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StartseiteKommentare und Themen der WochePutin will sich unsterblich machen 10.03.2020

Der ewige Präsident Putin will sich unsterblich machen

Eine Verfassungsänderung soll es Russlands Präsident Wladimir Putin ermöglichen, auch nach dem Ende seiner vierten Amtszeit wieder zu kandidieren. Putin selbst sieht sich als Garant für Stabilität. Gegenüber den vielen klugen Köpfen, die Russland bereichern, eine Zumutung, meint Thielko Grieß.

Von Thielko Grieß

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Wladimir Putin am Rednerpult im Parlament  (dpa/ picture alliance/ XinHua)
Wladimir Putin am Rednerpult im Parlament (dpa/ picture alliance/ XinHua)
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Moskau ist sehr reich an Theatern, von denen viele sehr gute Inszenierungen im Spielplan haben. Das interessanteste Stück aber spielt zurzeit auf den Bühnen der russischen Staatsmacht, mal im Kreml, mal im Verfassungsgericht, heute in der Staatsduma, dem russischen Parlament.

Eine Abgeordnete, die früher Kosmonautin war, meldet sich zu Wort und berichtet: Seit sich das Land mit den anstehenden Verfassungsänderungen beschäftige, hätten viele Bürger darum gebeten, dass Wladimir Putin an der Macht bleiben solle.

Und als hätte der Angesprochene es vorhergesehen, schaute er wenig später im Parlament vorbei, hatte eine Rede bei sich und erklärte: Wenn das Volk es wünsche, dann sei er dafür, dass auch der amtierende Präsident, von dem er in der dritten Person sprach, bei der nächsten Wahl wieder antreten dürfe.

Die Duma führt Putins Wünsche aus

Und als ob es noch eines Belegs bedurft hätte, dass das aktuelle russische Parlament nicht viel debattiert, sondern umgehend die Wünsche des Kremlherrn erfüllt, nahm es die Anregung der früheren Kosmonautin flugs in das Paket der Verfassungsänderungen auf.

Russlands Politik besteht weitgehend aus solchen Inszenierungen, deren Regisseur und wichtigster Schauspieler ein und dieselbe Person ist: Wladimir Putin. Das Problem daran ist allerdings, dass seine Zuschauerinnen und Zuschauer nicht gefragt werden, ob sie das Schauspiel ansehen wollen oder nicht. Und anders als im Theater nimmt sein Verlauf direkten Einfluss auf das Leben der Bürger im Land.

Putin hält sich für unersetzlich

Putin argumentiert, das Land benötige Stabilität, jetzt und in den nächsten Jahren. Er selbst sei dafür Garant. Das ist gegenüber den vielen klugen Köpfen, die Russland bereichern, eine Zumutung. Der Präsident hält sie offenbar für nicht talentiert genug, nicht kreativ und weise genug, die Geschicke ihrer Föderation selbst in die Hand zu nehmen.

Wladimir Putin lebt schon lange in einer Blase, die viele führende Politiker in vielen Ländern umgibt – Gespräche und Begegnungen mit Menschen auf der Straße, die nicht eigens für ihn organisiert wurden, sind ihm seit vielen Jahren nicht mehr möglich. Man merkt es an Tagen wie diesen. Denn sonst käme er nicht auf solche Ideen.

Putin hat mit seiner Politik versagt

Übrigens folgt der Präsident mit seiner Argumentation einer merkwürdigen Logik: Er regiert ja nun schon in verschiedenen Funktionen mehr als 20 Jahre, und hätte Russland überhaupt einen Lehrmeister wie ihn nötig gehabt, dann hätte er genügend Möglichkeiten gehabt, die Gesellschaft an friedlichen politischen Streit und Ausgleich von Interessen zu gewöhnen. Die Zeit dafür hat er nicht genutzt.

All dies war noch nicht der letzte Akt. Niemand weiß zwar, was der Regisseur für die nächsten Monate und Jahre plant. Nur eines steht fest: In Personalunion bleibt bis auf weiteres er Autor und zentraler Darsteller. Das Land wird weiter zuschauen – müssen.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

  

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