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StartseiteForschung aktuell"Der Effekt ist real da"07.01.2011

"Der Effekt ist real da"

Ist die Parapsychologie auf dem Vormarsch?

Hält die Parapsychologie nun Einzug in die ernsthafte Wissenschaft? Ein Artikel über hellseherische Fähigkeiten wird zumindest in der Fachzeitschrift "The Journal of Personality and Social Psychology" publiziert.

Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Gespräch mit Monika Seynsche

Kann die Zukunft in irgendeiner Weise Einfluss auf die Gegenwart haben?  (AP)
Kann die Zukunft in irgendeiner Weise Einfluss auf die Gegenwart haben? (AP)
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Monika Seynsche: Konnte er wirklich? Das ist die Frage. Zumindest die Gutachter der Zeitschrift "The Journal of Personality and Social Psychology" sind überzeugt: Er konte. Der Artikel wird publiziert werden, er ist schon jetzt im Internet zugänglich und mein Kollege Volkart Wildermuth hat ihn gelesen. Herr Wildermuth, hat Daryl Bem Sie überzeugt?

Volkart Wildermuth: Ja und nein, muss ich sagen. Also die Experimente sind sauber durchgeführt. Das sind wirklich klassische psychologische Experimente, die er so ein bisschen umgedreht hat. Da gibt es eigentlich nichts dran zu rütteln. Die wurden auch alle mit dem Computer gemacht. Also Daryl Bem hatte keine Möglichkeit, die Probanden irgendwie unbewusst zu beeinflussen. Er hat auch - anders als diese üblichen PSI-Studien - mit großen Mengen von Leuten gearbeitet, insgesamt über 1000. Also viel Datenmaterial zum Auswerten. Auch das spricht für seine Arbeit. Er hat im Grunde alle wissenschaftlichen Standards in der Psychologie eingehalten. Und da muss man sagen: Der Effekt ist real da. Man muss nur sagen, er ist nicht so besonders groß. Aber auf der anderen Seite: Die Größenordnung liegt etwa in dem Bereich, wo auch der Einfluss von Passivrauchen auf Lungenkrebs liegt oder der Schutzfaktor von Aspirin gegen Herzinfarkt - also das sind durchaus Effekte, die im normalen Leben eine Rolle spielen. Und wenn das jetzt tatsächlich so ist, dass die Zukunft einen Einfluss auf die Vergangenheit hat, dann gibt es da draußen deutlich mehr, als sich die Schulweisheit und die Physik träumen lassen. Und solche außergewöhnlichen Behauptungen brauchen auch außergewöhnliche Belege. Und ich denke, da reicht eine Arbeit alleine sicher nicht aus. Und insofern bin ich wirklich nicht ganz überzeugt.

Seynsche: Scheinbar haben ja auch die Herausgeber dieser Zeitschrift ein gewisses Unbehagen gespürt. Denn Sie haben Kritiker zu Wort kommen lassen. Schaffen die es denn, diese hellseherischen Fähigkeiten der Probanden wegzuerklären?

Wildermuth: Ja, sie können zumindest einige Zweifel sähen. Es gibt im Grunde vier Argumente: ein theoretisches, ein praktisches und zwei statistische. Zuerst mal theoretisch bemängeln viele, dass Daryl Bem keinen plausiblen Mechanismus für seine PSI-Experimente angeben kann. Da sollte man aber nicht so streng sein. Denn man muss bedenken: Auch Isaac Newton konnte keinen Mechanismus für seine Gravitationskraft angeben. Er hat sie einfach beschrieben. Und da sollte man von Daryl Bem auch nicht mehr erwarten. Den Mechanismus können dann andere aufklären. Praktisch spricht gegen die von Daryl Bem vorgeschlagene Ahnung an die Zukunft, dass die Casinos in Las Vegas immer noch gut verdienen. Das würden die aber nicht, wenn die Spieler tatsächlich fühlen könnten, wohin die Kugel rollt. Dafür muss man die Zukunft auch nicht perfekt vorhersagen. Eine Trefferwahrscheinlichkeit von 53,1 Prozent statt 50 Prozent, das würde für einen satten Gewinn mehr als ausreichen. Also solange die Casinos noch gewinn machen, scheint PSI im realen Leben wirklich keine große Rolle zu spielen.

Seynsche: Und was ist mit der statistischen Kritik?

Wildermuth: Nehmen wir diese erotischen Bilder. Daryl Bem hat auch andere Bilder getestet. Aber bei denen hat er nichts gefunden. Und in der Analyse beschränkt er sich deshalb auf diese Erotika. Das klingt plausibel: Was könnte mehr zur Wahrsagerei anregen als Sex? Aber trotzdem ist diese Einschränkung im Nachhinein unsauber. In großen Datenmengen, wie er sie erzeugt hat, gibt es immer zufällige Schwankungen. Und wenn man sich im Nachhinein sagt, okay, ich kümmere mich nur um diese kleine positive Gruppe, dann ist das so, als ob man mit einem Pfeil schießt, und die Zielscheibe außen herum malt. Also das ist so ein bisschen schwierig. Und deshalb ist eigentlich die Forderung an wissenschaftliche Publikationen, dass man vorher genau sagt, was man analysieren will. Aber da halten sich längst nicht alle dran. Das andere statistische Argument bezieht sich auf die Analysemethode: Bem benutzt da den Standardweg und der fragt: Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Ergebnisse durch puren Zufall entstanden sind? Und wenn diese Wahrscheinlichkeit unter fünf Prozent liegt, dann heißt das, das Ergebnis ist bedeutsam. Und diesen Test passieren Bams Experimente ohne Probleme. In der Zwischenzeit wird aber ein anderer statistischer Ansatz eher bevorzugt. Der ist nach Thomas Baynes benannt, einem englischen Pfarrer aus dem 18. Jahrhundert. Und der fragt, wie man seine bisherige Einschätzung einer Frage im Licht neuer Daten verändern soll. Und angewandt auf die Experimente von Bam, lautet das Ergebnis, seine Daten stärken die PSI-Position kaum. Danach wäre es also verfrüht zu sagen, dass das physikalische Weltbild infrage gestellt werden muss. Stattdessen fordern einige Wissenschaftler, generell die Standards der psychologischen Forschung höher zu setzen - nach dem Motto: Wenn dieser Artikel alle Voraussetzungen erfüllt, dann kann wohl etwas mit unserem Verfahren nicht stimmen.

Seynsche: Diese Forderung geht aber ziemlich ans Eingemachte, oder?

Wildermuth: Ja genau. Letztlich geht es hier um die Frage: Was würde man überhaupt als Beleg für PSI-Phänomene akzeptieren. Daryl Bem hat sich wirklich an alle etablierten Forderungen der Forschung gehalten. Und da kann man jetzt schlecht sagen: In diesem einen Fall legen wir die Messlatte höher. Es gibt viele Studien, die genau wie er erst im Nachhinein sagen, darauf wollen wir uns konzentrieren. (...) Natürlich kann man jetzt sagen, die Methode von Thomas Baynes wäre eigentlich besser. Aber das kann man jetzt nicht an diesem einen Artikel festmachen. Und deshalb: In der Diskussion im Internet, die wirklich sehr lebhaft über diesen Artikel ist, haben manche gesagt, man sollte das gar nicht veröffentlichen, das darf man eigentlich gar nicht. Aber die meisten sagen, er hat sich an die Regeln gehalten und deshalb gehört das jetzt auch wissenschaftlich publiziert.

Seynsche: Muss man denn daraus schließen: Es gibt parapsychologische Phänomene, also diese PSI-Phänomene, sprich: Kann man auch nach der Klassenarbeit erst anfangen zu lernen?

Wildermuth: Nein, das ganz sicher nicht. Denn erstens: Egal, was Bam sagt, egal, wie viel man nachher lernt. Das Ergebnis steht ja schon fest. Also da kann man letztlich nichts rausholen. Und das Zweite ist: Die Arbeit von Daryl Bem hat zwar alle wissenschaftlichen Voraussetzungen erfüllt, sie ist publiziert worden, aber das heißt nicht unbedingt, dass der Effekt auch real ist. Die wissenschaftliche Literatur ist voll von Dingen, die erst statistisch bedeutsam aussehen und sich danach nicht bestätigen. Also ich würde sagen: Erst, wenn diese Ergebnisse wiederholt werden und nochmal wiederholt werden und nochmal wiederholt - dann sollte man daran denken, dass physikalische Weltbild zu verabschieden. Danach sieht es im Moment nicht aus. Es gibt drei erste Versuche, die zu wiederholen. Die haben alle nichts erbracht. Für mich zeigt die Arbeit zweierlei. Erstens: Es gibt tatsächlich saubere Wege, mit denen sich auch PSI erforschen lässt. Und zweitens: Vieles, was in der Fachliteratur steht, sollte man mit genauso viel Skepsis angehen wie diese Experimente zum Einfluss der Zukunft auf die Gegenwart.

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