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StartseiteUmwelt und VerbraucherDer Bauernschreck von Niedersachsen12.02.2013

Der Bauernschreck von Niedersachsen

Was der grüne Landwirtschaftsminister umsetzen möchte

Niedersachsen ist Agrarland Nr. 1, hier gibt es immer mehr Riesenställe und Großschlachthöfe. Der neue Landwirtschaftsminister Christian Meyer gilt als erwiesener Gegner dieser Betriebe - wegen seiner Ideen ist er deshalb bei der Agrarlobby als Bauernschreck verschrien.

Von Susanne Schrammar

Christian Meyer, Bündnis 90/Die Grünen, ist neuer Landwirtschaftsminister in Niedersachsen. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Christian Meyer, Bündnis 90/Die Grünen, ist neuer Landwirtschaftsminister in Niedersachsen. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Kaum eine Demo gegen Massentierhaltung in Niedersachsen, wo Christian Meyer in den vergangenen drei Jahren nicht mit protestiert hat. Unermüdlich ist der 37-Jährige quer durchs Land zu Aktionen gefahren, die Anwohner und Tierschützer gegen geplante Großställe oder Schlachthöfe organisiert haben. Bei solchen Anlässen klettert der grüne Landtagsabgeordnete auch gern mal einfach auf eine Parkbank, um sich auf einer Kundgebung besser Gehör zu verschaffen.

"Ich freue mich sehr, dass so viele auch gekommen sind. Es gibt eine ganze Reihe von Orten in Niedersachsen, auch hier in der Nähe - Bad Münder hat sich ja weitgehend erfolgreich gewehrt gegen einen Schweinemaststall und Hühnermaststall. Ich komme aus Holzminden, wir wenden uns da gerade gegen eine Ziegenfabrik. Und es ist auch so in den Regionen, wo wir bisher diese Massentierhaltung so hatten – zum Beispiel im Emsland – wehren sich immer mehr Gemeinden."

Für die starke Agrarlobby in Niedersachsen gilt der Mann mit dem freundlich-runden Gesicht und der randlosen Brille als Reizfigur. Konservative Landwirte sehen in Christian Meyer einen "Bauernschreck" und mussten vermutlich schwer schlucken, als sie hörten, dass ausgerechnet er neuer grüner Landwirtschaftsminister in Niedersachsen werden soll. Doch Meyer selbst sieht sich zu Unrecht in diese Rolle gedrängt.

"Na, das ist von bestimmten Teilen einer Lobby, die oft auch sehr stark in der CDU verankert ist, die natürlich so ein Feindbild aufbauen. Ich erlebe es überhaupt nicht. Als ich letzte Woche beim Niedersachsen-Abend der Grünen Woche war, haben viele mit mir geredet, aber es hat sich niemand erschrocken."

Der studierte Politikwissenschaftler, der zum linken Flügel der Grünen gezählt wird, versteht sich selbst vielmehr als Freund der Bauern - sofern sie nicht Teil eines großen Agrarkonzerns sind, wovon es in Niedersachsen einige gibt. Vor allem in der Geflügel- und Schweinemast. Der neue Landwirtschaftsminister will weg von der Massentierhaltung hin zu kleineren bäuerlichen Betrieben und mehr Ökolandbau. Im Land soll es eine sanfte Agrarwende geben, so Meyer.

"Es wird in Schritten gehen, es wird Anreize geben für mehr Verbraucher- und Tier- und Umweltschutz. Und es wird deshalb auch eine Steigerung dieser Produktionsweisen geben. Also, die Landwirtschaft in Niedersachsen soll und will sich auch nachhaltig verändern und muss umwelt- und zukunftsgerechter werden, wenn wir weiterhin Agrarland Nr. 1 bleiben wollen – was wir als rot-grüne Koalitionspartner gemeinsam wollen -, dann muss es eben darum gehen, dass man verbraucher- und umweltgerechter auch produziert."

Unter der Ägide des designierten grünen Ministers sollen die Fördermittel des Landes künftig nicht mehr in große Stallbauten oder andere Anlagen fließen, sondern in kleine und mittelgroße nachhaltig wirtschaftende Höfe. Meyer will Anreize setzen, wieder mehr bäuerliche Strukturen zu schaffen. Und auch beim Tierschutz soll sich eine Menge tun: Im Ministerium wird eine unabhängige Tierschutzbeauftragte eingesetzt werden. Außerdem verspricht die neue rot-grüne Landesregierung, sich auf Bundesebene dafür einzusetzen, dass quälerische Maßnahmen wie das Schnäbelkürzen oder die betäubungslose Ferkelkastration schneller, als bislang vorgesehen, abgeschafft werden.

"Wir wissen aber auch – und das war immer klar in den Debatten – dass das nur über eine Änderung des Tierschutzgesetzes auf Bundesebene geht. Also, da werden wir drängen, dass bestimmte Prozesse sich beschleunigen."

Eine der schwierigsten Aufgaben für den Neuen an der Spitze des niedersächsischen Agrarressorts wird vermutlich, die Bauernverbände mit ins Boot zu holen. Dabei setzt der 37-Jährige auf die Einsicht der Betroffenen. Den Dialog, den der bisherige CDU-Landwirtschaftsminister Lindemann im Rahmen seines aufgelegten Tierschutzplans begonnen hat, will Meyer fortsetzen.

"Wir werden auch ein neues Dialogforum machen insgesamt zu allen Aspekten der Landwirtschaft, aber auch in Verbindung bringen mit Verbraucherverbänden, mit Umweltverbänden, um auch ein neues Leitbild für den ländlichen Raum zu haben. Für eine zukunftsgerechtere Landwirtschaftsweise, um auch die Gruppen wieder an einen Tisch zu bringen."

Der Verbraucherschutz soll im grüngeführten niedersächsischen Landwirtschaftsministerium gestärkt werden: mehr Kontrollen, mehr Beratung. Die Mittel für die Verbraucherzentralen, die unter Schwarz-Gelb zuletzt gekürzt worden waren, verspricht Christian Meyer mindestens wieder aufzustocken.

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