Mittwoch, 03.06.2020
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteKommentare und Themen der WocheSeltsame Mentalität11.04.2020

Denunziantentum in Corona-ZeitenSeltsame Mentalität

Zerstochene Autoreifen, Denunziantentum, Pöbeleien gegenüber Menschen an der Supermarktkasse, die zu wenig Abstand halten: Bei einigen Zeitgenossen lösten die vom Staat zur Eindämmung des Coronavirus verhängten Regeln und Verbote offenbar die niedersten Instinkte aus, kommentiert Michael Seidel.

Von Michael Seidel, "Schweriner Volkszeitung"

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Auf einem an einem Laternenpfahl angebrachten Zettel steht: "Bitte Abstand halten". DIe Deutschen sind angewiesen in der Öffentlichkeit einen Mindestabstand von 1,5 Metern zueinander zu halten. (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babba)
Die Polizei sei vom Denunziantentum mancher Mitbürger zunehmend genervt, sagt Michael Seidel (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babba)

In Krisenzeiten erkennt man den wahren Charakter der Menschen. Da handelt so mancher Zeitgenosse nicht mehr rational, sondern folgt seinen Instinkten.

Ausgeprägte Vorsicht ist bei Menschen, die zu Risikogruppen gehören, durchaus verständlich. Dass diese Betroffenen argwöhnisch darüber wachen, dass ihre Mitmenschen sich an Abstandsregeln und Distanzgebote halten, ist nachvollziehbar.

Doch bei einigen Zeitgenossen lösen die vom Staat als wiederentdeckter Obrigkeit verhängten Regeln und Verbote offenbar die niedersten Instinkte aus. So erlebten gerade einige Rostocker Innenstadtbewohner, dass in ihrer Nebenstraße bei Nacht mit wiederkehrender Boshaftigkeit Reifen von Autos mit "auswärtigem" Kennzeichen zerstochen wurden. 

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)
Da könnte man zwar einwenden: Derlei Vandalismus gibt es doch zu allen Zeiten. Doch derlei Vorfälle sind momentan kein Einzelfall. So häufen sich Berichte über zunächst harmlos daher schlurfende Mitmenschen, die plötzlich zur Furie werden, wenn man ihnen mit zwei statt des erlaubten einen Begleiters im Park begegnet. Oder von schrakelnden Kunden, die in der Supermarktschlange jeden zu viel auf den Vordermann aufgerückten Zentimeter anprangern.

Polizei und Ordnungsbehörden sind inzwischen genervt

Oder ein Fall in Zarrentin am Schaalsee. Einem idyllischen Grenzort direkt am Biosphäre-Reservat, wo etliche Hamburger, Lübecker oder Ratzeburger schmucke Eigentums- oder Ferienwohnungen haben. Diese in der Regel aber nicht als Hauptwohnsitz. Zumindest einer von diesen Zugezogenen wurde nun von einem ortsansässigen Unternehmer denunziert. Der Neusiedler musste flugs nach Hamburg weichen. Polizei und Ordnungsbehörden zeigen sich von der Vielzahl der Petz-Anzeigen inzwischen genervt. 

Also: Die Reifenstecher von Rostock-Mitte sind keine gewöhnlichen Vandalen. Nein, hier darf man einen kausalen Zusammenhang zur Ausrufung strenger Ordnungsmaßnahmen durch die Behörden im Zuge der Corona-Pandemie vermuten.

Die freundliche, aber bestimmte Ausweisung aller Touristen aus dem Urlaubsland "MeckPomm" veranlasst so manchen Anwohner, die Nachbarn "zu erziehen", da werden dann selbst Messer gezückt und Reifen zerstochen. Dass damit das Ziel, den vermeintlich auswärtigen Nachbarn zum Rückzug zu zwingen, nicht erreicht wird, weil das Auto ohne Reifen schlecht fährt, übersteigt aber offenbar den Horizont der selbsternannten "Abschnittsbevolmächtigten".

Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

Schnüffeln, spitzeln und denunzieren im Dienst der guten Sache

Nun sollen aufmerksame Bürger keineswegs verglichen werden mit dem ursprünglich von den Nazis erfundenen "Blockwart", der als unterster Hierarch der NSDAP im Wohnquartier für Ruhe und Ordnung sorgen sollte.

Doch im übertragenen Sinne hat sich die Blockwart-Metapher durch alle Zeiten gehalten. Wer sich an vermeintlich überbordenden individuellen Freiheiten reibt, sieht jetzt seine Chance gekommen: für Ruhe und Ordnung im Revier sorgen. Schnüffeln, spitzeln  und denunzieren im Dienste der großen Sache.

Inzwischen lästern ausländische Medien schon über das deutsche Phänomen: So beschrieb ein Artikel der Nachrichtenagentur Reuters in britischen Medien, wie der Denunzianten-Ungeist im Schatten der Coronakrise wiedererwacht.

Bitte habt euch lieb

Das Phänomen ist der Obrigkeit selbst offenbar unangenehm. So sagte der Schweriner Innenminister, Lorenz Caffier, kurz vor Ostern, das Verhalten mache ihm Angst. Und er rief seine Landsleute zur Mäßigung auf. Schließlich deute nicht jedes auswärtige Kennzeichen auf illegale Urlauber hin - in vielen Fällen handele es sich schlicht um Firmenwagen. Außerdem sei es seit 2015 erlaubt, auch nach einem Umzug an einen neuen Wohnort das alte Kfz-Kennzeichen zu behalten. Hinter einem auswärtigen Kennzeichen könne also durchaus ein einheimischer Fahrer stecken. Der zudem noch das Wirtschaftsleben aufrechterhält. Geradezu rührend übersetzte die Greifswalder Polizei den Appell ihres Dienstherrn an die Bürger und forderte: "Bitte habt euch lieb!" 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk