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StartseiteKalenderblattExzentrischer Eremit04.06.2020

Der Dramatiker Georg Kaiser Exzentrischer Eremit

Nicht genug gewürdigt, leicht gekränkt, gereizt, unterschätzt: So liest sich Georg Kaisers Stimmung in zahlreichen Briefen an Kollegen, Verleger, Freunde - obwohl er einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands war. Seit der Nachkriegszeit scheint er fast völlig vergessen worden zu sein.

Von Cornelie Ueding

Der deutsche Dramatiker Georg Kaiser, Fotografie von Trude Geiringer/Dora Horovitz um 1930  (picture-alliance / Imagno)
Der deutsche Dramatiker Georg Kaiser um 1930 (picture-alliance / Imagno)
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Früheste epische Theaterformen neben Revuen und historischen Stücken, Expressionismus, Neuer-Mensch-Pathos, Musicals, Klamotte und neue Sachlichkeit – Georg Kaiser war einer der vielseitigsten und erfolgreichsten Dramatiker der zwanziger Jahre. Doch als er wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 4. Juni 1945 in Ancona im Schweizer Exil starb, war er nur noch wenigen bekannt. Dabei war der 1878 in Magdeburg geborene Kaufmannssohn bei Leibe kein verkanntes Genie, sondern ein hochproduktiver Autor, von dem allein zwischen 1917 und 1933 40 Stücke uraufgeführt wurden.

"Fertiges, Vollendetes existiert eigentlich nicht mehr für mich. Es ist erledigt. Ich habe nicht Zeit, dabei genießend oder auch nur beurteilend zu verweilen. Ja, es geht mich kaum mehr etwas an, wie meine Arbeiten vom Publikum aufgenommen oder vom Schauspieler gespielt werden. Ich kann nicht stehen bleiben. Meine Zeit drängt."

Kritiker des beschleunigten Lebens

Es entbehrt nicht der Ironie, dass Kaiser selber wie gehetzt schrieb, immer noch schneller, noch vielseitiger - und damit genau das tat, was seine Zeit ihm abverlangte - und was er als Geißel der Zeit anprangerte:

"Solange wir den Fluch des Tempos und die Bequemlichkeit von Auto, Telefon, Flugzeug und Radio als Segnungen der Technik akzeptieren und unseren lebendigen Menschenorganismus vom toten Mechanismus der Maschine unterjochen lassen, so lange muss der technischen Persönlichkeit auch in der Kunst das Existenzrecht zugestanden werden. Ziel des Seins ist der Rekord, Rekord auf allen Gebieten."

In einem seiner ersten erfolgreichen Dramen "Von morgens bis mitternachts" von 1917 benötigt der Protagonist denn auch gerade mal einen halben Tag, um alle Stadien des Lebens zu durchlaufen: Betrug, Fluchtversuch, Todesahnung, Bad in der Menge, Ballhaus, Heilsarmee, Knast, Selbstmord. Der Theaterkritiker Günther Rühle diagnostizierte in seinem Buch "Theater für die Republik":

"Bildvisionen jagen sich, die Folge szenischer Fetzen führt fast schon zum Film. Um der Abgenutztheit der überlieferten Sprache zu entkommen, wird die Sprache verkürzt, auf Ausdrucksstummel reduziert. Gleichzeitig wird die Sprache emotionell aufgeladen. Wird ihr Richtung und Stoßkraft gegeben. Statt Wortrationalität nun Wortrhythmus. Tongebäude. Und wer sind noch die dramatischen Personen? Signaturen von Typen, Verhältnissen, Empfindungen. Personifikationen."

Zwischen Existenznot, Größenwahn, Skandal und Bankrott

Doch Georg Kaiser war alles andere als nur ein "Kind seiner Zeit". Der Ausnahmekünstler sah sich auch als Ausnahmemensch; als Antipode der "Masse Mensch" und Außenseiter. Nicht bittend, sondern fordernd. Nicht nur an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer schrieb er Briefe wie diesen:

"Unser Vertrag muss verändert werden. Er lähmt meine Lust an der Arbeit, deren Verwertung von Ihnen nicht richtig ausgeführt wird. Nach meiner Überzeugung ist Ihr Verlag noch nicht reif für einen Autor meines Ausmaßes."

Am Rande der Gesellschaft lebend, schrieb er für ihr Zentrum. Seine Stücke sind Seismograph der roaring twenties und Sprengstoffanschlag in einem. So in seiner großartigen Trilogie GAS - einer düsteren Vision über die endgültige Vernichtung des Menschen durch menschliche Technologie:

"Ein Zischlaut zerspleißt die Stille draußen. Malmender Donner kracht kurz los. Die Schlote knicken und fallen um. Rauchlose Ruhe. Das große Fenster prasselt mit Scherbenregen in den Raum."

Taktik und Rücksichtnahme waren nicht die Sache des exzentrischen Eremiten Kaiser, der zwischen Existenznot, Größenwahn, Skandal und Bankrott alle Register zog: ob auf der Bühne oder im wirklichen Leben.

In der Schusslinie der Nazis

Sein Wintermärchen "Silbersee" mit Musik von Kurt Weill geriet in die Schusslinie der Nazis, die 1933 diese an drei Bühnen gleichzeitig laufende Warnung vor der Machtergreifung boykottierten und absetzen ließen. Erst kurz vor einer drohenden Hausdurchsuchung durch die Gestapo setzte sich Kaiser in die Schweiz ab - und entfachte 1940 in Zürich mit dem Stück "Der Soldat Tanaka" einen weiteren Skandal. Bis zu seinem Tod 1945 arbeitete er unaufhörlich weiter, getreu dem Motto:

"Wenn ich in letzter Zeit so viele Werke geschrieben habe, so geschah es nicht, um nicht wahnsinnig zu werden, sondern um wahnsinnig zu werden. Diese Art des Selbstmordes erschien mir die würdigste. Doch ich überstand die Schöpfung meiner Werke."

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