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StartseiteInterview"Deprimierende Gleichförmigkeit"10.09.2011

"Deprimierende Gleichförmigkeit"

Medienkritiker über den täglichen Talk im deutschen Fernsehen

Es gebe in den allabendlichen Talkshows die Tendenz zum "gesellschaftspolitischen" Gespräch und da werde es schon seichter, kritisiert der Medienexperte Bernd Gäbler. Die Moderatoren seien polyvalente TV-Unternehmer und Alleskönner.

Bernd Gäbler im Gespräch mit Martin Zagatta

Die ARD-Moderatoren Frank Plasberg (l-r), Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann. (picture alliance / dpa /ARD/Marco Grob)
Die ARD-Moderatoren Frank Plasberg (l-r), Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann. (picture alliance / dpa /ARD/Marco Grob)
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Martin Zagatta: Herr Gäbler, Sie haben – das sollten wir noch vorwegschicken – Sie haben für die Otto-Brenner-Stiftung, eine Gewerkschaftsstiftung, gerade eine Studie erstellt, in der unter dem Titel "Unseren täglichen Talk gib uns heute" die fünf populärsten dieser Fernsehgesprächsrunden unter die Lupe genommen werden, das haben Sie drei Monate lang beobachtet. Reicht Ihnen das jetzt, oder werden Sie immer noch zuschauen, wenn Günther Jauch morgen loslegt?

Bernd Gäbler: Ich schaue immer noch zu, ich muss ja jetzt prüfen, ob die erstellten Analysen sich bestätigen.

Zagatta: Auch wenn Sie nicht mehr dafür bezahlt werden?

Gäbler: So ist es.

Zagatta: Nach Umfragen ist Jauch ja der beliebteste deutsche Fernsehmoderator, dabei gilt er nicht gerade als besonders kritischer Fragesteller – muss man das gar nicht sein?

Gäbler: Man muss es nicht mehr sein. Also die ARD ist sehr froh und stolz, ihn gewonnen zu haben, und er selbst dämpft eher die Erwartungen. Was für eine Entwicklung steckt dahinter? Eigentlich verkörpert Jauch das, was inzwischen auch die bereits erwähnten Plasberg, Will, Maischberger und so weiter nachvollzogen haben. Es ist die Entwicklung hin zu einem, ich nenne es mal polyvalenten TV-Unternehmer. Es sind also nicht mehr in dem klassischen Sinne Journalisten, die ausgebildet sind, sich spezialisieren, etwa auf bestimmte Sachgebiete oder so, sondern es sind Alleskönner, die besonders stark Sekundärtugenden ausgeprägt haben: der Vermittlung, der Nähe, der angemessenen Tonlage bei der Befragung von diesem oder jenem. Darum sind sie auch in der Regel einigermaßen populär. Und in der oft erwarteten oder sogar empirisch erfassten Zuschauernähe, dem Erfüllen der Erwartungen der Zuschauer, steckt zugleich das Problem. Sie werden so perfekt, dass sich die Sendungen meistens vom normalen Gespräch, von der wirklichen Auseinandersetzung, vom Austausch von Gedanken weit entfernen.

Zagatta: In aller Regel ist es aber doch keine ganz so seichte Unterhaltung. Hebt sich die ARD da doch nicht noch angenehm von der Konkurrenz ab?

Gäbler: Na ja, wir haben jetzt in der ersten Runde, die war ja zu beobachten – da kann man sagen, dass das, was sich politische Gesprächssendung nennt, eigentlich weitgehend ohne Politiker ausgekommen ist. Ein Achtel der Leute waren noch Politiker, von den wirklich bedeutenden aktiven Politikern war eigentlich nur Sigmar Gabriel in einer Runde vertreten, ansonsten doch sehr die zweite Reihe, wenn man das so sagen darf – also Peter Hintze oder eben Ehemalige, von Dohnanyi.

Es gibt die Tendenz zum sogenannten gesellschaftspolitischen Talk hin, und da wird es schon seichter. Da wird in der Regel dann mit dem Sternekoch oder der Schauspielerin über Jugendproteste geredet oder Buchautoren und -autorinnen spielen eine große Rolle – also Charlotte Roche oder Melanie Mühl, die über Patchworkfamilien ein Buch geschrieben hat, waren die Stars jetzt in der ersten Woche der Talkshows. Also ich glaube, es gibt schon so eine Tendenz, dass die Verantwortlichen sagen, das steht im Zentrum der Politikvermittlung, tatsächlich aber ist es nicht ein Mehr an Information.

Zagatta: Ist das eine Programmauswahl so oder machen sich Spitzenpolitiker mittlerweile, weil es so viele dieser Talkshows jetzt gibt, vielleicht auch rar und lassen sich da eher im Deutschlandfunk vernehmen?

Gäbler: Beides entspricht sich. Die Politiker machen sich sehr rar – also es gab seit Monaten zum Beispiel kein Gespräch über Finanzpolitik mit Herrn Schäuble, kein Gespräch über Außenpolitik mit Guido Westerwelle. Gleichzeitig sind die Redaktionen dieser Talksendungen im Bestreben, sich zuschauergerecht zu verhalten, dabei, das, was sie die Lebenswirklichkeiten der Menschen nennen, stärker ins Zentrum zu rücken. Salopp gesagt: Hartz IV, Pflegenotstand und solche Themen laufen immer und haben gute Quoten. Themen wie Außenpolitik und erst recht das, was die Redaktionen Berliner Themen nennen, also Themen aus den klassischen Bereichen der Politik, laufen immer schlechter. Darum ist die Vermutung der Programmverantwortlichen, die da lautet, je mehr Talk, desto mehr Information, sicher so nicht zutreffend.

Zagatta: Aber ist die Vermutung vielleicht zutreffend, je mehr Talk, desto mehr Zuschauer?

Gäbler: Nicht ganz, man merkt jetzt, dass die Neuorientierung und die Neuverteilung der Talksendungen über die einzelnen Tage zumindest in der ersten Runde, in der ersten Zeit jetzt, keinen Quotenerfolg haben. Eigentlich waren alle Sendungen, die auf neuen Plätzen waren, schwächer als das Programm, was vorher dort war. Und was ich kritisiere, auch in dieser Studie, ist, dass diese Vielzahl der Talksendungen … man kann ja nicht das Argument bringen, du musst ja nicht einschalten, wenn man sagt, dein Angebot passt nicht zum Charakter deines Senders. Also wenn ich einem Restaurant vorwerfe, du hast zu viel Nudelgerichte, dann ist die Antwort, du musst ja nicht alle essen, im Prinzip nicht richtig, sondern es geht um die Kombination des Programmangebots. Und der Vorwurf ist, zu viel Talk erweist sich als Innovationsblockade, verdrängt andere Formen – die Reportage, die Dokumentation und andere Formen des politischen Journalismus. Es ist eine Einengung der journalistischen Form.

Zagatta: Was würden Sie der ARD raten? Da einige der Gesprächsrunden wieder einzustellen oder es anders aufzubauen?

Gäbler: Ja, man müsste weniger machen, man müsste sich stärker voneinander differenzieren – also zwischen Plasberg und Beckmann ist sicher der Unterschied groß genug, in der Anlage der Gesprächssendung. Man müsste sich stärker kombinieren mit anderen journalistischen Formen, also mit der Reportage oder der Dokumentation und nicht mit fiktionalen Produkten, also das Anhängen an irgendeinen Film und dann die Schauspielerin gewissermaßen in ihrer Rolle als Talkgast agieren zu lassen.

Und man müsste es spontaner machen, wilder, interessanter, schillerndere Menschen reinbringen. Das ist ja eine deprimierende Gleichförmigkeit der immer gleichen Personen, die sich selber schon zur Marke erklären zu den immer gleichen Themen. Also es wird da oft das Naheliegende genommen, wir assoziieren: Lauterbach ist gleich Fliege und Gesundheit. Und diese Typisierung in den Talkshows schadet auch dem Gespräch selber.

Zagatta: Der Medienkritiker Bernd Gäbler. Herr Gäbler, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Gäbler: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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