Donnerstag, 14.11.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteKalenderblattJung, talentiert und voller Todessehnsucht30.08.2019

Der Dichter Jiří OrtenJung, talentiert und voller Todessehnsucht

Seine Werke musste der junge jüdische Dichter Jiří Orten unter Pseudonym veröffentlichen, denn die Tschechoslowakei war von den Nazis besetzt. Ihm blieben nur wenige Jahre, um seine Poesie voller Schmerz und Todessehnsucht aufzuschreiben. 1941 starb er unter dramatischen Umständen in Prag.

Von Annette Kraus

Nachtaufnahme, Blick über die Moldau, Karlsbruecke, Veitsdom in Prag,  (picture alliance / dpa / Eibner-Pressefoto)
Jiří Orten wurde am Kai der Moldau von einem Auto erfasst und starb wenig später (picture alliance / dpa / Eibner-Pressefoto)
Mehr zum Thema

Jáchym Topol: "Ein empfindsamer Mensch" Von rauen Typen und samtenen Revolutionen

Prag, 30. August 1941. Am Ufer der Moldau überquert ein junger Mann eilig die Straße. Er will Zigaretten holen beim Kiosk am Rašín-Kai.

"Ein fernes Licht. Und Angst. Und sie wird Böses bringen.
Mit seinen Rhythmen – sie verzögern nur den Fall –
souffliert mein Leib, der Heuchler, dies."

Der da schnell über die Straße läuft, ist der Dichter Jiří Orten. Am Abend will er mit Freunden seinen 22. Geburtstag feiern.

"Ein Licht, so fern. Und Angst. Und Böses bringt sie. Und es naht heran."

Orten wird von einem Auto erfasst

Orten wird erfasst von einem Sanitätsauto der Wehrmacht, das mit viel zu hoher Geschwindigkeit am Kai entlangrast. Prag ist seit 1939 von den Deutschen besetzt. Die Literaturwissenschaftlerin Marie Langerová:

"Ich denke, die Verbindung von Werk und Leben spielt bei ihm eine große Rolle."

Nach dem Unfall schleift das Fahrzeug den Verletzten meterweit mit. Im nächstgelegenen Krankenhaus wird er abgewiesen, weil er Jude ist. Ohne wieder zu Bewusstsein zu kommen, stirbt Orten zwei Tage später im Kateřinky-Spital.

"Natürlich schaffen diese Ereignisse, Ortens Selbstmitleid, seine Jugend und die Zeit, die er durchlebte, die Aura eines lyrischen Genies. Aber in seinem Werk, in seinem Ausdruck liegt eine solche Nüchternheit und Transparenz, die schützt ihn auch davor."

Erste Veröffentlichungen unter Pseudonym

In 22 Jahren hat sich Jiří Orten sein poetisches Universum geschaffen. Geboren am 30. August 1919 als Jiří Ohrenstein, erlebt er eine behütete Kindheit in Kutná Hora östlich von Prag. Die Eltern betreiben ein kleines Textilgeschäft. Mit 17 folgt er seinem älteren Bruder nach Prag und studiert ab 1937 Schauspiel am Konservatorium. Die ersten Veröffentlichungen in Zeitschriften unter seinem Künstlernamen Orten lassen aufhorchen.

"Dieses riesige Talent lag darin, dass sich Jiří Orten aus dem inneren Erleben, aus einer verletzlichen Haltung zum Leben heraus in eine Beobachterposition begeben hat. Es war schon fast eine Überempfindlichkeit."

"Am Schmutz erkennen wir uns.
Und am Grauen davor.
An der Landschaft.
An der Reue.
An der Sprache.
An der Stille."

Vier Gedichtbände publiziert Orten bis 1941. Möglich ist das nur unter Pseudonym und dank einflussreicher Förderer wie dem Literaturwissenschaftler Václav Černý. Und dann sind da seine Tagebücher, 1.600 eng beschriebene Seiten voller Beobachtungen, Reflexionen und Selbstzweifel. Ein Eintrag vom Dezember 1939:

"Und noch mehr fürchte ich, dass sich nie, niemals ein Anderer meiner Umlaufbahn nähern wird. Vielleicht wird er einige Punkte berühren. Vielleicht wird er sie durchstoßen und sich von innen dagegenstemmen. Doch die gesamte Bahn erfassen?"

Größere Popularität erst nach 1989

Nachdem die Beziehung zur Schauspielschülerin Věra Fingerová 1940 scheitert, zieht Orten sich noch stärker in die Literatur zurück, liest bis zu drei Bücher täglich.

"Die Zeit heilt nicht, wenn sie nicht will. Ein Scharlatan die Zeit", heißt es in seinen "Elegien" – Ortens Antwort auf Rilke erscheint erst posthum. 1940 muss er das Konservatorium verlassen, Juden im "Protektorat Böhmen und Mähren" wird das Hochschulstudium verboten.

"Ich darf nicht – das Haus nach acht Uhr abends verlassen,
Ich darf nicht – allein eine Wohnung mieten,
Ich darf nicht – anderswohin als nach Prag I oder V
übersiedeln, und das nur als Untermieter
Ich darf nicht – Weinstuben, Gastwirtschaften, Kinos, Theater und Konzerte besuchen, nur das eine oder andere Café, das für mich und meinesgleichen reserviert ist."

Im Oktober 1940 notiert Orten eine ganze Seite voller Verbote gegen die jüdische Bevölkerung. Nur einen Monat nach seinen Tod  beginnen die Deportationen. Eine größere Leserschaft gewinnt Orten erst nach dem Krieg, sein Ton scheint die Stimmung der Okkupation genau einzufangen. Doch die Rezeption wird bald unterbrochen.

Erst nach der Samtenen Revolution 1989 tritt Jiří Orten wieder hervor aus seiner Nische, seine Werke stehen heute auf den Lehrplänen der Schulen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk