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StartseiteKalenderblattDer Bezug der Jazzmusik zum Leben25.08.2013

Der Bezug der Jazzmusik zum Leben

Vor 80 Jahren wurde der amerikanische Jazz-Saxofonist Shorter geboren

Unter dem starken Einfluss des Bebop und von John Coltrane gelangte Wayne Shorter in die vorderen Ränge der Jazz-Avantgarde. Eine fremdartige Schönheit umgibt den musikalischen Kosmos dieses Musikers, der am 25. August 1933 geboren wurde.

Von Karl Lippegaus

Der Saxofonist Wayne Shorter (AP Archiv)
Der Saxofonist Wayne Shorter (AP Archiv)

"This is Wayne Shorter."

Sein Vater hatte ein internes Frühwarnsystem, das sofort reagierte, wenn ihn jemand wegen seiner Hautfarbe zu diskriminieren suchte. Wenn er selbst irgendwo das Wort Neger las, bekam er sofort Magenprobleme. Von der Mutter lernte er, sich alleine zu beschäftigen - als "einsamer Wolf", wie er später sagte.

"Ich fühlte, ich würde Künstler werden, wie ein Maler, der alleine arbeitet, für sich, nach eigenem Rhythmus, sich aufopfernd."

In Newark, New Jersey – von Philip Roth in vielen Romanen beschrieben – wurde Wayne Shorter am 25. August 1933 geboren. Dort wuchs er auf. In Newark lernte er, zu überleben, sagt er, in armen Verhältnissen, aber würdevoll. Mit seinen Comic- und Science-Fiction-Büchern floh er irgendwohin, außerhalb dieser Welt. Hochbegabt, mit einem phänomenalen Gedächtnis, speicherte er unzählige Bilder und Szenen im Kopf, die später in seiner Musik auftauchten. Viele in Newark fanden Wayne und seinen Bruder Alan etwas merkwürdig.

"Wenn sie in der Nachbarschaft Baseball spielten, wurden die Teams ausgewählt. Über mich sagten sie: Ich will ihn nicht auf meiner Seite haben – er ist zu seltsam. Das hörte ich immer wieder. In der Highschool nannten sie mich und meinen Bruder 'Die Komischen Brüder'. Als ich meine erste Klarinette bekam, mit 15 oder 16, malte ich auf meinen Instrumentenkoffer: Mister Seltsam. Mein Bruder hatte ein Altsaxofon und schrieb auf seinen: Doktor Seltsam."

In der Schule erntete Wayne stets gute Noten. Relativ spät fand er zur Musik, begann jedoch schon bald, eigene Stücke zu komponieren.

"Musik fühlte sich an wie eine neue Haut, die mir über Nacht gewachsen war."

Eine große Scheu hatte er vor dem anderen Geschlecht.

"Ich wollte, dass die Mädels sahen, was selten und kostbar an mir war."

"Statt ein Mädel zum Tanz zu bitten, sagte ich ihr Sachen wie: "Was kam zuerst: etwas oder nichts? – Hey, hier kommt Mister Seltsam. Geh weg!"

Rasch und zielstrebig feilte Wayne an seiner Kunst des Improvisierens. Mit 23 hatte er ein Diplom als Musikerzieher von der New York University in der Tasche. Doch sein Hauptinteresse galt dem Jazz.

"Etwa so: Hör' dir auch mal das an! Als der Jazz sich ausbreitete, war das was völlig Neues. Der Geist von Jazz war der von Abenteuer."

Der scheue junge Mann bewunderte aus der Nähe Lester Young, Charlie Parker und John Coltrane, der wurde sein großer Freund.

"Bei ihm merkte man sofort: Platten verkaufen? Darauf kam's nicht an."

Die wichtigste Person in seinem Leben wurde Miles Davis. Wayne avancierte zum wichtigsten Stückeschreiber für das heute legendäre "zweite" Miles-Davis-Quintett. Mit der Band "Weather Report" wurde Wayne Shorter ein Weltstar. In den 70er-Jahren eroberte der Jazzrock dieser Musik ein neues, jüngeres und breiteres Publikum. Mit dem Österreicher Joe Zawinul an den Keyboards hatte Wayne die Band gegründet.

Er vertiefte sich in die Lehren des Nichiren-Buddhismus. Eine Serie von Familientragödien drohten ihn wie Stromschnellen aus seiner Bahn zu tragen: Sein Vater starb bei einem Autounfall, seine Frau starb bei einem Flugzeugabsturz, seine Tochter wuchs mit einer schweren Behinderung auf. Doch immer wieder raffte der Jazz-Saxofonist Wayne Shorter sich auf. Mit seinem aktuellen Quartett gelang ihm ab dem Jahr 2000 ein glänzendes Comeback.

"Wenn ich in diesen Tagen, in meinem Alter ein Interview gebe, muss ich vom Bezug der Musik zum Leben sprechen. Wenn ich nur über Musik rede, habe ich auch über Musik nichts gelernt."

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