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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Von den afrikanischen Wurzeln des Tango06.04.2018

Der argentinische Pianist Pablo Woiz & Milonga RootsVon den afrikanischen Wurzeln des Tango

"Die Perkussion hatte immer ein negatives Image", sagt der Pianist Pablo Woiz. Im Tango tauchte sie lange nicht mehr auf. Mit dem Projekt Milonga Roots schlägt er nun eine Brücke von den afrikanischen Wurzeln bis zu seinem New Tango Groove.

Von Max Oppel

Die drei Musiker des Trios "Pablo Woiz & Milonga Roots" stehen zusammen und blicken in die Kamera (Fernando Gutiérrez Suarez)
"Tango ist viel mehr als die Musik Buenos Aires." Pablo Woiz & Milonge Roots (Fernando Gutiérrez Suarez)

"Die Milonga ist der Ursprung des Tango, ein sehr perkussiver Rhythmus mit großem afrikanischem Einfluss, wie z.B. der des Candombe. Mit meinem Projekt will ich genau diesen Ursprung wiederbeleben, daher auch der Name: "Milonga Roots!"

Der argentinische Pianist Pablo Woiz lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in Berlin. Tango ist seine Sprache, wie er selbst sagt. Damit kann er seine Persönlichkeit am besten ausdrücken. Mit seinem aktuellen Trio lässt er jetzt eine Seite des Tangos wieder aufleben, über die lange nichts zu hören war. 

Musik: "Nocturna" - Pablo Woiz & Milonga Roots

Der Tango ist eine "wilde Mischung"

"Dass ich angefangen habe, Tango zu spielen", erzählt Pablo, "das passierte ganz von allein. Vielleicht weil ich in Argentinien geboren und aufgewachsen bin, weil die Musik dort allgegenwärtig ist."

Der argentinische Tango ist Ende des 19. Jahrhunderts in den Hafenkneipen von Buenos Aires entstanden, wo die Einwanderer ihre Hoffnungen, ihre Illusionen und ihren Weltschmerz ertränkten. Sie kamen vor allem aus Italien, Spanien, Deutschland und Österreich, Frankreich und mit ihnen ihre Kultur. Musikalisch ist deswegen der Tango eine wilde Mischung, die sich vor allem aus Polka, Mazurka, Walzer, kubanischer Musik, d.h. afrikanischen Rhythmen und argentinischer Folklore zusammensetzt.

Der Pianist Pablo Woiz am Piano (Max Oppel)Mit Energie bei der Sache: Pablo Woiz (Max Oppel)

Pablo Woiz hat in Argentinien zunächst ein klassisches Klavierstudium absolviert, bevor er zum Tango kam. Den hat er sich im Eigenstudium angeeignet, Videos von großen Musikern angeschaut, Arrangements studiert und im Laufe der Jahre sein Verständnis dieser Musik immer mehr verfeinert, unter anderem durch die Zusammenarbeit mit Stars wie Luis Stazo, Alberto Podestá oder Alfredo Marcucci. Als Pianist der Show "Tango Pasión" kam der heute 40jährige dann nach Europa und blieb schließlich in Berlin. Mit der Gründung des Trios "Milonga Roots" verwirklichte Pablo Woiz eine lange gehegte Idee.

"Mit gefällt dieser afrikanische Einfluss, weil es ein lebendiger, fröhlicher Teil des Tango ist und weil die Melancholie, die oft vorherrscht, hier nicht so präsent ist. In diesem Sinne mag ich vor allem Horacio Salgán. Er hat in seinen Tango-Interpretationen mit Jazzelementen und brasilianischen Rhythmen gespielt. Später war er meines Erachtens nach einer der besten Tango-Pianisten."

Musik: "Los Mareados por Horacio Salgán y Ubaldo De Lío" – Horacio Salgán

"Im argentinischen Tango gibt es den typischen Tangorhythmus, den Vals - den Walzer - und die schnellere Milonga, außerdem den aus Afrika stammenden Rhythmus Candombe: Milonga-Candombe wurde das genannt. Alberto Castillo war einer der Sänger, der mit seinem Orchester diesen afrikanischen Einfluss erforscht hat."
 
Musik: "Baile de los morenos" - Alberto Castillo

"In Argentinien wollte man mit der Kultur der Schwarzen nichts zu tun haben."

Die Perkussion kam mit den afrikanischen Sklaven in die Neue Welt, mit der Eroberung des Kontinents durch die Spanier und Portugiesen. Aber im Vergleich zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Brasilien, wurde dieser Einfluss in der argentinischen Musik lange Zeit verleugnet. In Argentinien wollte man mit der Kultur der Schwarzen nichts zu tun haben. Perkussion und Tango, das ist tatsächlich ein delikates Thema, sagt Pablo Woiz.

"Ich glaube, die Perkussion bzw. die Perkussionsinstrumente hatte immer ein eher negatives Image. Beim getanzten Tango tauchen sie so gut wie gar nicht auf. Eigentlich seltsam, denn sie haben viel mit dem Körper, mit der Bewegung zu tun, aber irgendwie nicht mit dem argentinischen Tango. In den großen, bekannten Orchestern gab es - ehrlich gesagt - gar keine Perkussion. Das heißt, wir haben diesen afrikanischen Einfluss angenommen, "desinfiziert" und in europäischen Tango verwandelt, mit einer ebenfalls europäischen Instrumentalisierung: Geige, Bandoneon - ein deutsches Instrument, Piano, etc."

Perkussionsinstrumente gab es aber definitiv in der Milonga, im Candombe, oder in der Murga. Candombe ist eine folkloristische Tanzform der Afrolateinamerikaner, entstanden in Montevideo und Buenos Aires. Ein Zweivierteltakt, der von drei Trommeln vorgegeben wird. Die Murga ist ein karnevalistischer Rhythmus. Alle diese Stile will Pablo Woiz mit seinem neuen Projekt wiederbeleben.
 
Musik: "Nido Gaucho" - Pablo Woiz & Milonga Roots 

Meist werden die Melodien gesungen oder vom Bandoneon oder der Violine gespielt. Aber beim Trio Pablo Woiz & Milonga Roots übernimmt das Klavier die Gesangsstimme.

"Das Piano kann aber eigentlich beides: Begleiten - Akkorde oder den Rhythmus spielen - oder auch die Melodie übernehmen. Meistens ist das Klavier aber gegenüber anderen melodischen Instrumenten im Nachteil. Diese Herausforderung motiviert mich. Ich wollte genau das ausprobieren, das Phrasieren und Improvisieren als Gesangsstimme."

Exzellente Musiker mit großer Lust und Energie

Das Piano gibt die Melodie vor, Perkussion und Kontrabass gehen auf das Spiel ein, antworten, fordern heraus, begleiten. Beim Pablo Woiz& Milonga Roots spielt der Israeli Or Rozenfeld den Kontrabass, der Argentinier Martín Iannaccone - bekannt aus der Band Tango Crash und durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Annett Louisan - ist für die Perkussion zuständig.

"Martín Iannaccone ist derjenige, der diese Rhythmen am allerbesten kennt: Murga, Candombe, er ist Profi in diesem Bereich und ein exzellenter Musiker. Mit ihm zu arbeiten ist großartig. Durch ihn kam auch Or Rozenfeld zum Trio. Er kommt mehr aus dem Jazz, kennt die Balkan-Rhythmen sehr gut und den arabischen Groove. Er stieß mit großer Lust zu uns, hat sich sehr für unser Projekt interessiert und hat eine wirklich spezielle Energie."

Israeli Or Rozenfeld spielt Kontrabass (Max Oppel)Balkan-Rhythmen und arabische Grooves: Israeli Or Rozenfeld (Max Oppel)

Musik: "La Siete de Abril" - Pablo Woiz & Milonga Roots

Gerne greift Pablo Woiz bekannt Tango und Milonga-Kompositionen von Astor Piazzolla, Carlos Di Sarli, Luis Salinas, Juan Carlos Cáceres auf und schreibt die Arrangements aus für Piano und Kontrabass.

"Den Part des Schlagzeugs und der Perkussion lasse ich offen, da habe ich eine gewisse Vorstellung und erkläre sie Martín. Oder er erklärt mir, wie es geht."

"La Milonga del Ángel" - die "Engel-Milonga" hat Astor Piazzolla zum Beispiel für ein Quintett, komponiert. Astor Piazolla selbst war der Erneuerer der Tangomusik, der Begründer des Tango Nuevo. Er hat die traditionelle Harmonie mit Jazz, Klezmer und Klassikelementen erweitert und den Tango so weltberühmt gemacht. Die Melodie übernehmen die Geige und das Bandoneon in Piazollas Komposition "La Milonga del Ángel". Woiz hat sein Arrangement zunächst nur auf das Piano konzentriert reduziert.

Mit dem Piano die lang gezogenen Töne des Bandoneons nachahmen

"Das war aber ziemlich schwierig" sagt er, "da es viele langsame Melodiestücke beinhaltet, dessen Töne sich nach und nach quasi auflösen." Damit bezieht er sich auf die lang gezogenen Töne des Bandoneons, die durch das Ziehen und Zusammendrücken des Instruments entstehen und die das Piano schwer nachahmen kann.

Musik: "Milonga de Ángel"- Astor Pizzolla & Quinteto

In Woiz Arrangement des Stücks kamen dann Perkussion und Kontrabass hinzu, bei denen er sich an den Cool Jazz anlehnt.

"Die Perkussion ist hier nicht afrikanisch getrommelt, sondern eher cool, mit Brushes, da weiß Martín genau, was er macht, und ich lasse ihn auch agieren. Der Kontrabass spielt eher eine Milonga Campera. Die ist hier kaum bekannt. Hier spielt man meistens nur die tanzbare, schnelle Milonga. Die Milonga Campera ist sehr viel langsamer und wurde vor allem als musikalische Begleitung für einen Rezitator benutzt. Das heißt, ein Gedicht oder ein improvisierter Text des Gauchos wurde vorgetragen, und ein Gitarrist begleitete ihn. ‚Milonga del Ángel‘ hat genau diese Essenz, es ist eine Art weiterentwickelte Milonga Campera."

Musik: Milonga del Ángel - Pablo Woiz & Milonga Roots

Tangointerpretationen, die verschiedene Folklorestile Argentiniens aufgreifen

Im Februar 2018 hat der Argentinier Pablo Woiz mit seinem Trio die Debüt-CD "VOL I" herausgebracht. Er ist allerdings schon lange mit anderen Formationen und auch als Solist europaweit unterwegs.

"Jetzt wo sie da ist, stelle ich fest, dass sich genau das erfüllt hat, was wir uns vorgenommen hatten, diese verschiedenen Folklore-Stile Argentiniens, aber auch aus Uruguay und Brasilien zu erforschen und weiter zu entwickeln. Das heißt in meinen Interpretationen des Tango nutze ich Elemente von der Milonga Campera und vom Chorinho - ein Rhythmus aus Brasilien - über die Murga bis zur argentinischen Zamba.

Zamba mit "Z" ist einer der bekanntesten Folklore-Rhythmen in der argentinischen Musik. Sie stammt vermutlich von der peruanischen Zamacueca ab und ist nicht zu verwechseln mit der brasilianischen Samba.

Musik: "Apuráte que cierra el coreano" - Pablo Woiz & Milonga Roots

Bei der Beschäftigung mit den afrikanischen Einflüssen ist Schlagzeuger Martín Iannaccone auf die Baguala-Vidala gestoßen. Dieser eher getragene Rhythmus hat ihn zu dem Stück "Una Señal" - "ein Zeichen" inspiriert. Es ist ein Rhythmus aus dem Norden Argentiniens.

"Die Frauen haben ihn dort gesungen, nur Stimme und Perkussion, also mit einer kleinen Caja. Eine indigene Überlieferung. Unsere Version ist stilisiert, klar, aber wenn du heute dort in die Berge gehst, dann hörst du die Baguala immer noch, die Frauen singen Coplas und erzählen von ihrem Tag."

Musik: "Una señal" - Pablo Woiz & Milonga Roots

Mit seiner Eigenkomposition "Roots" - Wurzeln - eröffnet Pablo Woiz seine CD. Entstanden ist sie aus einer Improvisation, erklärt er.

"Ich habe so lange gespielt, bis etwas geblieben ist, was mir gefallen hat. Ich glaube, dieses Stück ist die Synthese des Projektes Milonga Roots. Roots-Raices-Wurzeln. Den Titel habe ich ihm auch erst danach gegeben. Ich hatte bei diesem Stück erst das Thema, dann kam die Perkussion dazu. Wir haben uns für ein sogenanntes Tambor-Piano entschieden, ein Instrument aus dem Candombe, die tiefste und größte Trommel. Das gab dem Stück diesen sehr erdigen Ton."

Musik: "Roots" - Pablo Woiz & Milonga Roots

Musik: "Pobre Gallo Bataraz" - Pablo Woiz & Milonga Roots

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