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StartseiteInterview"Der Anfang einer Revolution"29.06.2009

"Der Anfang einer Revolution"

Chefredakteur von TV Persia über die Situation im Iran

Khashayar Ghiassi, Mitbegründer und Chefredakteur des in Deutschland produzierten Fernsehkanals TV Persia, ist der Überzeugung, dass durch die Wahlmanipulationen im Iran ein Prozess eingeleitet wurde, der zum Sturz des Regimes führen könne. Nach 30 Jahren der Unterdrückung würden die Menschen nun nicht mehr klein beigeben.

Khashayar Ghiassi im Gespräch mit Jochen Spengler

Ein Demonstrant hält seine blutbeschmierte Hand in Teheran in die Luft. (AP)
Ein Demonstrant hält seine blutbeschmierte Hand in Teheran in die Luft. (AP)
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Jochen Spengler: In der iranischen Hauptstadt Teheran ist es offenbar erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen. Indes verschärfte der Iran sein Vorgehen gegen den Westen. Gestern wurden mehrere einheimische Mitarbeiter der britischen Botschaft festgenommen. Ihnen werde eine aktive Rolle bei den Unruhen nach der Präsidentenwahl vorgeworfen.

Am Telefon im Deutschlandfunk begrüße ich nun Khashayar Ghiassi. Er ist gebürtiger Iraner, von Hause aus Hautarzt, aber auch Mitgründer, Chefredakteur und Moderator des Fernsehsenders TV Persia. Das ist ein Kanal, der ein 24-Stunden-Fernsehprogramm für den Iran produziert, in Deutschland, genauer in Hürth bei Köln. Das Programm wird per Satellit ausgestrahlt und von bis zu sieben Millionen Zuschauern im Iran gesehen. Guten Morgen, Herr Khashayar Ghiassi.

Khashayar Ghiassi: Guten Morgen Deutschland!

Spengler: Persia TV, Herr Ghiassi, war bis zu der manipulierten Präsidentschaftswahl vor 17 Tagen ein Sender, in dem es vor allem um Unterhaltung, um Show, Musik und Mode ging. Dann haben Sie Ihr Programm umgestellt. Warum und wie?

Ghiassi: Als wir sahen, dass nach 30 Jahren Millionen von Menschen auf die Straße gehen, für Freiheit und Demokratie kämpfen, wollten wir zunächst diese Bilder zeigen. Dann, später durch die Nachrichtensperre, wollten wir einfach die Menschen informieren, was im Iran los ist, weil das staatliche Fernsehen natürlich nicht mehr über die Ereignisse im Iran berichtet hat, der Westen genauso. In Deutschland beziehungsweise anderen europäischen Ländern konnte man auch nicht mehr berichten, so dass wir uns die Aufgabe gemacht haben, von den Situation zu berichten, Live-Berichterstattung zu machen.

Spengler: Wie haben Sie das denn gemacht? Wie kamen Sie an Ihr Material, an Ihre Filme?

Ghiassi: Das war das erste Mal, dass wir eigentlich eher als die Medien hier im Westen das Material bekommen haben. Wir haben Amateurkollegen gehabt, die uns Bilder geschickt haben, Berichte geschickt haben. Wir haben durch die Verwandten, Bekannten, Freunde im Iran diese Berichte überprüft. Nachdem wir gesehen haben, das entspricht der Wahrheit, haben wir diese Berichte ausgestrahlt. Das waren auch Informationen, Menschen haben uns angerufen und gesagt, zum Beispiel gestern Abend bei den Demonstrationen waren Millionen von Menschen oder Tausende, heute haben wir das gemacht und morgen haben wir um 19 Uhr das vor. Dieses "morgen das vor" war auch Zweckinformation für andere, Leute kommt, morgen um 19 Uhr ist eine große Demonstration angesagt.

Spengler: Das geht aber jetzt nicht mehr, oder?

Ghiassi: Jetzt geht es nicht mehr, genauso ist das.

Spengler: Woran liegt das?

Ghiassi: Die haben uns durch einen Störsender eigentlich ausgeschaltet. Bis auf 10 oder 20 Prozent kann man uns empfangen, sonst nicht mehr. Kein Haushalt kann uns empfangen.

Spengler: 10 oder 20 Prozent heißt dann noch 800.000 Leute, oder wie viel heißt das?

Ghiassi: Ja, circa.

Spengler: Das ist ja auch noch eine Menge, es ist ja nicht wenig.

Ghiassi: Ja, gut, es ist eine Menge, aber trotzdem ist es nicht so wie damals. Wir konnten wirklich Millionen von Menschen erreichen, mein Sender durch die Musik, Entertainment, was wir meistens für Jugendliche gemacht haben. Im Iran leben mehr als 70 Prozent Jugendliche unter 30 Jahren. Da konnte man wirklich viele empfangen. Aber wir sind dabei, wir haben nicht aufgehört, wir beobachten die Situation im Iran, die Ereignisse und wir werden dann dementsprechend handeln.

Spengler: Können Sie uns denn sagen, Herr Ghiassi, wie sich für Sie zurzeit die Lage im Iran darstellt?

Ghiassi: Ich sehe, dass das der Anfang einer Revolution ist. Eine Revolution im Iran muss man sich nicht so wie hier im Westen bei uns vorstellen, dass das nach einigen Monaten so wie der Fall der DDR oder so geht. Das war zur Schah-Zeit damals, obwohl der Schah nicht so gegenüber den eigenen Landsleuten umgegangen war wie die Bassiji es machen, diese Miliz. Das hat ein Jahr gedauert.

Das ist ein Anfang, nach 30 Jahren wagen sich die Leute erstmalig auf die Straße zu gehen, den Mund aufzumachen und zu sagen, was sie meinen, was sie denken. Ich freue mich sehr, dass es durch die Manipulation der Wahlergebnisse zu diesen Zwischenfällen gekommen ist. Wäre das nicht gekommen, hätte man einfach von vornherein Mussawi ausgewählt, dass er Präsident ist, dann hätten wir genau eine Situation gehabt wie bei der Präsidentschaft von Herrn Khatami vor circa 12 Jahren. Der ist auch von der Islamischen Republik. Ob jetzt ein Reformer kommt, der ein bisschen Erleichterung gibt oder nicht, tut nichts zur Sache, weil letztendlich bei einer islamischen Republik hat der Religionsführer - und das ist Herr Khamenei - das letzte Wort. Solange das so ist, wird sich nichts an der Situation im Iran, im Nahen Osten oder für die Welt ändern.

Spengler: Jetzt hat man, Herr Ghiassi, trotzdem den Eindruck, dass das Regime gesiegt hat, weil es im Prinzip zu keinen größeren Demonstrationen mehr kommt.

Ghiassi: Nein. Das muss man so sehen: Die haben zwischen 800.000 bis eine Million Milizen. Die sind sehr gut für solche Tage vorbereitet worden. Die sind bewaffnet, die schießen einfach auf die Leute. Ich habe Berichte bekommen, dass man auf einen 12-jährigen Jungen geschossen hat auf einer Straße namens Schahdeman in Teheran, oder eine schwangere Frau. Die nehmen keine Rücksicht und die Leute haben zunächst Angst, aber man sieht trotzdem, dass gestern über 6000, 7000 Menschen noch mal gehen und demonstrieren. Dieser Prozess braucht ein bisschen Zeit, aber wie gesagt: Die haben sich erstmalig gewagt und die werden nicht mehr aufhören. 30 Jahre Unterdrückung - Sie müssen sich das so vorstellen: Wir haben ein sehr reiches Land im Iran, sehr reich. Die Leute leben aber unterhalb der Armutsgrenze. Wo das ganze Geld hingeht, da stellt man sich die Fragen: Warum leben wir so, obwohl wir besser leben könnten?

Spengler: Herr Ghiassi, wie ist es eigentlich mit Ihnen? Müssen Sie und Ihre Mitarbeiter hier um Ihr Leben fürchten? Reicht der Arm der Teheraner Machthaber so weit?

Ghiassi: Ja, man muss fürchten, aber wir machen unsere Arbeit. Ich glaube, es ist auch unsere Aufgabe, wenn wir sehen, dass Millionen von Menschen auf die Straße gehen und ihr Leben riskieren. Wir sind sagen wir mal fast im sicheren Deutschland. Warum fast, weil gerade in Europa, vor allem in Deutschland sieht man viele von diesen Fundamentalen, die ein Zuhause gefunden haben. Wir sind jetzt momentan unter Polizeischutz, wir bangen um unser Leben. Ich bange mehr um meine Mitarbeiter, die dort arbeiten, um ihr Leben. Schauen wir, was passiert.

Spengler: Und Sie bangen um Ihren Sender, um Ihr Fernsehprodukt, weil die Werbeeinnahmen einbrechen, oder?

Ghiassi: Das ist der nächste Punkt, genau, obwohl wir mit einer Branche zusammenarbeiten, die wir aus dem Nahen Osten bekommen, zum Beispiel LG, Nokia und solche, aber die haben Vertreter im Iran. Diese Vertreter haben massiven Druck seitens der Regierung bekommen. Man sieht auch, was die jetzt gestern mit der britischen Botschaft gemacht haben ist einfach, dass man den Westen unter Druck setzt und Druck gegen den Westen ausübt. Genauso haben die das auch mit unseren Vertretern dieser Branche gemacht, von denen wir die Werbung bekommen, und wir haben fast die Hälfte verloren.

Spengler: Herr Ghiassi, wir wünschen Ihnen alles Gute und drücken die Daumen. Sie sind Chefredakteur des Fernsehsenders "TV Persia". Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Ghiassi: Haben Sie vielen Dank.

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