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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie EU spielt Boris Johnson in die Karten02.10.2018

Der Brexit und die britischen KonservativenDie EU spielt Boris Johnson in die Karten

Die EU irre, wenn sie glaube, mit Druck die Briten gefügig machen zu können, kommentiert Friedbert Meurer. Das Gegenteil sei richtig. Boris Johnsons umjubelte Rede auf dem Parteitag der Konservativen in Birmingham sollte das allen noch einmal bewusst gemacht haben.

Von Friedbert Meurer

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Boris Johnson  (picture alliance/Matrixpictures)
Boris Johnson spricht auf dem Parteitag der Konservativen in Birmingham (picture alliance/Matrixpictures)
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Wenn morgen die Mitglieder der Konservativen Partei in Großbritannien darüber abstimmen dürften, wer ihr Parteivorsitzender und damit Premierminister sein soll: Die Antwort würde Boris Johnson heißen. Boris Johnson fasziniert und begeistert die Basis. Zwei Stunden bevor seine Rede überhaupt begann, wickelten sich schon lange Warteschlangen durch das Foyer der Kongresshalle in Birmingham. Es gab einen Riesenhype um die Rede, als würde hier der künftige Premierminister auftreten. Ohne Zweifel: Das war auch eine Bewerbungsrede für das Amt.

Boris Johnson bleibt Theresa Mays gefährlichster Rivale

Mancher mag Boris Johnson für einen Rattenfänger halten, dem es nicht um Prinzipien, sondern nur um sich selbst geht. Das ändert aber nichts daran, dass Johnsons rhetorische und kommunikative Fähigkeiten umso erfolgreicher verfangen, desto unterentwickelter diese Qualitäten bei Premierministerin Theresa May sind. Politik ist Kommunikation und May versteht es überhaupt nicht, ihre Politik auch nur halbwegs verständlich an den Mann oder die Frau zu bringen.

Boris Johnson bleibt Theresa Mays gefährlichster Rivale. Wenn es ihr nicht gelingt, mit der EU in den nächsten Wochen eine Einigung zu finden, dann werden ihre Tage gezählt sein. Für diesen Fall hält Boris Johnson sich bereit und bringt sich durch seine Philippika von heute den Parteimitgliedern nachhaltig in Erinnerung. Die Stimmung auf dem Parteitag in Birmingham ist eindeutig: Eine Mehrheit der Partei will der Premierministerin bei ihrem Chequers-Vorschlag nicht folgen, der vorsieht, dass Großbritannien zu Teilen doch im Binnenmarkt bleibt. Die Delegierten sind gereizt und teilweise sogar wütend – wütend aber in der Hauptsache auf die EU, weit mehr noch als auf May.

Fatale Folgen, wenn die Verhandlungen platzen

Aber Johnson weiß, dass er May im Moment noch nicht stürzen kann. Er muss solange warten, bis sie entweder mit leeren Händen aus Brüssel zurückkehrt oder die Abstimmung im Unterhaus über einen ausgehandelten Vertrag verliert. Aber selbst dann sehen die Regeln der Partei vor, dass erst die Fraktion zwei Kandidaten vorschlägt, die dann den Mitgliedern präsentiert werden. Dass Johnson von der Fraktion als einer der beiden Kandidaten vorgeschlagen würde, ist aber nicht sicher – viele mögen schlicht seinen Habitus und seine Ruchlosigkeit nicht.

Die Frage, wer führt die Partei und die Regierung, ist aber nicht das Hauptthema auf dem Parteitag in Birmingham. Hier macht sich das Gefühl breit, dass die EU Großbritannien demütigt und klein halten will. Die EU beharrt auf ihren Prinzipien – und spielt damit einem Boris Johnson in die Karten. Nur wenige wollen, dass London und Brüssel im Streit die Verhandlungen platzen lassen. Es hätte fatale Folgen, vor allem aber nicht nur für die britische Wirtschaft. Aber die EU irrt, wenn sie glaubt, mit Druck die Briten gefügig machen zu können. Das Gegenteil ist richtig – und Boris Johnsons umjubelte Rede sollte das allen noch einmal bewusst gemacht haben.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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