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StartseiteKalenderblattDer Aufklärung verpflichtet15.02.2006

Der Aufklärung verpflichtet

Vor 225 Jahren starb Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing ist der deutsche Aufklärungsschriftsteller überhaupt. Mit seinen Trauerspielen verhalf er dem aufstrebenden Bürgertum zu neuem Selbstbewusstsein. Lessing starb am 15. Februar 1781. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Von Ruth Fühner

Statue des Dichters und Philosophen Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) (AP)
Statue des Dichters und Philosophen Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) (AP)

Der Pfarrerssohn Gotthold Ephraim Lessing hatte zwei Schwestern und neun Brüder. Die Notwendigkeit, etwas Besonderes zu sein, die Rivalen auszustechen - das blieb eins der großen Lebensthemen des 1729 Geborenen nicht nur im Konkurrenzkampf um eine gut dotierte Position im Fürstendienst oder auf dem gerade erst entstehenden freien Markt für künstlerische Produkte, wo er ganz bewusst nach Marktlücken suchte. Zugleich liebte Lessing den Disput und scheute keine Auseinandersetzung. Dabei allerdings ging es ihm weniger um Profilierung als um das, was für ihn das höchste Gut von allen war: die Wahrheit.

"Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz."

Doch Lessing ist kein blutleerer Idealist - er hat auch ein ausgeprägtes polemisches Temperament, das sich vom Rang seiner mitunter hochgestellten Gegner nicht einschüchtern lässt. Für seine Karriere erweist sich das auf Dauer als eher hinderlich.

Nach einem boheme-haften Studentenleben in Leipzig, wo er einige Lustspiele geschrieben und noch mehr Schulden hinterlassen hat, kommt Lessing 1748 ins Berlin Friedrichs II., des königlichen Flötenspielers, an dessen Hof Voltaire den philosophischen Ton angibt. Während sich Friedrich gemeinhin im Ruf des aufgeklärten Monarchen sonnt, entdeckt Lessing in seinem Schatten nur Tyrannei. Der französisch-höfischen Aufklärung von Sanssouci hält er das Idealbild einer deutschen, bürgerlichen entgegen.

Kein Wunder, dass Lessing es trotz immer wieder hoch gespannter Hoffnungen in Preußen zu keiner Anstellung bringt. So nagt er als freier Übersetzer, Redakteur und Autor am Hungertuch, sucht beim Breslauer Stadkommandanten Zuflucht als Sekretär und am Spieltisch und scheitert nach seiner Rückkehr nochmals am Desinteresse des Berliner Hofs. Obwohl - oder weil - er gerade mit der "Minna von Barnhelm" die Komödie eines human überhöhten Preußentums geschrieben hat. Immerhin: Beim Publikum kommt das Stück gut an, und die Kollegen haben nur höchstes Lob für ihn. Für Goethe ist das Stück, zumindest was Deutschland angeht,

"die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion."

Ab 1767 engagiert sich Lessing in Hamburg am Nationaltheater, einer Privatgründung, die zwar bald Konkurs macht, aber dafür in die Literaturgeschichte eingeht als Anlass für die kritischen und wirkungstheoretischen Schriften von Lessings "Hamburgischer Dramaturgie".

Die letzte Lebensstation dann ist die herzogliche Bibliothek in der Kleinstadt Wolfenbüttel. Seine abhängige Stellung hält Lessing nicht ab, noch ein bürgerliches Trauerspiel zu schreiben, das von Spitzen gegen absolutistische Fürstenwillkür nur so strotzt: "Emilia Galotti".

Jetzt endlich, weit über 40, wagt Lessing auch das private Glück. Doch die geliebte Frau und der einzige Sohn sterben kurz nach der Geburt. Lessings letzte Jahre sind geprägt von der kränkenden Auseinandersetzung mit dem Hamburger Pastor Goeze, die ihm den Ruch des Gotteslästerers einbringt - und vom schnellen Erfolg des Stückes, das zu dem Schulbuchklassiker überhaupt wurde: "Nathan der Weise". In seinem Kern, der "Ringparabel", scheint das Thema der Geschwisterrivalität noch einmal auf. Drei Söhne streiten darüber, wem von ihnen der Vater den einen echten Ring hinterlassen hat - doch der hat zwei perfekte Kopien anfertigen lassen; Original und Fälschung sind nicht mehr zu unterscheiden. Ein Richter muss den Streit schlichten.

"Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; dass der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiss;
Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen."

Geradezu vorbildlich aufklärerisch ist diese Antwort des Pastorensohns auf die Streitfrage, welche der drei Religionen - Judentum, Christentum, Islam - Gott wohlgefälliger sei: alle - oder keine.

Die Uraufführung findet ausgerechnet in Berlin statt. Aber da ist Gotthold Ephraim Lessing schon seit zwei Jahren tot - gestorben am 15. Februar 1781. Er wurde nur 52 Jahre alt.

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