Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 11:05 Uhr Interview der Woche
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Symbol des Mitgefühls01.09.2019

Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs Ein Symbol des Mitgefühls

Die Deutschen hätten die Verbrechen, die sie im Zweiten Weltkrieg in Polen begangen haben, bis heute nicht verarbeitet, meint Sebastian Engelbrecht. Das müsse ein Ende haben. Ein Denkmal wäre der Versuch, diese historische Schuld einzugestehen. Denn es wäre ein Zeugnis des Mitgefühls gegenüber den Opfern.

Von Sebastian Engelbrecht

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Altstadt von Breslau (dpa-Zentralbild)
Polen habe nach dem Zweiten Weltkrieg ehemals deutsche Städte wie Breslau wieder aufgebaut anstatt sie neu zu konzipieren, meint Sebastian Engelbrecht (dpa-Zentralbild)
Mehr zum Thema

Reparationsforderungen an Deutschland "Moralisch hat Polen einen Anspruch darauf"

Deutscher Überfall auf Polen vor 80 Jahren Historiker: Mahnmal für die NS-Opfer wäre "wichtiges Signal"

Warschauer Historiker Borodziej "Polen hat Reparationsansprüche teils erhalten, teils verwirkt"

Markus Meckel (SPD) zur Erinnerungskultur "Denkmäler nach Nationalität sind sehr problematisch"

Polnische Opfer des Nationalsozialismus Zu früh für ein Denkmal

Spät, sehr spät kommt in Deutschland dieser Tage eine Diskussion in Gang, ob das Land ein Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs braucht. Es ist beschämend, dass die Deutschen 80 Jahre brauchten, um auf diesen Gedanken zu kommen. Es ist zugleich bezeichnend.

Bis heute blicken die Deutschen in ihrer Mehrheit westwärts – wenn es um den nächsten Urlaub geht, um einen Studienort, um persönliche Kontakte in anderen Ländern. Der Blick ostwärts hingegen spielt oft keine Rolle: Die sprachlichen Barrieren erscheinen hoch, die Kenntnisse über die östlichen Nachbarn sind gering. Bei allem Austausch, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelt hat, erstaunt doch immer wieder, wie gering das Interesse am östlichen Teil Europas insgesamt ist.

Polen sollte von der Landkarte verschwinden

Dabei beginnt Polen 80 Kilometer östlich der deutschen Hauptstadt. In ganz Deutschland leben hunderttausende Polen, und Millionen deutscher Familien haben ihre Wurzeln im westlichen Polen, in den früheren deutschen Gebieten Pommern, Ostpreußen, im östlichen Brandenburg und Schlesien. Die polnischen Nachbarn kamen nach der Westverschiebung ihres Landes im Jahr 1945 gar nicht umhin, sich mit der deutschen Kultur zu befassen. Und sie taten es in bewundernswerter Weise. Sie haben ehemals deutsche Städte wie Danzig und Breslau wieder aufgebaut anstatt sie neu zu konzipieren.

Dem stehen hierzulande Desinteresse an der polnischen Kultur gegenüber, Unkenntnis und Arroganz. Der Grund für diese Amnesie, für dieses Wegschauen liegt auf der Hand. Die Deutschen haben die unsäglichen Verbrechen, die sie an den polnischen Nachbarn begangen haben, bis heute nicht verarbeitet: Wehrmacht, SS und der Terrorapparat des Nationalsozialismus unterwarfen Polen in den Jahren 1939 bis '44 einer barbarischen Vernichtungsmaschinerie. Sie ermordeten etwa sechs Millionen Polen, wovon die Hälfte Juden waren. Die intellektuelle, kirchliche und staatliche Elite wurde getötet oder interniert, die Hauptstadt Warschau bombardiert, Dörfer abgebrannt. Polen sollte nach dem Willen der Nazis germanisiert werden und von der Landkarte verschwinden.

Polen galten den Nazis als minderwertig. Dieser Hochmut ist nach 1945 nicht einfach aus den Köpfen der Deutschen verschwunden. Wer weiß schon, dass Polen heute ein prosperierendes Land ist und ein "globaler Spitzenreiter beim Wirtschaftswachstum", worauf der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki dieser Tage hingewiesen hat?

Ausgestreckte Hand der polnischen Nachbarn ergreifen

Das Prinzip Verdrängung im Verhältnis zu den polnischen Nachbarn muss ein Ende haben. Der deutsche Staat und die Menschen in Deutschland müssen künftig viel wacher ostwärts blicken und die ausgestreckte Hand der polnischen Nachbarn viel häufiger ergreifen.

Voraussetzung dafür ist aber, dass sich die Deutschen ihrer barbarischen Tätergeschichte bewusst werden. Die Lektion, die viele im Blick auf Antisemitismus, Judenhass und die Shoah gelernt haben, ist im Blick auf die polnischen Nachbarn noch nicht gelernt. Ein Denkmal in der Berliner Mitte wäre der Versuch, auch diese historische Schuld sichtbar einzugestehen. Es wäre auch ein Zeugnis des Mitgefühls der Deutschen gegenüber den Millionen polnischer Opfer und ihren Familien. Es wäre ein Zeichen, dass Deutschland den Modus des Hochmuts gegenüber Polen endlich aufgegeben hätte.

Es ist zu wünschen, dass ein Dokumentationszentrum über den Vernichtungskrieg der Deutschen im Osten hinzukäme. Ja, es ist sogar notwendig. Damit würde ein Ort geschaffen, wo die nicht gelernte Lektion nachgeholt werden könnte. Auch die Idee eines deutsch-polnischen Doppelmuseums wäre eine sinnvolle Ergänzung: ein Ort für Verständigung, Begegnung und Dialog.

Die Sorge vor einer "Nationalisierung des Gedenkens" können die Deutschen getrost hintanstellen. Die Schuld, die Deutschland in Polen auf sich geladen hat, übertrifft alles Vorstellbare.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk