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StartseiteKultur heute"Es wird langwieriger, es wird teurer werden"09.04.2019

Der Brexit und die deutschen Museen"Es wird langwieriger, es wird teurer werden"

Die Brexit-Unsicherheiten treiben auch deutsche Museumsmacher um. Ausstellungen mit britischen Leihgaben würden komplizierter werden, sagte Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Er wisse aber um die Unterstützung seiner britischen Kollegen.

Hermann Arnhold im Gespräch mit Änne Seidel

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Portraitaufnahme von Hermann Arnhold, Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte (Caroline Seidel / dpa)
Hermann Arnhold, der Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kultur (Caroline Seidel / dpa)
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Änne Seidel: Die britische Premierministerin Theresa May tourt durch Europa – und versucht, einen ungeordneten Brexit in letzter Minute zu verhindern: Morgen möchte sie auf dem EU-Gipfel in Brüssel um eine weitere Fristverlängerung bitten. Dafür hat sie heute in Berlin um Unterstützung geworben. Falls sich die Staats- und Regierungschefs der EU morgen nicht auf einen weiteren Aufschub einigen können, dann könnte Großbritannien schon am Freitag aus der EU austreten, eventuell dann ohne Vertrag.

Auf dieses Szenario bereiten sich nicht nur Bürger, Politiker und Unternehmer seit Wochen vor, sondern auch die Museen: das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zum Beispiel, das regelmäßig mit britischen Museen zusammenarbeitet. Anfang Mai eröffnet es eine Ausstellung mit Werken des Iren Sean Scully, für die Leihgaben aus Großbritannien erwartet werden. Den Direktor des Museums, Hermann Arnhold, habe ich vor der Sendung gefragt, wie sein Museum sich ganz konkret vorbereitet, auf den möglichen Brexit?

Hermann Arnhold: Das Konkreteste, was wir unternommen haben, ist, dass wir eine große monomentale Stahlplastik von Sean Scully fünf Wochen vor Beginn der Ausstellung hier nach Münster geholt haben – in der Voraussicht damals noch, dass der Brexit viel eher kommen würde und wir diese Skulptur noch vor dem Brexit im europäischen Binnenmarkt nach Münster holen wollten, um es damit leichter zu haben. Und da steht sie nun und ist natürlich schon auch für uns ein Bekenntnis zu Europa. Damit ist natürlich impliziert die Befürchtung, die wir haben, dass Ausleihen großer internationaler Kunstwerke (wir sind sicherlich das NRW-Kunstmuseum mit den intensivsten Kontakten im Augenblick zu Großbritannien, haben mehrere Ausstellungen schon gemacht), dass das komplizierter wird. Es wird langwieriger, es wird teurer werden.

Das Problem ist: Es stehen große Fragen im Raum, die alle noch nicht beantwortet sind, und wir können nur feststellen, dass unsere britischen Kollegen dem Ganzen natürlich mit zwei weinenden Augen zusehen und dass das, man könnte fast sagen, die engagiertesten Europäer sind, weil gerade die in der Voraussicht dessen, was da droht, natürlich weiterhin unglaublich engagiert sind, was internationale Kooperationen angeht.

Womöglich Ausstellungen verschieben

Seidel: Jetzt haben Sie das Beispiel dieser Skulptur von Sean Scully angesprochen. So Kunstwerke schon Wochen im Voraus nach Münster bringen zu lassen, das ist ja vermutlich auch ein zusätzlicher finanzieller Aufwand, oder? Denn Sie müssen die Kunstwerke dann ja über einen längeren Zeitraum versichern.

Arnhold: Das ist so. Das meinte ich damit, es wird kostspieliger. Das haben wir in vergangenen Fällen auch schon gemacht. Wir haben hier deutschlandintern eine große Plastik von Henry Moore auf der anderen Seite des Museums stehen von der Nationalgalerie in Berlin. Das haben wir gemacht zwei Wochen vor Beginn der Henry-Moore-Ausstellung – natürlich einfach auch, um dieses Thema (Münster ist ja die Stadt der "Skulptur Projekte") hier im öffentlichen Raum zu platzieren. Aber so weit im Voraus haben wir in der Tat eigentlich noch nie so eine große Skulptur nach Münster geholt. Und wir sind natürlich froh, dass wir sie jetzt hier haben, weil ich schaue natürlich mit Bangen dahin, sollte der ungeregelte Brexit kommen, was das dann konkret bedeutet: Ob wir eventuell Ausstellungen verschieben müssen, die wir bisher im europäischen Binnenmarkt geplant haben? Oder ob wir noch eine Gnadenfrist haben, diese Dinge dann auch durchziehen zu können? Das wissen wir alles nicht, und das ist ein bisschen auf Nahsicht fahren, was wir hier im Augenblick machen.

Seidel: Sie planen ja in diesem Jahr noch eine weitere Ausstellung mit vielen Werken, Leihgaben aus Großbritannien. Im November soll eine große William-Turner-Ausstellung eröffnen, für die Sie ganze 80 Bilder aus London bekommen sollen. Heißt das, dass auch diese Ausstellung eventuell noch in Gefahr geraten könnte?

Arnhold: Daran will ich überhaupt nicht denken. Ich muss das natürlich als Museumsdirektor tun, weil ich die Verantwortung auf deutscher Seite habe. Das ist seit über 20 Jahren die bedeutendste William-Turner-Ausstellung in Deutschland. Es ist ein unglaublicher Vertrauensbeweis der Tate Britain, uns dieses Konvolut nach Münster auszuleihen. Hinzu kommen zahlreiche Werke aus europäischen und amerikanischen Museen, wirklich eine große Ausstellung, für uns die wichtigste Ausstellung in diesem Jahr. Und natürlich - ich habe das heute Morgen hier im Team auch besprochen – stehen wir auf hab Acht, wenn es denn jetzt kommt, Alternativszenarien sehr schnell entwickeln zu müssen, sicherlich auch mit den Versicherungen, mit den Transportunternehmen, um wahrscheinlich die Vorlaufzeiten großzügiger zu planen. Die Ausstellung beginnt Anfang November. Eventuell müssen wir dann schon sehr, sehr viel früher anfangen. Das wissen wir alles im Augenblick noch nicht. Ich glaube, das wird von uns sehr viel Flexibilität erfordern. Ich bin mir aber sicher, dass die britischen Kollegen in London da sehr stark auf unserer Seite sind und natürlich genauso interessiert sind wie wir, dass es diese Projekte weiterhin geben wird.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Seidel: Das heißt, für Sie wäre es eigentlich am praktischsten, wenn diese Entscheidung dann doch jetzt mal schnell gefällt wird und der Brexit vielleicht möglichst noch diese Woche vollzogen wird?

Arnhold: Es muss Klarheit geben. Dieser Nebel, der da eingekehrt hat, dass man es immer weiter verschiebt, ist natürlich…es geht natürlich auch um Glaubwürdigkeit. Für uns Kulturleute – ich denke, da ist Kunst natürlich auch politisch, und das Statement, dass wir weiterhin mit den Kollegen in Großbritannien zusammenarbeiten, ist natürlich ein europäisches. Da brauchen wir natürlich klare Bedingungen, wie wir damit umgehen können. Ich hoffe, dass, wenn er denn kommt – ich hoffe ja insgeheim immer noch auf ein zweites Referendum und dass man dann im Grunde sich die Augen reibt und denkt, was ist eigentlich in diesem verlorenen Jahr alles passiert. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Ich hoffe, dass wir im Kulturbereich weiterhin diese große Öffnung haben und diese Transparenz, die ja auch unseren Austausch in der Europäischen Union kennzeichnet.

Seidel: Sie wollen diese Kooperation mit britischen Museen unbedingt fortsetzen, sagen Sie.

Arnhold: Ja.

Die Internationalität der Kunst

Seidel: Aber könnte das im Falle eines Brexits dann nicht auch deutlich schwieriger werden, zum Beispiel auch mit Blick auf die Finanzierung? Denn EU-Gelder könnten in Zukunft ja auch fehlen für diese Kooperation, oder?

Arnhold: Sie haben vollkommen Recht. Aber da zähle ich einfach auch auf die Internationalität der Kunst. Das heißt, unsere, meine Fördererfahrung (und die Drittmittelanteile bei großen Ausstellungen werden ja immer größer) sind die, dass es letztendlich da immer um die Wertigkeit der Projekte geht, um die Alleinstellungsmerkmale, dass es so ein Projekt jetzt zum Beispiel wie Turner lange nicht mehr in Deutschland gegeben hat, dass wir neue Fragestellungen aufwerfen und dass wir uns dann, hoffe ich doch, auf Seiten der Politik so viel Verständnis einholen, dass wir uns um Theresa May hoffentlich nicht mehr scheren müssen.

Keine Einschüchterung durch Verunsicherung

Seidel: Sie sind ja sicherlich auch im Austausch mit anderen deutschen Museen. Gibt es da auch Kuratoren, die sagen, Leihgaben aus Großbritannien, das ist uns zurzeit viel zu unsicher, da planen wir lieber Ausstellungen, die wir mit Bildern aus anderen Ländern bestücken können?

Arnhold: Es gibt eine sehr große Verunsicherung, aber es gibt – insofern bin ich froh über dieses Gespräch – auf der Kulturseite ein großes Bekennertum, dass Europa endlich auch mal an solchen Dingen im Bereich der Kultur diskutiert wird und nicht nur auf der wirtschaftlichen Ebene, die natürlich wichtig für uns ist, aber dass es klar wird, was die Beweglichkeit angeht, die Freiheit des Kulturaustausches und so weiter, wie immens wichtig dieser Bereich ist und wie viel zu selbstverständlich wir es in den letzten zehn, 20 Jahren genommen haben, natürlich auch mit einer Generation, die nie etwas anderes kennengelernt hat. Darum gilt es zu kämpfen, und auch darum machen wir solche Ausstellungen, und wir werden sie weiter machen. Wir planen jetzt schon mit der Tate Britain eine Ausstellung im Jahr 2023 und das zeigt ja im Grunde, dass wir im Augenblick – das ist ein bisschen auch der Mut der Verzweiflung – die Courage zeigen wollen, dass wir weitermachen wollen und dass wir uns nicht durch diese Verunsicherung einschüchtern lassen.

Seidel: Kämpferische Töne also aus Münster. Das war der Direktor des dortigen Museums für Kunst und Kultur, Hermann Arnhold, über den Brexit und die Folgen für die Museen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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