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StartseiteKalenderblattIm Exil verfemt und vergessen05.08.2015

Der Dichter Ivan BlatnýIm Exil verfemt und vergessen

Er wollte sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen: Ivan Blatný, ein gefeierter Dichter in der Tschechoslowakei, floh 1948 vor dem kommunistischen Regime nach Großbritannien. Doch dort konnte er nicht Fuß fassen, landete bald in der Psychiatrie. Erst kurz vor seinem Tod, heute vor 25 Jahren, kam Blatný wieder zu Ehren.

Von Annette Kraus

Die Nahaufnahmen einer Schreibfeder. (picture-alliance/ dpa / Hans Wiedl)
Ivan Blatný schrieb bis zuletzt Gedichte. Im Exil warf er auch viele weg. (picture-alliance/ dpa / Hans Wiedl)
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Späte Entdeckung

"The count"
The count left the castle
And went to the township bustle
Tired of loneliness.
Tired of deer-park walking,
he wants some more noise, more talking,
tired of playing chess.

England, 1978. Der Dichter Ivan Blatný sitzt am Strand von Ipswich und rezitiert. Bald darauf erscheint der Gedichtband "Alte Wohnsitze" beim kanadischen Exilverlag 68 Publishers. Es ist das erste Buch seit über 30 Jahren - eine Sensation. Denn Ivan Blatný war aus dem Kanon der tschechischen Literatur getilgt, sein Schicksal ungewiss. Im Februar 1948 hatten sich die Kommunisten in der Tschechoslowakei an die Macht geputscht. Drei Wochen später setzte sich Blatný von einer offiziellen Schriftstellerdelegation ab und blieb in London.

"Ich hätte nicht mehr schreiben können. Ich glaubte, von nun an müsse ich für die Kommunisten schreiben, politische Poesie - das garstige Lied der Politik, wie es Goethe genannt hat."

1945 war Blatný der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei beigetreten, aus Angst, wie er später sagt. Doch er wollte sich kein zweites Mal einer Diktatur beugen. Während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hatte Blatný 1941 mit dem Gedichtband "Melancholische Spaziergänge" seinen Durchbruch gefeiert.

"Und so ging ich wieder einmal durch die Stadt, die mir beschieden ist,
kühl und ausgeraubt bis zur Neige,
durch die Klosterstraße, wo die Bierfässer stanken.
Die Taubnesseln blühen dort und über die Mauer ragt der Holunder,
ein Verbannter wie ich,
an dem Müllhaufen nagt der Rost
im Herz der Schrecken vor Überdruß."

Blatnýs Fixpunkt war die mährische Stadt Brünn. Dort kam er 1919 als Sohn des Schriftstellers Lev Blatný zur Welt. Die Eltern verlor er noch als Kind. Mit dem Optikgeschäft der Großeltern war zumindest für das Auskommen gesorgt. Einen literarischen Ziehvater fand Ivan bald in dem surrealistischen Dichterfürsten Vitězlav Nezval. Mit 28 Jahren hatte er bereits fünf Lyrikbände publiziert. Dann kam der Bruch. Der Autor Martin Reiner hat vor kurzem einen umfangreichen Roman über Blatný vorgelegt. "Hier bei uns war er ein schöner, erfolgreicher und reicher Mann. Die Frauen haben ihn umschwärmt. Nach der Emigration war er ein Niemand. Er konnte die Sprache nicht, hatte kein Geld. Und die Angriffe auf seine Person waren schrecklich. Daran wären auch stärkere Personen zerbrochen."

Nach der Flucht bricht eine Schmutzkampagne über Blatný herein. Nezval bezeichnet ihn als "entarteten Dichter". Der Staatenlose versucht sich in London als Journalist, doch er kann nicht Fuß fassen. Mit der Diagnose "paranoide Schizophrenie" wird er 1954 ins Claybury Hospital in Essex eingeliefert.

Lange Zeit bringt er nichts zu Papier - zumindest blieb nichts erhalten. In den 1970ern wird die pensionierte Krankenschwester Frances Meacham zur Literaturvermittlerin. "Ich sagte zu ihm, ich habe gehört, Sie schreiben Gedichte. Er sagte, ja. Ich fragte, was machen Sie damit? Und er sagte: Ich schreibe sie, und dann werfe ich sie weg. Darauf meinte ich: Tun Sie das nicht. Ich werde jede Woche Papier und Stifte bringen. Und Sie werden aufheben, was Sie schreiben.“

Und Blatný schreibt. Tschechisch. Englisch. Deutsch. Wandert in Gedanken zurück nach Brünn. In surrealistischen Montagen tritt er in den Dialog mit der Weltliteratur und beschwert sich im nächsten Vers über das schlechte Essen in der Anstalt. “Ich bin der wertloseste Mensch der Welt", sagt Ivan Blatný. Aber auch: "Freiheit bedeutet nicht, dass man in den Bergen umherwandert. Ein Mensch kann irgendwo in einem Krankenhaus eingeschlossen sei, aber er lebt in einem freien Land, in dem die Nachrichten in den Zeitungen stimmen."

Als im Herbst 1989 das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei fällt, stehen die Besucher aus der Heimat Schlange in Clacton-on-Sea. Blatný in seiner kleinen Welt kann nicht viel damit anfangen. Er stirbt am 5. August 1990 im Alter von 70 Jahren in England.

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