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StartseiteKalenderblattDer Engel mit krummen Beinen20.01.2008

Der Engel mit krummen Beinen

Vor 25 Jahren starb der Fußballer Manoel Francisco dos Santos

"O Futebol", der Fußball, das ist für die Brasilianer mehr als ein Sport, eher eine Religion. Die Fußballstars werden daher gelegentlich wie Heilige verehrt. Einer von ihnen war Manoel Francisco dos Santos, auch Garrincha genannt. Er holte 1958 und 1962 gemeinsam mit Pelé den Weltmeistertitel für Brasilien. Doch als er vor 25 Jahren starb, war sein Ruhm längst vergessen.

Von Ole Schulz

Brasilianische Fußballfans bei der WM 2006. (AP)
Brasilianische Fußballfans bei der WM 2006. (AP)

Er hatte stets eine Schräglage. Ständig schien es so, als würde er sein Gleichgewicht verlieren. Doch Garrincha fiel fast nie. Weil er ein O- und ein X-Bein hatte, wurde der Dribbelkünstler in Brasilien "der Engel der krummen Beine" genannt. Andere riefen ihn die "Freude des Volkes". Und der Dramatiker Nelson Rodrigues, ein leidenschaftlicher Fußballfan, hat Garrincha den Charlie Chaplin des Fußballs getauft.

Genauso slapstickartig sah es aus, wenn der tanzende Derwisch mit dem Ball an seinen Gegenspielern vorbeizog. Unter dem bürgerlichen Namen Manoel Francisco dos Santos wurde Garrincha am 28. Oktober 1933 geboren. Um ein Haar wäre er nie in der Nationalmannschaft gelandet, denn ein Teampsychologe hatte Garrincha im Vorfeld der Weltmeisterschaft 1958 attestiert, geistig zurückgeblieben zu sein. Nelson Rodrigues erwiderte empört:

"Die Gesetze von Gut und Schlecht gelten für Garrincha nicht. Wir alle sind Opfer unseres Verstandes. Garrincha dagegen hat nie nachdenken müssen. Garrincha denkt nicht. Bei ihm läuft alles über den Instinkt und deshalb ist er immer als erster da. Und jetzt stellen sie sich vor: Man hat diesen Mann geistig zurückgeblieben genannt!”"

"Mané" Garrincha: 1958 und 1962 wurde er mit Brasilien zweifacher Weltmeister. In Brasilien sagt man Pelé werde zwar geschätzt - verehrt und vergöttert werde aber allein Garrincha. Der Schriftsteller Ruy Castro hat eine Biografie über Garrincha geschrieben:

""Er war der amateurhafteste Fußballer, den der professionelle Fußball je hervorbringen sollte. Sein Spaß am Fußball hatte nichts mit Toren oder Siegen und noch nicht einmal mit Geld zu tun. Garrincha hatte einfach Spaß am Dribbeln."

Doch Garrinchas Leben war auch voller Tragik und Schicksalsschläge. Als er die Liebe seines Lebens traf, die Samba-Sängerin Elza Soares, neigte sich Garrinchas Karriere bereits dem Ende zu - er hatte Knieprobleme und war dem Alkohol verfallen. Das bürgerliche Brasilen war empört. Ruy Castro:

"Es war ein komplett ungerechtes Urteil. Er wurde verurteilt, weil er seine Familie in dem kleinen Städtchen Pau Grande verlassen hatte, immerhin sieben Kinder - ein weiteres erwartete seine Frau. Für viele war es seinerzeit noch ein schweres Vergehen, dass er seine Ehe aufgab - und das auch noch für eine verruchte Sängerin. Darum wurden die beiden heftig attackiert."

Garrincha spielte beim Verein Botafogo in Rio de Janeiro, wo er die Massen verzückte. Doch schon Mitte der sechziger Jahre hielt sein Körper den Belastungen des Profifußballs nicht mehr stand.

"Der Fußball heute ist natürlich viel athletischer als damals, aber wenn Garrincha ein Training gehabt hätte, wie es heute üblich ist, dann würde er zehn Mal besser spielen als zu seiner Zeit. Damals gab es keine gelben Karten - Garrincha wurde getreten, gefoult und am Trikot gezogen, ohne dass das geahndet wurde. Heute würden ihn die Schiedsrichter besser schützen."

Im Vergleich zu Pelé gibt es nicht viele Filmaufnahmen von den Kabinettstückchen Garrinchas. Dafür wurden ihm viele musikalische Denkmäler gesetzt - so zum Beispiel das Lied ”Balançamba”. Der Titel spielt mit den Wörtern ”balançar”, balancieren - und Samba: Wer nicht zu tanzen wisse, der solle es sich von Garrincha zeigen lassen.

Im privaten Leben fand Garrincha sein Gleichgewicht leider nie wieder: Er starb am 20. Januar 1983 49-jährig an einer Alkoholvergiftung.
Der brasilianische Dramatiker Nelson Rodrigues:

"Wir hatten das Lachen verlernt. In dieser Zeit lebten wir verwaist und verlassen. Ohne seinen dynamischen, akrobatischen, dionysischen Fußball waren wir achtzig Millionen Waisen."

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