauer", Axel Klausmeier, zum Gedenkstättenkonzept:

"Wir haben authentische Reste der Mauer - entlang der Bernauerstrasse, aber auch auf den übrigen 155 Kilometern der Mauer, die rund um Westberlin war. Aber wir müssen diese Elemente interpretieren, wir müssen deren ursprüngliche Bedeutung im Sperrsystem deutlich machen, und wir müssen vor allem immer wieder diese baulichen Überreste in Bezug auf die Menschen bringen. Wir müssen zeigen, wie die Menschen darunter gelitten haben, welche Freiheiten eingeschränkt wurden - und wir müssen an die Opfer erinnern und den Opfern gedenken."

Die Dokumentation der Biografien der Menschen, die beim Versuch, die Grenze zu überwinden, getötet wurden, wird zukünftig im Mittelpunkt der Arbeit der Gedenkstätte stehen. Über die genauen Hintergründe, den Alltag, die Organisation und die Repression innerhalb der Grenztruppen besteht, so ein Fazit der Tagung, noch viel Forschungsbedarf.

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