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StartseiteKommentare und Themen der WocheJetzt ist Zeit, mentaler Gesundheit einen höheren Stellenwert einzuräumen05.09.2021

DepressionenJetzt ist Zeit, mentaler Gesundheit einen höheren Stellenwert einzuräumen

Depressionen sind eine Volkskrankheit, aber auch noch immer ein Tabuthema, kommentiert Nina Voigt. Hier brauche es mehr Aufklärung und eine veränderte Haltung der Gesellschaft gegenüber mentaler Gesundheit - gerade jetzt, wo durch die Corona-Pandemie mehr Menschen seelischen Belastungen ausgesetzt seien.

Ein Kommentar von Nina Voigt

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Eine Frau lehnt sich mit geschlossenen Augen gegen einen Baum im Park (gestellte Szene) (picture alliance/ dpa/ Christin Klose)
Psychische Gesundheit sollte kein Tabuthema sein, meint Nina Voigt in ihrem Kommentar (picture alliance/ dpa/ Christin Klose)
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Depressionen sind eine der häufigsten und am meisten unterschätzten Krankheiten in Deutschland. Fünf Millionen Erwachsene leiden im Laufe eines Jahres darunter. Depressionen sind eine Volkskrankheit - aber auch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Es gibt noch immer so viel Unwissen darüber und häufig auch Unverständnis und Vorbehalte gegenüber denjenigen, die an einer Depression erkrankt sind.

Scham und das Gefühl von Schwäche

Viele Betroffene berichten davon, dass sie regelmäßig mit mehr oder weniger gut gemeinten Ratschlägen wie "Reiß Dich zusammen", "Geh mehr an die frische Luft" oder "Denke positiv" bedacht werden. Solche Reaktionen verkennen, dass es sich bei einer Depression um eine klinisch relevante Störung handelt, die nichts mit einem kleinen Stimmungstief oder vorübergehender Unlust zu tun hat. Es ist eine Krankheit, die behandlungsbedürftig und auch behandelbar ist. Wie andere Krankheiten auch. Das Abtun von Freud- und Antriebslosigkeit als "deprimiert" oder "nicht gut drauf sein" ist gefährlich, weil es häufig verhindert, dass Betroffene sich professionelle Hilfe suchen. Scham und das Gefühl von Schwäche erschweren es zudem, die eigene psychische Verfassung in der Familie, im Freundeskreis oder gar am Arbeitsplatz zu thematisieren. Zur Depression kommt die Angst – davor nicht mehr für voll genommen zu werden, beruflich auf dem Abstellgleis zu landen.

Grafik zeigt Silhouette eines Menschen, in dessen Gehirn ein Knoten sitzt (Deutschlandradio / Andrea Kampmann / imago / Dan Mitchell) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann / imago / Dan Mitchell)Warum eine Depression nichts mit schlechter Laune zu tun hat 
Sie sind nicht einfach schlecht drauf, sondern psychisch krank. Ratschläge wie "Reiß Dich zusammen" oder "Denke positiv" sind fehl am Platz – professionelle Hilfe und ein empathisches Umfeld dagegen umso wichtiger. Ein Überblick.

Mehr Wissen über Depressionen vermitteln

Mit dieser Art des Umgangs mit einer psychischen Erkrankung darf die Gesellschaft sich nicht abfinden. Denn Depressionen sind potentiell lebensbedrohlich. Laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe sind sie die Hauptursache von Suiziden. Hier braucht es offensichtlich mehr Aufklärung: Welche Ursachen und Auslöser kann eine Depression haben? Welche Rolle spielen Stress, Leistungsdruck, persönliche Krisen, Veranlagung, Traumata? An wen kann man sich wenden, wenn man sich anhaltend niedergeschlagen fühlt, mit Schlafstörungen kämpft, jede Hoffnung verliert? Es gibt viele Informationen über Depressionen im Netz, es gibt auch Kampagnen wie #notjustsad – zu deutsch: nicht einfach nur traurig. Aber weder wird beispielsweise in der Schule Wissen über psychische Gesundheit vermittelt noch ist diese Teil regulärer ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen. 

Sollten Versicherte standardmäßig ein- oder zweimal pro Jahr eine Sitzung Psychotherapie ermöglicht bekommen? So wie die Prophylaxe beim Zahnarzt oder der Check up beim Hausarzt? Diese Forderung mag zu weit gehen, vor allem angesichts ohnehin rarer Therapieplätze. Die sollten für diejenigen freigehalten werden, die sie akut brauchen. Aber die Idee, sich mehr mit der eigenen Psyche zu befassen und dadurch auch das Bewusstsein für die Belastungen anderer zu schärfen, ist gut und wichtig.

Die Plastik "Der Denker" ("Le Penseur") des Bildhauers Auguste Rodin ist vor einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. (dpa) (dpa)Das Denken in Schleifen 
Ständiges Grübeln, das zu keiner Lösung führt, kann ein Baustein auf dem Weg in eine Depression sein. Der Psychologe Thomas Ehring erklärt im Dlf, wie Grübelschleifen entstehen, wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann.

Psychische Belastungen in der Corona-Pandemie

In der Corona-Pandemie haben Menschen Ängste und Sorgen entwickelt, die zuvor stabil waren. Die Nachfrage nach Psychotherapie hat nach Angaben der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung während der Corona-Pandemie stark zugenommen, im Schnitt um 40 Prozent. Lockdown und Schulschließungen haben sich auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt. Und wer schon vor Corona unter Depressionen litt, hatte es durch die Einschränkungen besonders schwer, weil Strukturen wegbrachen und Hilfe fehlte.

Gerade jetzt ist also die Zeit, die Haltung gegenüber mentaler Gesundheit zu verändern, ihr langfristig einen höheren Stellenwert einzuräumen. Gesundheitsschutz wurde in der Pandemie vor allem als Infektionsschutz begriffen. Die Politik entschied im Zweifel für die Schulschließung, für die Kontaktbeschränkung. In Zeiten explodierender Ansteckungszahlen und ohne Impfung ging das vielleicht nicht anders. Die Abwägung bleibt schwierig. Aber je länger die Pandemiesituation anhält und eine Generation von Kindern und Jugendlichen keinen normalen Alltag erlebt, desto mehr tut die Gesellschaft als Ganzes gut daran, den Jungen vorzuleben, dass man über seelische Belastungen sprechen darf und sollte. Dass es nicht darum geht, die Zähne zusammenzubeißen und zu funktionieren, sondern Probleme zu benennen und Hilfe anzunehmen.

Wer das Gefühl hat, an einer Depression zu leider oder sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation zu befinden, sollte nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Hilfe bieten zum Beispiel die Telefonseelsorge in Deutschland unter der Telefonnummer 0800 111 0 111, das Info-Telefon Depression unter 0800 3344533 oder die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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