20 Jahre Euro Die letzte Klammer der EU

Den vor 20 Jahren als Bargeld eingeführten Euro möchte kaum jemand in Europa missen, kommentiert Brigitte Scholtes. Doch seien immer größere Anstrengungen nötig, damit der Euroraum zusammenhalte. Denn die gemeinsamen Werte, die dahinter stehen, würden längst nicht mehr von allen geteilt.

Ein Kommentar von Brigitte Scholtes | 03.01.2022

20-Euro-Geldscheine auf einer Europaflagge. Vor 20 Jahren wurde der Euro als Bargeld eingeführt
20-Euro-Geldscheine auf einer Europaflagge. Vor 20 Jahren wurde der Euro als Bargeld eingeführt (imago images/Xinhua)
Vor 20 Jahren war es noch neu – das Gefühl, eine Euro-Münze oder eine Euro-Banknote in Händen zu halten, vor allem aber, damit in allen Mitgliedsstaaten des europäischen Währungsraums zahlen zu können. Ohne lästiges Wechseln beim Reisen, ohne Umrechnen von Franc oder Lira in die DM. Das ist inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden. Den Euro als Bargeld mag man kaum missen. Doch immer größere Anstrengungen sind nötig, damit der Euroraum zusammenhält – so wichtig die Klammer der einheitlichen Währung auch ist.

Konflikte über demokratische Grundwerte

Denn dessen Anziehungskraft ist bei weitem nicht mehr so groß wie vor zwei Dekaden. Das gilt schon für die Europäische Union, wie der Brexit gezeigt hat. In den letzten Jahren aber hat auch der anfänglich so starke Drang der osteuropäischen Staaten hin zum Euro deutlich nachgelassen. Sie glauben, sich allein besser entwickeln zu können. Zwischen der EU und Polen, auch mit Ungarn haben sich in den letzten Jahren zudem immer deutlichere Konflikte über die demokratischen Grundwerte entwickelt.
Der Euro hat in den vergangenen zwei Dekaden zahlreiche Krisen durchlebt. Ohne die Worte des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi wäre der Euroraum wohl schon 2012 zerbrochen. Aber dieser Zusammenhalt war nur möglich, weil man die mit Beginn der Währungsunion festgelegten Spielregeln fast bis zum Zerreißen gedehnt hat.

Man wurschtelt sich durch

Die Vorteile des gemeinsamen Währungsraums sehen die Mitgliedsländer durchaus: sie profitieren allein schon von dessen schierer Größe. Doch gleichzeitig scheuten und scheuen immer mehr Staaten die Mühe, nochmals über die Bedingungen, die Werte und Prinzipen zu sprechen, unter denen man zusammenarbeiten möchte. Jüngstes Beispiel: Die Taxonomie-Diskussion. Über das, was als nachhaltig gilt, ob auch Atomkraft dazu zählt, hat man etwa in Frankreich und Deutschland andere Vorstellungen. Und wie löst die EU-Kommission das? Sie veröffentlicht ihre Vorschläge zu den neuen Nachhaltigkeitsregeln fast klammheimlich in der Silvesternacht. Ein deutliches Zeichen, wie gering auch auf dieser Ebene die Bereitschaft zum Diskurs und zur Diskussion ist. Man wurschtelt sich halt so durch.
Ein solcher Pragmatismus aber ist keine Basis für ein weiter gedeihliches Miteinander. Die Regierenden in den Mitgliedsländern und in der EU-Kommission müssen ihrer Pflicht nachkommen, wieder neu auszudiskutieren, auf welcher Basis man zusammenleben möchte. Geschieht das nicht bald, dann verliert der Euroraum nicht nur wirtschaftlich in der Welt, er verliert auch den Anspruch, seine Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Vorbild in der Welt zu präsentieren. Damit aber erodiert die wichtigste Basis des friedlichen Zusammenlebens. Nur gemeinsam ist Europa stark. Allein ist jedes Land, selbst Deutschland oder Frankreich, zu klein.
Brigitte Scholtes
Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)
Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat.