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StartseiteSprechstundeWarum ist der Kortisonspiegel aus dem Gleichgewicht?30.10.2018

Der besondere FallWarum ist der Kortisonspiegel aus dem Gleichgewicht?

Ein 48-jähriger Mann nimmt plötzlich stark zu, erkrankt an Diabetes und hohem Blutdruck, und schließlich an einer Sehstörung. Eine Blutuntersuchung zeigt, dass der Kortisonspiegel des Mannes massiv erhöht ist. Doch die Ursache für das alles können erst Ärzte unterschiedlicher Disziplinen aufklären.

Von Mirko Smiljanic

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Grund für die Gesundheitsprobleme des Mannes: ein erhöhter Kortisonspiegel im Blut. Aber wie kommt es dazu? (imago stock&people/Gerhard Leber)
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Universitätsklinikum Münster, ein warmer Sommertag. Im Wartebereich der Augenklinik sitzen Detelin Beev, 48 Jahre alt, und seine Tochter Stanislava, 24 Jahre alt. Detelin Beev stammt aus Bulgarien, lebt aber seit 19 Jahren in Deutschland. Nach dem Studium hat er in Münster eine attraktive Arbeit gefunden, so attraktiv, dass er geblieben ist. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint: Sein Job ist vielseitig und verantwortungsvoll, seine Frau hat eine kleine Firma aufgebaut, Tochter Stanislava studiert Wirtschaftswissenschaften. Er lebt gesund, treibt Sport, trinkt nur wenig Alkohol. Alles gut? Leider nein!

Übergewicht und hoher Blutdruck

"Das war ungefähr vor zwei Jahren, hat angefangen der Bauch zu wachsen, Blutdruck hat sich bemerkbar gemacht und Gesicht ist etwas geschwollener geworden." Isst er zu viel? Muss er mehr Sport treiben? Immerhin nimmt er pro Monat ein Kilo an Gewicht zu. "Da habe ich mit dem Brot aufgehört, Coca-Cola habe ich sowieso nie getrunken, Alkohol total reduziert, habe ich mit dem Rauchen aufgehört, trotzdem wurde ich dicker und dicker."

Außerdem, erinnert sich Stanislava Beev, hatte er häufig schlechte Stimmung. "Ja, er war oft gereizt und oft schlecht gelaunt und auch sehr negativ oftmals." Und noch etwas Beunruhigendes kam hinzu: Er entwickelte einen Diabetes mellitus Typ 2, außerdem ließ sich sein Blutdruck kaum kontrollieren. "Blutdruck habe ich schon 220 gesehen, und man steht morgens auf, der war bei 180." Was natürlich viel zu hoch war. "Mein Hausarzt hat gesagt Blutdruck ist genetisch, mein Papa hatte Blutdruck, Mama, Bruder, hat gesagt, ist genetisch, einfach Tabletten schlucken."

Mit dem linken Auge sieht er verbogene Linien 

Was er auch tat, allerdings ohne jeden Erfolg, der Blutdruck ließ sich nicht senken. Schlimmer noch: Detelin Beev konnte auf dem linken Auge plötzlich nicht mehr richtig sehen, gerade Linien verbogen sich, es war furchtbar! Weil sein Hausarzt nicht mehr weiter wusste, überwies er ihn ins Uniklinikum Münster, und weil die seltsamen Symptome am Auge zunächst im Mittelpunkt standen, untersuchte ihn Professor Nicole Eter, Direktorin der Universitätsaugenklinik.

"Er kam mit einer serösen Abhebung der Netzhautmitte, einer sogenannten Chorioretinopathia centralis serosa. Diese Erkrankung führt man auf einen erhöhten Kortisonspiegel entweder endogen oder exogen zurück."

Einerseits eine klare Diagnose, andererseits war aber unklar, ob der Körper das Kortison produziert – das wäre die endogene Variante - oder ob es exogen von außen in den Körper gelangt. Bezüglich der Therapie hatte Nicole Eter aber klare Vorstellungen: Sie entschied sich für die Photodynamische Therapie: "Das ist eine Kombination von einer Infusion, die in die Armvene gegeben wird, und einem Laser, der dieses Medikament anregt, das heißt, dass er bei einer bestimmten Wellenlänge in die aktive Form übergeht, und damit kommt es dann zur Rückkehr der Schwellung der Netzhaut."

Kortisonspiegel aus dem Gleichgewicht

Die Behandlung hatte durchschlagenden Erfolg: Die Schwellung der Netzhaut ging zurück und Detelin Beev sah gerade Linien wieder gerade und nicht verbogen. Viel gewonnen war damit aber noch nicht. Immer noch litt er an hohem Blutdruck, an Diabetes mellitus, an Übergewicht und an einem viel zu hohen Kortisonspiegel. Bei den weiteren Untersuchungen konzentrierten sich Münsteraner Mediziner auf den letzten Punkt, auf das Kortison:

"Es kann endogen produziert werden im Körper, und es kann eben exogen zugeführt werden. Exogene Zuführung, das kann zum Beispiel auch nur eine Inhalation sein, sprich Asthmaspray zum Beispiel, auch kortisonhaltiges Pflaster würde ausreichen unter Umständen, um so etwas auszulösen."

Die exogene Variante wurde rasch ausgeschlossen, Detelin Beev nahm keine kortisonhaltigen Medikamente. Also musste der Körper das Hormon selbst produzieren. Nur wo? Zwei Wege - so Professor Walter Stummer, Direktor der Neurochirurgischen Universitätsklinik Münster – sind denkbar: "Der eine kann zum Beispiel die Nebennierenrinde sein, da können kleine Tumore entstehen, die Kortison ausscheiden. Und das andere kann in der Tat auch die Hypophyse sein, also die Hirnanhangsdrüse sein, die auch nicht mehr reguliert wird und einen Vorbotenstoff für Kortison ausscheidet."

Woher kommt das viele Kortison?

Womit die Probleme nach einer Bildgebung mit dem Magnetresonanztomographen eigentlich gelöst sein müssten. "Das ist leider nicht so einfach, weil, wenn Sie ein MRT machen, werden Sie bei fünf bis zehn Prozent aller Menschen irgendeine Veränderung an der Hypophyse finden. Und wenn man dann aufhört zu denken und sagt, das erhöhte Kortisol kommt daher, dann macht man unter Umständen eine Operation umsonst."

Weshalb Internisten zunächst mit ausgefeilten Tests die Quelle des Kortisons bestimmten. Bei Detelin Beev war es tatsächlich ein kleiner Tumor an der Hypophyse, den ein Team um Walter Stummer operativ entfernte. "Man macht es schon längerfristig über die Nase, heutzutage haben wir noch die Endoskopie zur Hilfe, die uns ein bisschen besser noch die Strukturen darstellt. So eine Operation dauert so zwei, drei Stunden, die Patienten sind circa eine Woche bei uns, und damit ist die Sache eigentlich erledigt, wenn man den Tumor findet und komplett entfernt."

Eine Operation bringt Besserung

Für Detelin Beev verlief alles gut. Einmal im Jahr muss er zur Nachkontrolle, die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Tumor noch einmal meldet, ist aber vergleichsweise gering. Heute geht es ihm schon wesentlich besser: "Ich habe schon sechs Kilo runter in zweieinhalb Monaten."

Außerdem normalisiert sich sein Blutdruck. Eine Frage bleibt aber leider unbeantwortet: Was ist die Ursache für den Tumor an der Hirnanhangsdrüse? "Ach das wäre schön, wenn wir das wissen. Es gibt ganz seltene Erberkrankungen, aber sonst kennen wir dafür keine richtige Ursache. Wenn man so will, man hat Pech gehabt und hat’s bekommen."

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