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StartseiteHintergrundDer abgeschottete Staat25.02.2004

Der abgeschottete Staat

Nordkorea: Einblicke in eine Mangel-Diktatur mit Atomwaffen-Plänen

Kein anderes Land der Welt hat sich selbst so isoliert wie Nordkorea. Die Menschen in Nordkorea können keine ausländischen Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Ihre Radios sind registriert und verplombt. Ihre Fernsehgeräte können die Programme der Nachbarländer nicht empfangen. Das nordkoreanische Telefonnetz ist nicht mit dem Ausland verbunden. Es gibt kein Internet. Auf diese Weise kann die Führung ungehindert die Bevölkerung beeinflussen und ihre Propaganda verbreiten. Genauso effektiv möchte die Führung in Pjöngjang das Nordkorea-Bild im Ausland beeinflussen. Aus diesem Grund lässt man kaum Touristen ins Land. Wer trotzdem einreist, darf sich nicht frei bewegen und wird rund um die Uhr begleitet. Mit noch größerer Sorgfalt wählt man die Journalisten aus, die aus Nordkorea berichten wollen. Sie brauchen eine offizielle Einladung von einer staatlichen Stelle. So wurde der ARD-Hörfunk- und Fernseh-Korrespondent in Tokio auf ihren Wunsch hin vom nordkoreanischen Fluthilfe-Komitee eingeladen, als Ende 2001 eine deutsche Großspende an Rindfleisch im Land verteilt wurde. Zwei Jahre später, nach einem halben Dutzend weiterer Anläufe, darf das ARD-Team erneut einreisen, diesmal eingeladen vom Kultur-Komitee, mit viel Rückenwind von der Deutschen Botschaft in Pjöngjang.

Von Martin Fritz

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il und Generäle (AP)
Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il und Generäle (AP)
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Revolutionsmusik quillt aus den Lautsprechern im Flugzeug. Die Stewardessen von Air Koryo, Nordkoreas Fluglinie, tragen einen Anstecker mit dem Bild von Staatsgründer Kim Il-sung. Zwei Mal die Woche, dienstags und samstags, pendelt die altertümliche Tupolew-154 zwischen Peking und Pjöngjang. Gerade eine Stunde und 15 Minuten dauert der Flug in die abgeschottete Welt. Am Flughafen werden wir bereits erwartet – von der deutschen Botschafterin und dem Generalsekretär der koreanisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft. Er spricht fließend Deutsch, hat noch unter Honecker drei Jahre an der Humboldt-Universität in Ostberlin studiert. Der Zoll sammelt unsere Mobiltelefone ein – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Dann fahren wir mit einem Kleinbus in die fünfzehn Kilometer entfernte Hauptstadt. Es ist klirrend kalt, nachts fällt das Thermometer oft auf minus zwanzig Grad. Gruppen von Arbeitern hacken das Eis von der Straße. Auf einem zugefrorenen Fluss laufen Kinder Schlittschuh. Im Vergleich zu unserem letzten Besuch vor zwei Jahren sind auf den Straßen mehr Menschen unterwegs. Statt Ampeln regeln hübsche Polizistinnen auf den Kreuzungen mit marionettenhaften Bewegungen den Verkehr. Er hat in den letzten zwei Jahren so zugenommen, dass die jungen Frauen erstmals richtig beschäftigt sind. Wir sind im Hotel Koryo in der Innenstadt untergebracht, der besten Adresse von Nordkorea. Die Eingangshalle ist zugig kalt, aber die Zimmer sind warm. Ausländer bezahlen in Euro, der US-Dollar wurde im letzten Winter verboten. Offiziell eine Retourkutsche an die USA, die damals ihre Öllieferungen an Nordkorea stoppten. In Wirklichkeit eher ein Versuch, sich einen Überblick über die Dollar-Menge zu verschaffen, die im Umlauf war. Vom Zimmerpreis sind achtzig Prozent im Voraus zu entrichten. Nordkorea ist devisenhungrig.

Frühmorgens halb acht im Zentrum von Pjöngjang – ein Lautsprecherwagen verbreitet zwischen grauen Plattenbauten die ideologische Tages-Losung – so wie immer. Die meisten Propaganda-Tafeln preisen die alten Werte: Liebe zur Nation, zum Großen Führer, dem Staatsgründer Kim Il-Sung, und seinem Sohn, dem Großen General, Genosse Kim Jong-il. Er ist der gegenwärtige Herrscher über das am meisten abgeschottete Land der Welt. Auch im staatlichen Fernsehen laufen die üblichen Elegien an den Sozialismus und seine Errungenschaften.

Aber die neuen Propaganda-Plakate sind so unpolitisch wie nie: Sie zeigen Kim Il-sung im Reisfeld – oder einfach nur den blau leuchtenden Kratersee des heiligen Berges Paekdu. Andere Risse in der ideologischen Fassade sind noch deutlicher zu erkennen: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wirbt ein Plakat in der Hauptstadt für eine Ware: einen Kleinwagen der Marke Fiat mit dem merkwürdigen Name "Pfeife", den die südkoreanische Firma Hyundai in Nordkorea zusammenbauen lässt. Allerdings kostet das Fahrzeug vierzehntausend Euro, weit mehr, als die meisten Nordkoreaner in ihrem ganzen Leben verdienen.

An großen Plätzen und entlang belebter Straßen schießen neue Imbiss-Stände wie Pilze aus dem Boden. Ob Linsen-Pfannkuchen oder Reisbällchen mit Seetang – frisch gegründete Genossenschaften machen eine neue wirtschaftliche Freiheit zu Geld. Die Preise sind hoch: Ein gegrilltes Hühnchen kostet knapp zweitausend Won – so viel bekomme sie als Monatslohn, sagt eine Kellnerin im Hotel. Vor dem Bahnhof hat der Staat eine Einkaufsstraße saniert. Die Schaufenster für ein Obst- und Gemüse-Geschäft sind noch leer. Ein Textilgeschäft und eine Bäckerei haben bereits geöffnet. Brot und Kuchen waren in Nordkorea lange eine knappe Ware. Jetzt stapeln sie sich in diesem Laden – ein kleines Wunder. Ein Geschäft für Haushaltswaren bietet Plastikschüsseln, Bohrmaschinen und Farbe an. Auch hier sind die Preise außerhalb der Reichweite der meisten Portemonnaies. Eine Passantin erklärt die Veränderungen so:

Was ich sagen möchte, ist, dass unser General Kim Jong-il und unsere Stadt viel Geld investieren für die normalen Arbeiter, damit wir ein noch besseres Leben führen können.

Das eindrucksvollste Symbol für den Wandel sind die so genannten Bauernmärkte, auf denen Privatleute und Genossenschaften ihre Waren anbieten. Früher hörte man nur gerüchteweise von ihnen, denn dort wurde zu Schwarzmarktpreisen gehandelt. Inzwischen werden die Märkte nicht nur geduldet, sondern offenbar sogar staatlich gefördert. Symbol dieses Wandels ist die Thongil-Markthalle, nur eine Viertelstunde vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. Seit dem Herbst verkaufen hier Privatleute an 150 Ständen vor allem Kleidung und Lebensmittel, darunter Südfrüchte.

Zwei Euro kostet das Kilogramm Orangen. Geschäftstüchtig verlangt die Verkäuferin von dem Fremden Devisen. Denn auch Ausländer dürfen auf diesem Markt einkaufen. Noch vor kurzem hätte die Polizei sie davon gejagt. Allerdings dürfen wir keine Bild- und Tonaufnahmen machen. Einen Grund für das Verbot will die Marktleitung nicht nennen. Dabei werden jetzt auch in anderen Stadtbezirken Markthallen errichtet, die EU-Kommission beteiligt sich angeblich sogar an den Kosten. Die meisten Waren kommen auf verschlungenen Wegen aus dem Nachbarland China über die Grenze. Wer kein Geld besitzt, scheint Ware gegen Ware zu tauschen. Viele Menschen bevölkern die Überlandstraßen, um per Anhalter große Taschen voller Hab und Gut oder selbst gefertigte Waren zu einem Markt zu schaffen. Das erhöhte Angebot hängt damit zusammen, dass im Sommer vor anderthalb Jahren die Löhne und Preise in Nordkorea um das Zwanzig- bis Dreißigfache erhöht wurden. Auch die nordkoreanische Währung, der Won, wurde drastisch abgewertet. Eine Käuferin ist damit zufrieden:

Mit den Preisen sind auch die Löhne erhöht worden, und da in den Läden jetzt mehr Waren sind, ist unser Leben besser geworden.

Auch in der nordkoreanischen Industrie schlägt markwirtschaftliches Denken offenbar erste Wurzeln. Die Betriebe müssten jetzt Gewinn machen, so heißt es, und würden selbständiger geführt. Die Buchhalter müssten erstmals in roten und schwarzen Zahlen denken. Wir dürfen ein Zementwerk vierzig Kilometer südlich von Pjöngjang besuchen. Vor zwanzig Jahren hat der Kölner Konzern Klöckner-Humboldt-Deutz die Fabrik errichtet. Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten läuft sie immer noch mit achtzig Prozent Leistung und produziert zwanzig Prozent des nordkoreanischen Zements. Denn der Betrieb hat eine eigene Kohlegrube und ein eigenes Wasserkraftwerk und war deshalb von der Energie- und Rohstoffkrise der letzten Jahre kaum betroffen. Der Direktor der Zementfabrik, Lee Bong Ahn, kann viele unserer Fragen nicht beantworten, er sei nur für die technische und nicht die kaufmännische Seite zuständig. Aber er bestätigt, dass Nordkorea das Leistungsprinzip wieder eingeführt hat.

Meine Leute werden jetzt nach ihrer Arbeitsleistung bezahlt. Wer besser ausgebildet ist und länger arbeitet, bekommt mehr als die anderen. Das ist neu.

Damit steht die sozialistische Welt plötzlich Kopf. Offenbar bekommen die Menschen nur noch ein Grundgehalt und müssen sich jetzt nach der Decke strecken. Das hat angeblich viele Bürger gefreut, die sich bisher über Faulheit und Schlendrian der Drückeberger aufregten. Die leistungsabhängige Bezahlung soll dazu geführt haben, dass die Schiffe im Hafen von Nampo jetzt doppelt so schnell beladen und gelöscht werden, weil die Arbeiter eine Prämie bekommen. Solche Anekdoten machen in Ausländerkreisen die Runde. Dort rätselt man zugleich über das Schicksal der Arbeiter in den Grundstoff-Industrien, die schon seit langem nicht mehr produzieren können, weil es an Strom, an Öl, an Ersatzteilen fehlt: In den Chemie-Kombinaten an der Ostküste zum Beispiel bliebe den Arbeitern nur ihr Grundgehalt, von dem sie sich jedoch nicht ernähren könnten. Sie werden von den "wichtigen Veränderungen" – wie die Reformen offiziell heißen – kaum begeistert sein.

Ortswechsel von der Stadt aufs Land. Wir fahren mit Bus in das Myohjang-Gebirge, übernachten in einem Hotel, das so kalt ist, dass wir im Wintermantel zu Abend essen müssen. Auf den Straßen passieren wir zahlreiche liegen gebliebene Lastwagen. Ihre Fahrer machen unter dem Motor ein kleines Feuer, um den Dieseltreibstoff wieder flüssig zu bekommen. Auch viele Militärlaster, uralte Gefährte, teilweise aus den fünfziger und sechziger Jahren, fallen unterwegs aus. Solche Beobachtungen wecken unseren Zweifel an der Gefährlichkeit der fünftgrößten Armee der Welt. Schließlich erreichen wir das Dorf "Zon Sung", zu deutsch "Sieg des Krieges", rund vier Autostunden nördlich von Pjöngjang.

Wir stapfen an einer Schule durch den Schnee zu einem Bauernhaus im koreanischen Stil, ein langer, flacher Bau mit einem geschwungenen Schindel-gedeckten Dach. Die 90 Familien des Dorfes gehören einer landwirtschaftlichen Kooperative an, die die Felder im Tal bewirtschaftet. Sie führen ein karges Leben: Das Dorf ist nur über eine Schotterstraße zu erreichen. Den ganzen Winter über gibt es keinen Strom. Man heizt mit Stroh, Reisig und Holz, ernährt sich von Kimchi, das ist eingelegter scharfer Chinakohl, viel Mais und wenig Reis. Diese Menschen haben von allem etwas, aber davon nicht genug. Dennoch geht es neuerdings aufwärts, berichtet Bäuerin Choi (Chä) Song-ok:

Früher hatten wir es schwerer, aber in den letzten zwei Jahren hat sich viel geändert. Derzeit bekommen wir mehr zu essen und können uns alles, was wir brauchen, kaufen.

Denn die Bauern in den Kooperativen dürfen seit kurzem Land auf eigene Rechnung bestellen. Früher war dies nur unmittelbar am eigenen Haus erlaubt. Knapp 700 Quadratmeter habe sie bekommen, berichtet die Bäuerin. Sie zögert mit der Antwort, weil ein halbes Dutzend Aufpasser und Funktionäre aus der nächsten Stadt das Gespräch mit dem Ausländer aufmerksam verfolgen. Noch zurückhaltender gesteht sie, dass sie ihren Knoblauch, ihre Zwiebeln und anderes Gemüse selbst zum vier Kilometer entfernten Markt bringt und dort verkauft. Auch ihre zwei Schweine auf dem Hof will sie nach dem Schlachten dort zu Geld machen. Zusätzlicher Verdienst: Vierzig- bis fünfzigtausend Won, weit mehr als das Jahresgehalt eines öffentlichen Angestellten in Pjöngjang. Abgabenfrei, versichert sie – denn Staatsgründer Kim Il-sung hat Ende der siebziger Jahre die Einkommenssteuer abgeschafft. Der Wandel hat die alte Frau positiv überrascht:

Wir durften uns die leere Fläche selbst aussuchen und pflanzen an, was wir wollen. Die Kooperative hat uns dabei unterstützt.

Ihr Vorgesetzter Pek Chong-du, der Chef der Kooperative, bestätigt den Wandel. Er berichtet ebenfalls nur zögerlich von den Veränderungen, aber er gesteht:

Früher haben einige Familien unsere Schwierigkeiten nicht überlebt, jetzt kommen wir alle über die Runden. Außer Mais und Reis können wir jetzt mehr anbauen, die Arbeiter verdienen und leisten mehr. Die Bauern sind motivierter, arbeiten jetzt auch auf dem Feld für sich selbst.

Allerdings ist die Anbaufläche in Nordkorea so knapp, dass die Bauern für ihre eigenen Beete häufig die Hänge von Bergen und Hügeln roden müssen. Bei unserer Fahrt durch das Gebirge können wir die neuen Felder unter den schneebedeckten Hängen gut erkennen. Gleichzeitig beobachten wir, dass entlang der großen Straßen massiv aufgeforstet wird. Tausende von kleinen Stecklingen sollen zu Bäumen heranwachsen – Feuerholz, denn in Nordkorea fehlt der Brennstoff an allen Ecken und Enden.

Die Rodungen sind nicht der einzige problematische Effekt der Reformen: In den Städten haben sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich bereits sichtbar vergrößert: Die Kader und Privilegierten mit Devisen schmücken sich mit Seidenschal und neuerdings mit Mobiltelefonen. Dagegen leiden viele Durchschnittsbürger unter einer galoppierenden Geldentwertung. Nachdenklich stimmt, dass die Menschen der eigenen Währung nicht vertrauen: Der Won verliert derzeit jeden Monat rund zehn Prozent an Wert: Offiziell steht der Kurs bei 160 Won zum Euro, auf dem Schwarzmarkt sind es bereits um die 1.200 Won zum Euro. Der Direktor der Zementfabrik, Lee Bong Ahn, sagt fast entschuldigend:

Da unsere Wirtschaft immer sozialistisch betrieben wurde, haben wir jetzt mit der Marktwirtschaft viele Probleme. Wir haben eigentlich gar keine Ahnung davon, wir müssen Marktwirtschaft noch lernen.

Die Ausländer, die in Pjöngjang leben, streiten darüber, was die Reformen wirklich bedeuten. Die einen vergleichen die Atmosphäre in Nordkorea mit der Stimmung in China Ende der siebziger Jahre, als Deng Xiao Ping den Kapitalismus einführte und Mao in der Versenkung verschwinden ließ. Geld habe erstmals wieder eine Bedeutung in Nordkorea bekommen, meinen die Optimisten, jetzt würden die Nordkoreaner den Umgang damit wieder lernen. Andere Beobachter sind wesentlich skeptischer, halten den Wandel für reine Kosmetik. Ohne Kapitalspritzen könne die Wirtschaft nicht wachsen. Ein deutscher Unternehmer, der eine Arzneimittelfabrik baut, berichtet von dem vergeblichen Versuch, bei einer lokalen Bank einen Kredit aufzunehmen. Ein Diplomat meint, die einzigen Nutznießer des Wandels seien Angehörige einer schmalen Schicht, die sich an Devisen bereichern könne. Wie sich die Wirtschaft entwickele, so sein Urteil, werde vor allem davon abhängen, ob Pjöngjang seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verbessern können.

Da passt es gut, dass wir in den Süden reisen, in die DMZ, die Demilitarisierte Zone zu Südkorea. Auf beiden Seiten des 38. Breitengrades liegen sich hier mehr als eine Million Soldaten gegenüber, darunter auch Zehntausende von US-Infanteristen. Bereits zwanzig Kilometer vor der Grenze passiert unser Fahrzeug die erste Militärsperre, danach ist Filmen nicht mehr erlaubt. Auf den letzten Kilometern vor der Barriere fahren wir an insgesamt vier Panzersperren vorbei: Betonblöcke und –säulen, die sich auf die Fahrbahn kippen lassen. Dieser Landstrich scheint ärmer zu sein, die Hügel sind kahl, nirgendwo raucht ein Schornstein. Am Grenzort Panmunjom steigt Leutnant Paek Myong-Chol zu. Er erklärt:

Diese Grenze ist gefährlich. Schließlich haben beide Seiten hier ihre Gewehre aufeinander gerichtet. Die Demilitarisierte Zone ist ein Ort voller Spannung, weil die Amerikaner und wir uns direkt gegenüber stehen.

An der einzigen Grenzstelle zwischen den beiden Koreas stehen sieben Baracken, vier weiße und drei blaue. Um die weißen kümmern sich die USA, um die blauen Nordkorea. Zusammen mit Leutnant Paek betreten wir die mittlere der sieben Baracken, eine weiße. Gemeinsam mit ihm schreiten wir um den zentralen Tisch herum. Der Offizier zeigt auf ein Betonband auf dem Boden, das die Baracke in zwei Teile schneidet. Auf der einen Seite stünden wir in Südkorea, auf der anderen Seite in Nordkorea.

An diesem Tisch wurde der Waffenstillstand ausgehandelt, wir saßen hier, dort saßen die Amerikaner. Hier wurde geschimpft und diskutiert. Die Demarkationslinie geht genau durch die Mitte des Tisches.

Später beobachten wir vom Dach des nordkoreanischen Grenzgebäudes eine Gruppe vorbeimarschierender US-Soldaten, die dort im Auftrag der Vereinten Nationen stationiert sind. Leutnant Paek erläutert uns die neue Verteidigungspolitik von Führer Kim Jong-il: Das Militär komme zuerst, die Armee sei der Träger der Revolution. Bei Marx habe die Arbeiterklasse die Revolution gemacht, aber seitdem habe sich viel verändert. Staatsgründer Kim Il-sung habe seine Revolution mit dem Gewehr durchgesetzt. Leutnant Paek doziert:

Die Kräfte, die die Menschen unterdrücken wollen, sind in letzter Zeit noch stärker geworden. Das zeigen die Kriege im Irak und in Afghanistan. Wer militärisch schwach ist, wird überfallen. Um sich zu schützen, um seine Errungenschaften zu verteidigen, braucht man starke Militärkräfte. Die wichtigste Aufgabe des Staates ist die Verteidigung.

Wir fahren noch einmal zwanzig Kilometer weiter, immer an der Grenze entlang. Die nordkoreanische Armee will uns zeigen, mit welchen Mitteln die andere Seite den Kalten Krieg führt. Von einem Beobachtungsposten aus erkennen wir den Stacheldrahtzaun auf nordkoreanischer Seite. Bis zur Demarkationslinie, eine weiß zugeschneite Schneise, sind es zwei Kilometer. Weitere zwei Kilometer dahinter stehen riesige Lautsprechertürme, die den Norden beschallen.

Der nordkoreanische Oberleutnant Kang Ho Sop empört sich darüber, dass Südkorea die Kampfmoral des Nordens mit Musik und Erotik zersetzen will. Schließlich hätten die beiden Koreas sich darauf geeinigt, solche Propaganda an der Grenze einzustellen.

An einer Stelle sind unsere Posten nur fünfzig Meter Luftlinie voneinander entfernt. Im Sommer bringen die südkoreanischen Soldaten Frauen mit und machen vor unseren Augen Liebe. Ist das ein menschliches Verhalten?

Kang zeigt uns mit dem Fernglas ein weißes Band am Horizont. Das sei eine Betonmauer, errichtet von Südkorea, sie zerschneide die koreanische Halbinsel, dafür schäme er sich als jemand, der sich die Einheit der koreanischen Nation wünsche. Dennoch seien nicht die Südkoreaner der potentielle Kriegsgegner, sondern die Amerikaner. Sie hätten Korea geteilt, hätten in Südkorea das Sagen, würden dadurch die Wiedervereinigung verhindern. Oberleutnant Kang:

Die amerikanischen Truppen müssen aus Südkorea abziehen. Nord- und Südkorea sind wie ein Ehepaar, das sich gestritten hat. Die USA sind der Liebhaber, der unsere Beziehung stört. Wenn er weg ist, kommen wir wieder zusammen.

Wir fragen nach der nordkoreanischen Atombombe, aber der Offizier will sich auf dieses Thema nicht einlassen. Weitere Nachfragen machen ihn immer wütender. Schließlich bricht aus ihm heraus, dass er seinen Bruder und seine Eltern im Korea-Krieg verloren habe, und wir spüren blanken Hass. Es ist nicht das einzige Mal, dass unsere nordkoreanischen Gesprächspartner von ihren Emotionen gegen die USA überwältigt werden. Dieser Nationalismus scheint das Land zusammen zu halten und vielen Menschen die Kraft zu geben, ihr schweres Leben zu meistern. Schließlich ist die Feindschaft zu den USA das Ergebnis der traumatischen Erfahrungen des Korea-Krieges, als die amerikanische Luftwaffe das Land in Schutt und Asche legte. Zugleich schlachtet die offizielle Propaganda dieses Trauma täglich aufs Neue aus. Die Staatsmedien machen die USA für alle Probleme verantwortlich – für den Hunger und die Stromausfälle. Keiner unser Gesprächspartner bezweifelt diese Darstellung. Angesichts der wirtschaftlichen Veränderungen und der verbreiteten Haltung, dass man seinen eigenen Kräften vertrauen kann, verlassen wir Nordkorea mit dem Gefühl, dass sich das Land nach einer jahrelangen Krise gefangen hat. Die Zukunft hängt dabei mehr denn je vom Ausgang der Gespräche über Nordkoreas Atombombenprogramm ab.

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