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Startseite@mediasresWie Online-Plattformen gegen Rechtsextremismus vorgehen15.07.2020

"Deplatforming"Wie Online-Plattformen gegen Rechtsextremismus vorgehen

Immer mehr Social-Media-Plattformen sperren rechtsextreme Accounts. Fahren die großen Online-Konzerne plötzlich eine neue Strategie gegen Hass im Netz? Und was bringt das im Kampf gegen Rechtsextremismus? Ein Überblick.

Von Isabelle Klein

Apps von sozialen Medien auf einem Smartphone (Yui Mok/PA Wire/dpa)
Immer mehr soziale Medien sperren rechtsextreme Accounts (Yui Mok/PA Wire/dpa)
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Das Ausschließen von Personen oder Gruppen aus sozialen Netzwerken wird auch "Deplatforming" genannt. Die großen Online-Plattformen sperren nicht erst seit kurzem Accounts, die gegen ihre Richtlinien verstoßen – in den vergangenen zwei Monaten passierte das aber gehäuft.


Welche großen Plattformen haben rechtsextreme Accounts gesperrt?

Nach Twitter hat im Juli 2020 auch Youtube die Konten der rechtsextremen "Identitären Bewegung" gesperrt, darunter das Konto des Mitbegründers der "Identitären Bewegung" in Österreich, Martin Sellner. Bei Youtube hatte Sellner zuletzt rund 100.000 Abonnierende, auf Twitter folgten ihm knapp 40.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Schon im Juni hatte Youtube rund 25.000 Kanäle wegen Hassrede gesperrt, darunter die des amerikanischen Neo-Nazis Richard Spencer und des kanadischen Rechtsradikalen Stefan Molyneux. Die Video-Plattform sperrte den "Identitären"-Chef Sellner zudem nicht zum ersten Mal: Bereits 2019 verlor er wegen Verletzungen gegen die Community-Guidelines nach und nach Social-Media-Kanäle, wurde aber später wieder freigeschaltet. Zuvor hatte Youtube ein härteres Vorgehen gegen Hate Speech angekündigt.

Das Foto zeigt Martin Sellner, einen der Anführer der rechten Identitären Bewegung in Österreich, hier in Garmisch-Partenkirchen im September 2018. (imago) (imago)Influencer der "Neuen Rechten"
Beinahe unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ist in den sozialen Netzwerken eine eigene, sehr erfolgreiche Szene rechtsextremer Influencerinnen und Influencer gewachsen. 

Youtube und Twitter sind mit ihren Konten-Sperrungen bei weitem nicht die ersten, die Mitglieder der "Identitären Bewegung" verbannen. Facebook und Instagram hatten dies beispielsweise schon 2018 getan. Ende Juni 2020 sperrte Facebook zudem hunderte Gruppen und Accounts der vom Konzern als "gewalttätig" und "gefährlich" eingestuften und als rechtsextrem geltenden amerikanischen "Boogaloo"-Bewegung.

Auch die Plattform Reddit, die lange als weitgehend unreguliert galt, ging Ende Juni 2020 verstärkt gegen "regelbrechende Inhalte" vor. Der Konzern entfernte zahlreiche Unterforen, sogenannte Sub-Reddits, von Fans des US-Präsidenten Donald Trump, die Reddit als diskriminierend eingestuft hatte. Die Streaming-Plattform und Amazon-Tochter Twitch hatte Ende Juni 2020 bereits den Account von Trump selbst wegen "hassschürenden Verhaltens" gelöscht, wie "heise" berichtete.

Schatten von Menschen, Text: Rechtsextremismus (dpa / Martin Schutt) (dpa / Martin Schutt)

Wie begründen die Plattformen die Sperrung rechtsextremer Accounts?

Twitter erklärte, die jüngst gesperrten Konten der "Identitären Bewegung" hätten gegen die Richtlinien des Kurznachrichtendienstes verstoßen – unter anderem im Bezug auf gewalttätigen Extremismus. Außerdem seien die Inhaber der Konten an "illegalen Aktivitäten" beteiligt gewesen. Sie hätten sich auf Twitter terroristischen Organisationen oder gewalttätigen Extremisten angeschlossen oder diese gefördert.

Eine Frau schreibt auf der Tastatur eines Computers. (AFP / Ed Jones) (AFP / Ed Jones)Online-Rechtsextremismus - Ein Phänomen, dessen Sprache wir nicht verstehen
Memes, Twitch, Incel-Foren – um zu verstehen, wie Radikalisierung im Netz funktioniere, müsse man diese Wörter kennen, meint Kolumnistin Marina Weisband.

Youtube begründet die Sperrungen rechtsextremer Accounts ebenfalls mit ihren Richtlinien gegen Hassrede, die die Plattform im vergangenen Jahr verschärft hatte. Man schließe jeden Kanal, der "wiederholt oder ungeheuerlich" gegen die Richtlinien verstoße, so ein Youtube-Sprecher bei "The Daily Beast".

Nachdem die Richtlinien aktualisiert worden seien, um besser auf rassistische Inhalte eingehen zu können, habe es einen fünffachen Anstieg bei der Entfernung von Videos gegeben.

Auch Reddit hatte seine Richtlinien im Juni 2020 angepasst, sodass Communities und Nutzer, die "Hass auf Grundlage von Identität" verbreiten, gesperrt werden können. Zuvor hatte der "Social News Aggregator" eigentlich eine andere Strategie verfolgt – lange wurden kaum Inhalte bei Reddit gelöscht.

Dass Reddit nun über 2.000 Gruppen gesperrt habe, sei einerseits mit wirtschaftlichen Abwägungen verbunden: Man wolle mit anstößigen Inhalten Anzeigenkunden nicht verprellen, so Korrespondent Marcus Schuler im Dlf. Andererseits sei es zu einer Einsicht gekommen: "Viel Schwachsinn wollten die Plattformbetreiber einfach nicht mehr akzeptieren". Neben rassistischen und rechtsextremistischen Äußerungen hätten auch sich schnell verbreitende Falschinformationen zum Coronavirus den Ausschlag gegeben, "die Notbremse" zu ziehen.

Das Logo des Sozialen Netzwerks Reddit auf einem Smartphonedisplay neben dem Claim "Find Your Community". (imago images / imageBROKER / Valentin Wolf ) (imago images / imageBROKER / Valentin Wolf )Ende des Wild Wild Web? - Das Beispiel Reddit
Reddit ist ein sogenannter Social-News-Aggregator, bei dem Nutzerinnen Inhalte bewerten und ranken können. Die Plattform hat die Community relativ frei walten lassen - bis jetzt.

Hilft die Strategie gegen Rechtsextremismus?

Die Stategie des "Deplatforming" ist umstritten. Während einige die Meinungsfreiheit bedroht sehen, zweifeln andere an der Wirksamkeit, denn: Wer von einer Plattform ausgeschlossen wird, sucht sich womöglich alternative Portale.

Nach Ansicht der Journalistin und Rechtsextremismus-Expertin Karolin Schwarz funktioniert das "Deplatforming" noch nicht besonders gut. So habe "Identitären"-Chef Sellner, nachdem er schon 2019 bei Youtube gesperrt wurde und dann wieder entsperrt wurde, im Nachhinein noch mehr Reichweite bekommen.

Zudem gebe es Hinweise darauf, dass "Deplatforming" auch dazu führt, "dass man eben in geschlossene Räume abwandert und dort zwar weniger neue Leute für sich gewinnt, aber gleichzeitig auch nochmal eine Radikalisierung stattfindet", so Schwarz bei Deutschlandfunk Kultur.

Karolin Schwarz, aufgenommen am 08.05.2017 in Berlin auf der Internetkonferenz re:publica. (dpa / Britta Pedersen) (dpa / Britta Pedersen)Karolin Schwarz über die rechte Szene im Netz
Erst die Gruppe S., dann der Anschlag in Hanau - woher kommt rechter Terror? Ein Interview mit der Journalistin Karolin Schwarz.

Diese mit dem "Deplatforming" eingehende Gefahr sieht auch der Extremismusforscher Jakob Guhl. In geschlossenen Räumen könnten sich Radikalisierungsprozesse beschleunigen und eine gewaltsame Radikalisierung sei hier wahrscheinlicher, sagte Guhl im Deutschlandfunk.

Die Kontensperrung der "Identitären Bewegung" bei Twitter und anderen großen Online-Plattformen sei trotzdem ein "erheblicher Einschnitt" für die Gruppe. Auf alternativen Plattformen erreiche sie deutlich weniger Menschen und könne ihr Ziel der gesellschaftlichen Diskursverschiebung hin zum Rechtsextremismus schwerer erreichen.

Ein Eintrag in einer Broschüre zum Thema "Hassrednerinnen und Hassredner stummschalten, Hassredebeiträge löschen/ausblenden". (Unsplash / Mika Baumeister) (Unsplash / Mika Baumeister)Jakob Guhl über gesperrte Twitter-Konten
Ohne die großen Plattformen könne die Identitäre Bewegung ihr Ziel der Diskursverschiebung hin zum Rechtsextremismus schwerer erreichen, sagte xtremismusforscher Jakob Guhl im Dlf.

Die Extremismusforscherin Julia Ebner, die wie Guhl in London am Institute for Strategic Dialogue (ISD) Hass und Radikalisierung im Internet untersucht, sieht ebenfalls einen positiven Effekt beim "Deplatforming". Sie verweist darauf, dass der Prozess der Radikalisierung immer klar und schrittweise ablaufe. Personen könnten über den Konsum toxischer Posts und Kampagnen im Netz über einen längeren Zeitraum in extreme Gruppen hineingezogen werden.

Um diese Prozesse zu durchbrechen, brauche es einen vielschichtigen Lösungsansatz, sagte Ebner bei Deutschlandfunk Nova. Längerfristig müsse an den Algorithmen und den Geschäftsmodellen der Tech-Plattformen gearbeitet werden, die verschwörerische und gewalttätige Inhalte priorisieren würden, so Ebner.

Exklusives Fotoshooting mit Julia Ebner in der Kölner Stadtbibliothek. Köln, 23.10.2019 *** Exclusive photo shooting with Julia Ebner at the Cologne City Library, Cologne, 23 10 2019 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage ( Future Image | imago ) ( Future Image | imago )Julia Ebner über Radikalisierung im Netz
Online-Radikalisierung geht nicht von heute auf morgen, sagt die Extremismusforscherin Julia Ebner. Sie hat untersucht, wie der Prozess abläuft. Extremistische Gruppen gingen dabei sehr raffiniert vor.

Auch der Kulturwissenschaftler Christian Huberts sieht hier eine "große Herausforderung der Branche und ihrer Plattformen", denn die Rechtsextremen würden vor allen Dingen von un- oder schlecht moderierten Plattformen profitieren, sagte Huberts im Deutschlandfunk. So seien Community-Regeln zwar oft vorhanden – diese würden aber nicht konsequent durchgesetzt: "Das ermöglicht eben Rechtsextremen, dort ihre Rhetorik zu streuen und damit eben auch ihre Ideologie, ihre Sprache, langsam zu normalisieren."

Welche alternativen Plattformen nutzen Rechtsextremisten?

Wenn große Online-Plattformen Rechtsextremisten rausschmeißen, suchen diese sich nach Ansicht der ExpertInnen neue, alternative Räume. Immer wieder genannt werden in diesem Zusammenhang 4chan, 8chan oder QAnon, sogenannte Imageboards, also Foren, in denen anonym Bilder und Texte ausgetauscht werden können.

Das Logo des Imageboards 8chan auf einem Mobiltelefon (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Online-Forum 8chan - Wo Nazi-Bilder und Hass ausgetauscht werden
Der Attentäter von Christchurch hat die Morde live auf Facebook gestreamt – und zuvor auch online angekündigt. Möglich machte das unter anderem die Webseite 8chan.

Daneben seien auch Spiele-Communities für Rechte ein "wunderbares Ökosystem, um sich dort zu bewegen und nicht aufzufallen", sagte Kulturwissenschaftler Christian Huberts im Dlf. Dies beziehe sich jedoch dezidiert nicht auf die gesamte Gaming-Szene, sondern auf spezielle Gaming-Subkulturen, die sich beispielsweise auf Gaming-Plattformen wie Steam vernetzen würden.

Huberts: "Die Rhetorik, die dort herrscht in den Communities, in den Foren, in den Diskussionen innerhalb der Spiele, bereits eh schon quasi durchzogen ist vom vermeintlich satirischen, humoristischen Zitieren von NS-Rhetorik, von NS-Symbolen, von rechtsradikalen Verschwörungstheorien, aber eben immer unter dem Vorwand, das sei doch nur Spaß. Wir machen das hier nur für Lacher."

Hand hält Handy mit Twitch-App (imago stock&people / Broker/ Valentin Wolf) (imago stock&people / Broker/ Valentin Wolf)Kulturwissenschaftler Huberts: "Rechtsextreme profitieren von unmoderierten Plattformen"
Die Gaming-Szene könne man pauschal nicht verurteilen, innerhalb von Gaming-Subkulturen gebe es aber ein Problem mit Rechtsextremismus, sagte Kulturwissenschaftler Christian Huberts im Dlf.

Auch Plattformen wie Discord, die ursprünglich für Computerspieler geschaffen wurdene, mittlerweile aber auch darüber hinaus genutzt werden, seien problematisch, so Journalistin Karolin Schwarz.

Daneben seien es vor allem verschlüsselte Messengerdienste wie Threema oder Telegram, die in den letzten Jahren von Rechtsextremisten "wahnsinnig viel genutzt worden" seien.

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