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StartseiteTag für TagDer Elefantengott Ganesha im Hinduismus19.09.2012

Der Elefantengott Ganesha im Hinduismus

Ein Glücksbringer, der Hindernisse aus dem Weg räumt

Wer nach Indien reist, begegnet ihm überall: Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf. Nicht nur in Tempeln sieht man seine Bildnisse oder Statuen. Als "Überwinder von Hindernissen" fährt er auf dem Armaturenbrett vieler Autos durch die Großstädte. Ganesha gehört zum Hausaltar jeder Hindufamilie. Er ist einer der beliebtesten Götter in Indien.

Von Luise Thuß

Ganesha ist einer der beliebtesten Götter in Indien. (dpa/EPA/JAGADEESH NV)
Ganesha ist einer der beliebtesten Götter in Indien. (dpa/EPA/JAGADEESH NV)

Es gibt kein hinduistisches Ritual, in dem Ganesha nicht zuerst um Beistand gebeten wird. Bei Einschulungen, Geschäftsabschlüssen, vor Abschlussexamen oder Eheschließungen ruft man ihn an. Er ist der Glücksbringer bei allen guten Unternehmungen, denn er räumt Hindernisse aus dem Weg. Materielle wie geistige. Das macht ihn so vielseitig, betont Wiebke Lobo, Leiterin der Südasienabteilung des Ethnologischen Museums Berlin.

"Ganesha ist der Gott der Weisheit, der Wissenschaften und der Künste. Für Schulkinder ist er von großer Bedeutung. Als Erstes lernen sie eine Hymne an ihn, damit er das Lernen befördert. Ganesha ist auch sehr wichtig für die verschiedenen Lebensstadien. Und vor allen Dingen für die Übergänge von einem Lebensstadium ins andere. Wenn man als junger Mensch sich entscheidet zu heiraten, dann muss Ganesha zur Hochzeitszeremonie angerufen werden, damit er Glück bringt, damit er das junge Paar schützt und damit er diesen Übergang in ein ganz anderes Lebensstadium begleitet."

Unzählige Mythen erzählen, wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam. Eine der bekanntesten berichtet, dass er von der Göttin Parvati geschaffen wurde. Ihr Gemahl, Gott Shiva, hatte sich als Asket zur Meditation in den Himalaja zurückgezogen. Sie war einsam und wünschte sich ein Kind. So formte sie Ganesha. Der bewachte Parvati an der Tür vor den Blicken Fremder. Als Shiva nach Jahren zurückkam, ließ Ganesha den Fremden nicht ein. Shiva schlug ihm erzürnt den Kopf vom Leib. Seine Gemahlin war erbost und forderte von ihrem Gemahl, Ganesha wiederherzustellen. Doch sein Kopf fand sich nicht wieder. So versprach Shiva, ihm den Kopf des ersten Wesens zu geben, das ihm begegnete. Es war ein Elefant.

"Die ganze Gestalt Ganeshas ist symbolisch aufzufassen. Sein großer Elefantenkopf bedeutet Intelligenz. Und diese Intelligenz sollte so sein wie der Rüssel, nämlich gleichzeitig stark und sensibel. Der Elefantenrüssel kann einen Baum ausreißen und einen Grashalm zart aufheben vom Boden. Das bedeutet Unterscheidungsvermögen. Und dies ist ein ganz wichtiges Ziel in der indischen Philosophie: zu unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig, gut und böse. Das repräsentiert Ganesha."

Ganesha-Statuen gibt es aus Stein, Bronze, Elfenbein, Gips, Ton, ja sogar aus Pappmaché und Plastik. Meist sitzt der elefantenköpfige Gott auf einem Thron und trägt eine Krone. Manchmal steht oder tanzt er auch. Damit Ganesha wie jeder andere Hindugott in seinem Abbild verehrt werden kann, wird dieses durch ein Ritual belebt.

"Das ist die sogenannte 'Augenöffnungszeremonie', in der auch der Atem eingegeben wird. Und von diesem Moment an, nach dieser Zeremonie, sind die Gottheiten erst in den Figuren präsent. Und dann sind sie auch tatsächlich dort anwesend, und die Gläubigen können direkten Kontakt mit Ihnen aufnehmen."

Ganesha wird an jedem vierten Tag nach dem Voll- oder Neumond rituell verehrt. In vielen Teilen Indiens ist dem populären Gott außerdem ein eigenes Fest gewidmet. Es entstand in Pune, im Bundesstaat Maharashtra, vor 110 Jahren. Indiens Nationalheld Bal Gangadhar Tilak wollte alle Hindus in einem großen Volksfest einen und auf die Straße bringen. Als antibritische Aktion. Aber auch als Abgrenzung von den Muslimen. Seit 1893 wird das Fest gefeiert. Der Religionswissenschaftler Johannes Beltz vom Museum Rietberg in Zürich war mehrmals in Pune mit der Kamera dabei.

"Das ist so, dass sich die Leute am Anfang eine Ganesha-Figur nach Hause holen, dass Ganesha-Figuren in Schreinen, in Festzelten aufgestellt werden, dass Ganesha für zehn Tage präsent ist. Er ist für 10 Tage bei den Leuten zuhause und für zehn Tage in den Schreinen anzuschauen und anzubeten. Und am Ende des Festes gibt es eine große Abschlussprozession, einen großen Umzug, an dem die Ganesha-Figuren alle zu einem Gewässer gebracht werden und dort versenkt werden."

Was zu ziemlichen Umweltproblemen führt. Ganze Städte Maharashtras leben davon, jährlich Hunderttausende von Kultfiguren herzustellen. Beim Ganesha-Fest mischen sich Religion, Kommerz und politische Propaganda. Die Festzelte erinnern Johannes Beltz an Schaubuden mit bewegten Figuren, Lichtreflexen und lauter Musik. Die Installationen behandeln meist Themen aus der Mythologie. Doch nicht nur.

"Es gibt Kampagnen zur Alphabetisierung, es wird zum Impfen aufgerufen, politische Probleme mit Pakistan werden dargestellt, Gipfeltreffen zwischen indischen und pakistanischen Ministerpräsidenten, Atomraketentest, alles Mögliche, was irgendwo wichtig gewesen ist in Indien, kommt dann auf eine dieser Bühnen."

Gestaltet werden die Szenen von Vereinen aus den einzelnen Stadtteilen. Natürlich versuchen auch politische Parteien, das Fest für ihre Kampagnen zu nutzen. Vor allem, wenn eine Wahl vor der Tür steht. Hindunationalisten feiern ihre Helden, werben für indische Zahnpasta oder lassen, wie nach dem pakistanisch-indischem Krieg auch schon mal Ganesha in Generalsuniform auf einem Panzer fahren.

" Und da zieht dann abends die Stadtbevölkerung von Pune von Schaubude zu Schaubude und schaut sich das an. Und das ist dann das große Event in diesem Jahr. Und am Ende des Festes werden die Ganeshas aus den Installationen herausgenommen, auf Festwagen gesetzt und alle zum Wasser gefahren und versenkt."

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