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Startseite@mediasres"Auf unsere Nachfrage kam dann irgendwann gar nichts mehr"16.11.2020

Der Fall Lorenz Caffier"Auf unsere Nachfrage kam dann irgendwann gar nichts mehr"

Eine Jagdwaffe, ein rechtsextremes Netzwerk und viele Fragen – dass in der Öffentlichkeit aktuell über Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier diskutiert wird, ist der Berliner "Tageszeitung" zu verdanken. Die Recherchen waren alles andere als ein Selbstläufer, sagte "taz"-Reporterin Christina Schmidt im Deutschlandfunk.

Christina Schmidt im Gespräch mit Brigitte Baetz

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Lorenz Caffier (CDU), der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern (picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa)
Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier stand im Zentrum monatelanger Recherchen (picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa)
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Brigitte Baetz: Hat der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, einem Mann eine Waffe abgekauft, der Verbindungen in rechtsradikale Kreise hat? Dieser Frage ging die kleine Berliner "taz", die "Tageszeitung", nach – und zwar neun Monate lang. Inzwischen wissen wir: Ja, der Innenminister eines Bundeslandes hat sich eine Waffe bei mutmaßlichen Rechtsradikalen besorgt, was er als seine Privatsache betrachtet. Christina Schmidt ist Reporterin im Rechercheressort der "taz" und hatte sich der Angelegenheit angenommen.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Christina Schmidt: Das war ein Gerücht, was wir gehört hatten. Wir sind seit ungefähr drei Jahren an der sogenannten Nordkreuz-Causa dran, einer Prepper-Gruppe, in der Rechtsextreme sich auf einen Tag X vorbereiten. Und manchen von denen wird eben auch vorgeworfen, dass sie Terror-Attentate geplant haben sollen. Und mit dieser Sache haben wir uns beschäftigt und in dem Zuge festgestellt, dass das Innenministerium sehr wenig tut, um seinerseits Licht ins Dunkel zu bringen. Was wir aber durchaus als deren Aufgabe gesehen haben, weil diese Prepper-Gruppe Verbindungen in die Polizei hat und andere Sicherheitsbehörden. Und im Laufe dieser Recherchen haben wir eben immer wieder gehört, dass es da dieses Gerücht gibt. Aber Journalisten verbreiten keine Gerüchte, sondern müssen recherchieren.

Baetz: Wie haben Sie das dann recherchiert?

Schmidt: Wir haben zuerst versucht, Belege dafür zu finden, von Leuten vom Schießstand oder die aus anderen Gründen dazu etwas wissen könnten. Als wir dort nicht mehr weiterkamen, haben wir etwas Einfaches gemacht: Wir haben eine Anfrage an das Innenministerium gestellt, an die Pressestelle, und haben eben gefragt, hat Lorenz Caffier diese Waffe – oder: eine Waffe – bei diesem Händler gekauft. Und dann kam keine Antwort.

"Erfahrung, dass man Informationen sehr verzögert bekommt"

Baetz: Das heißt Sie wussten schon, dass er ein "Waffennarr" ist? Oder wie kommt man dazu, bei welchem Schießstand nachzufragen?

Schmidt: Wir wussten, dass Herr Caffier Jäger sein soll, er ist auch im Reservistenverband aktiv gewesen. Insofern: Im ländlichen Raum ist das jetzt nicht so unwahrscheinlich, dass jemand Schütze ist, auf die eine oder andere Art. Deswegen hielten wir dieses Gerücht auch schnell für plausibel, dass das irgendwie sein kann. Das Problem ist ja jetzt auch nicht, ob er jetzt eine Waffe hat oder nicht; die ist ja legal erworben gewesen. Sondern es ist ja die Frage, wie geht er damit um, wenn er irgendwann feststellt, dass die Person, bei der er eine Waffe gekauft hat, eben Verbindungen zu dieser rechten Gruppe hat und nicht nur die irgendwie mal so kennt, sondern dort eben auch mal Mitglied war.

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Baetz: Sie haben eben erzählt, er hat, das Innenministerium hat nicht geantwortet. Wie ging es dann weiter?

Schmidt: Wir haben noch mal nachgefragt. Erst hat das Innenministerium uns mit anderen Informationen geantwortet, die wir gar nicht wissen wollten. Auf unsere Nachfrage kam dann irgendwann gar nichts mehr. Monate später haben wir das dann wieder aufgenommen, weil wir in einer anderen Sache ohnehin noch mal eine neue Frage stellen mussten – die auch nicht richtig beantwortet wurde. Das ist also so eine Erfahrung, die wir mit der dortigen Pressestelle gemacht haben, dass man da Informationen sehr verzögert bekommt, entweder die Hälfte davon oder andere Sachen, die man gar nicht wissen wollte. Aber ganz selten kommt man schnell auf den Punkt, wo wir Journalistinnen und Journalisten hinwollen, nämlich einfach nur eine Antwort bekommen, mit der wir dann irgendwie umgehen können: um in der Öffentlichkeit etwas zu besprechen, um eine Recherche zu komplettieren. Dabei sind wir ja gar nicht irgendwie Bösewichte, die immer nur jemanden in der Öffentlichkeit in etwas reinreiten wollen oder sowas. Sondern wir wollen essentielle Fragen klären.

Baetz: Nun könnte ich mir vorstellen, dass ein anderes Medium oder auch andere Journalisten dann auch gerne aufgeben, oder was heißt aufgeben, die kommen einfach nicht weiter und sagen sich, irgendwann lohnt sich das nicht mehr. Wie kam es denn dazu, dass Lorenz Caffier dann doch zugegeben hat, diese Waffe gekauft zu haben?

Schmidt: Das war ein totaler Zufall. Also manchmal verbeißt man sich ja in so Sachen, wo man denkt: Ich will jetzt einfach eine Antwort haben. Also wir bewegen uns in einer Netzwerkfrage, wo wir Journalistinnen uns damit abfinden müssen, dass wir keine Antworten kriegen werden. Aber diese eine Sache, dachten wir: Der Innenminister muss uns doch darauf antworten. Und dann hat es sich ergeben, dass er eine Pressekonferenz gegeben hat, wo er den Verfassungsschutzbericht vorgestellt hat. Und genau diese Frage: Welche Extremisten haben wir eigentlich hier im Land? Also bin ich dann dahingefahren und habe ihm öffentlich diese Frage gestellt – und tatsächlich hat es etwas geändert, ob wir ihm jetzt schreiben, Anrufe machen in der Pressestelle oder ob wir eben an einem Ort, wo ja auch die ganzen Regionaljournalisten waren und Kameras liefen, diese Frage noch mal öffentlich stellen.

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"Privileg, in einem Ressort zu sitzen, wo Ressourcen sind"

Baetz: Nun sind Sie ja nicht die einzigen Journalisten in Mecklenburg-Vorpommern. Gibt es andere Medien, die da auch mitrecherchieren? Der Hintergrund der Frage ist ja, gibt es ein rechtsextremes Netzwerk, das Nordkreuz-Netzwerk, in Mecklenburg-Vorpommern?

Schmidt: Also, wir sind ja noch nicht mal in Mecklenburg-Vorpommern ansässig, sondern wir sitzen ja als Redaktion in Berlin. Und haben über die vergangenen drei Jahre ja sehr viel Zeit in Mecklenburg-Vorpommern vor Ort verbracht, um da eben mit Leuten zu reden. Auch, weil viele Behörden oder Ministerien uns keine Antworten geben wollten. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass es wahnsinnig mühselig ist, dort etwas zusammenzutragen. Und das macht es natürlich für Lokalzeitungen oder Regionaljournalisten wahnsinnig schwierig, weil die die Zeit nicht haben. Also dieses Privileg, in einem Ressort zu sitzen, wo Ressourcen dafür da sind, um sich in Fragen zu vertiefen und darüber nachzudenken, viel nachzufragen – das haben die meisten ja nicht, die Zeitungsseiten füllen müssen. Insofern ist es vollkommen klar: Wenn dann ein Innenministerium oder eine Pressestelle regelmäßig abblocken oder nur die Hälfte antworten, dass dann auf der anderen Seite Leute auch einfach aufgeben müssen.

Baetz: Nun ist aber ja die Aussage von Lorenz Caffier, dass er eben diese Waffe bei diesem Menschen, wie Sie vermutet haben, auch gekauft hat, nun doch ein Politikum. Haben Sie den Eindruck, dass diese Geschichte nun auch von anderen Medien weitergedreht wird?

Schmidt: Ja, es ist jetzt zum ersten Mal, würde ich sagen, ein Moment, in dem wirklich sehr breit im Bundesland, aber auch darüber hinaus gesprochen wird. Also Herr Caffier hat ja zuerst den bemerkenswerten Satz gesagt, dass es eine Privatsache sei, und am nächsten Tag in einem "Spiegel"-Interview – also interessanterweise nicht mit Regionalmedien oder den Leuten vor Ort gesprochen – hat er ja zugegeben, dass er diese Waffe gekauft hat und die Sache irgendwie unterschätzt hätte. Und das ist natürlich wiederum eine bemerkenswerte Aussage, dass ein Innenminister sagt, einen Zusammenhang mit einer Terrorgruppe, mit einer mutmaßlichen Terrorgruppe unterschätzt zu haben. Insofern begrüßen wir aus journalistischer Sicht das natürlich sehr, dass andere jetzt darüber sprechen und Fragen dazu stellen – und das nicht einfach so hinnehmen, dass er jetzt eben einmal im "Spiegel" sich Fragen gestellt hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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