Kommentare und Themen der Woche 09.11.2019

Der 9. November 1989Deutschland braucht ein Denkmal für die RevolutionäreVon Claudia van Laak

Beitrag hören Versammlung im Januar 1990 am Zentralen Runden Tisch im Konferenzgebäude des Ministerrates der DDR am Schloss Niederschönhausen (heute Schönhausen) in Berlin-Pankow. (picture alliance / dpa-ZB / Peer Grimm)Am Runden Tisch der DDR sorgten Bürgerrechtler noch für die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit - später bekamen sie bei den ersten freien Wahlen von ihren Landsleuten keine Unterstützung mehr (picture alliance / dpa-ZB / Peer Grimm)

Nachdem die Revolutionäre am Runden Tisch der DDR noch einige wichtige Beschlüsse gefasst hatten, wurden sie ins politische Abseits befördert, kommentiert Claudia van Laak. Der anschließende Vereinigungsprozess hätte der Anfang von etwas Neuem sein müssen: Es wurde nur ein Beitritt - mit noch heute spürbaren Folgen.

Je weiter der Mauerfall entfernt liegt, umso ahistorischer wird die Betrachtung. Die Ereignisse, die die Welt verändern sollten, verschwimmen zusehends. Mauerfall und Deutsche Einheit vermischen sich, manch einer ist gar nicht mehr in der Lage, das eine vom anderen zu trennen. Bei einer Veranstaltung in einer ausländischen Botschaft in Berlin wurde in diesem Jahr schon "30 Jahre Deutsche Einheit" gefeiert. Halt, möchte man ausrufen. Bitte den Film noch einmal sorgfältig zurückspulen. Der Mauerfall war zwar die Voraussetzung für die Deutsche Einheit, ja, aber die Revolutionäre vom Herbst 1989 – und natürlich auch all diejenigen, die sich bereits in der Zeit davor vom SED-Regime nicht einschüchtern ließen – sie alle sind nicht auf die Straße gegangen, weil sie die Deutsche Einheit wollten.

Sehnsucht nach Freiheit statt Bespitzelung

Sie wollten Freiheit und ein Ende des vormundschaftlichen Staats. Reisen, wohin man möchte. Einen Beruf ergreifen, der den eigenen Talenten und Wünschen entspricht. Keine Wohnung zugewiesen bekommen, sondern selber eine suchen. Keine Gehirnwäsche in Schulen und Hochschulen. Keine Zwangsmitgliedschaft in FDJ und Gewerkschaft. Schluss mit einem Geheimdienst, der für eine vermeintlich höhere Sache Personen bespitzelt, Ehen zerstört, Menschen ermordet. Die Möglichkeit, vor ein Verwaltungsgericht zu ziehen, um den Staat zu verklagen.

Revolutionäre ins politische Abseits befördert

Natürlich werden auch heute in jeder Gedenkrede zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum die "die mutigen Frauen und Männer vom Herbst 1989" gelobt. Das Lob wirkt abgestanden, denn nachdem die Revolutionäre ihre Schuldigkeit getan und am Runden Tisch der DDR noch einige wichtige Beschlüsse gefasst hatten – zum Beispiel die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit – wurden sie ins politische Abseits befördert. Es übernahmen die Profis aus dem Westen. Diejenigen, die festlegten, dass sich im Osten alles ändern musste, im Westen aber nichts. Es ist schon oft benannt worden: Der Mauerfall und der sich anschließende Vereinigungsprozess hätten der Anfang von etwas Neuem sein können, sein müssen. Eine neue, gemeinsame Verfassung wäre der Ausdruck dafür gewesen. Doch es wurde ein Beitritt. Die Folgen sind heute noch spürbar.

Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forums in der DDR, bei einer Diskussion in Wien am 24.11.1989 (picture alliance / APA / picturedesk.com / B. Gindl)Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forums in der DDR, bei einer Diskussion in Wien am 24.11.1989 (picture alliance / APA / picturedesk.com / B. Gindl)

Nur wenige, historisch Interessierte kennen heute noch die Namen derjenigen, die vor 30 Jahren die Welt veränderten. Die inzwischen verstorbene Bärbel Bohley mag dem einen oder der anderen noch etwas sagen. Hildigund Neubert? Wer ist das? Als sie heute eine beeindruckende Rede bei der offiziellen Veranstaltung in der Gedenkstätte Berliner Mauer hielt, blickte man in fragende Gesichter.

Falscher Ansatz für ein Denkmal

Warum haben wir eigentlich diesen friedlichen Revolutionären immer noch kein zentrales Denkmal gesetzt? Die Planungen für ein Einheits- und Freiheitsdenkmal führen bislang ins Nichts. Die Leipziger wollten es nicht. In Berlin will es auch niemand so richtig, obwohl der Bundestag die sogenannte Einheitswippe – eine begehbare, bewegliche Schale vor dem Humboldtforum - längst beschlossen hat. Heute vor zwölf Jahren übrigens. Der Bau kommt nicht voran, auch, weil der Ansatz von Anfang an falsch gewählt wurde – denn der Ruf nach Freiheit und der Ruf nach Einheit – das sind zwei verschiedene Dinge.

Mutig wäre, diesen Fehler zu erkennen, und neu zu starten – Deutschland braucht endlich ein Denkmal für die Revolutionäre vom Herbst ´89.

Claudia van Laak  (Deutschlandradio / Bettina Straub) Claudia van Laak (Deutschlandradio / Bettina Straub)Claudia van Laak, Jahrgang 1963, zog nach ihrem Studium von Germanistik, Journalistik und Wirtschaftswissenschaften in die "Noch-DDR". In Thüringen arbeitete sie beim MDR, wechselte dort als Landeskorrespondentin zum Deutschlandradio. Danach Korrespondentin in Brandenburg, jetzt Leiterin des Landesstudios Berlin.

 

 

 

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