Sonntag, 19.05.2019
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheAufklären, nicht zurücktreten16.04.2019

Der Fall LügdeAufklären, nicht zurücktreten

Bei den Ermittlungen zum Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde häufen sich Ermittlungspannen. Forderungen nach dem Rücktritt von NRW-Innenminister Herbert Reul werden laut. Diese seien falsch, kommentiert Moritz Küpper. Reuls Ansatz, all dem mit Transparenz zu begegnen, bleibe richtig.

Von Moritz Küpper

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht im Landtag in Düsseldorf. (picture alliance / Marius Becker/dpa)
In der Aufarbeitung im Fall Lügde habe NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nicht immer eine gute Figur gemacht, meint Moritz Küpper (picture alliance / Marius Becker/dpa)
Mehr zum Thema

Ganzke (SPD) zu Kindesmissbrauch in Lüdge "Ein Ermittlungschaos"

Missbrauch "In jeder Klasse sitzen zwei bis vier von sexueller Gewalt betroffene Kinder"

Ermittlungsfehler im Missbrauchsfall Lüdge Schäffer: NRW-Innenminister hätte früher handeln müssen

Kriminologe zu Missbrauchsfall Lügde "Die Polizei besitzt keine vernünftige Fehlerkultur"

Nein, verstehen lassen sich die Ereignisse vom Campingplatz aus Lügde schon lange nicht mehr. Und: Richtig verstehen ließen sie sich wohl auch nie, angesichts der unfassbaren Verbrechen, die dort wohl begangen worden sind. Über 1.000-mal wurden Kinder missbraucht. Stand heute gibt es 40 Opfer, die von einem Hauptbeschuldigten sowie sieben weiteren Personen misshandelt worden sein sollen. Und zwar über Jahre. Diese Dimension alleine erschlägt einen schon.

Und doch gibt es eine zweite Ebene, die diese unerträglichen Vorkommnisse noch steigert. Denn: Geschehen ist dies, obwohl es Hinweise bei den Behörden gab. Und als wäre dieses weitere Versagen nicht schlimm genug, hält der Fall Lügde immer weitere Steigerungen bereit. Quasi im Wochentakt zeigt sich, dass die Behörden auch nun – nach der Aufdeckung der Vorfälle – mit den Ermittlungen überfordert sind, um es noch gnädig auszudrücken.

Reul muss sich Kritik anhören

Dies zeigte sich nicht zuletzt am jüngst bekannt gewordenen Vorfall: Nach sechs Durchsuchungen, nach vier Monaten Ermittlungsarbeit, wurden nun – durch einen Abrissunternehmer – weitere Datenträger festgestellt. Zudem soll den Behörden erst jetzt aufgefallen sein, dass der Haupttatverdächtige auf dem Campingplatz noch einen Schuppen besaß.

Es ist fast schon müßig, zu zählen, das wievielte Behördenversagen dies nun darstellte. Nordrhein-Westfalens CDU-Innenminister Herbert Reul lag also richtig, als er frühzeitig von – Zitat – Behördenversagen sprach und seiner Großmutter attestierte, etwas gemerkt zu haben. Dafür – auch das gehört zur Wahrheit – musste er sich Kritik anhören.

Der Lauf der Dinge gab ihm jedoch Recht – und rückt nun gleichzeitig ihn als Innenminister in den Mittelpunkt des Skandals. Denn: Reul müsse zurücktreten, so heißt es von der Opposition. Schließlich habe er vollständige Aufklärung versprochen und nicht eingehalten.

Alles muss auf den Tisch

Es ist eine Forderung, die den politischen Reflexen folgt – und doch falsch ist. Zumindest zu diesem Zeitpunkt. Natürlich hat Reul, der nicht nur Instinktpolitiker, sondern mitunter auch redselig ist, in der Aufarbeitung nicht immer eine gute Figur gemacht. Sein Satz beispielsweise, dass an dem Tatort kein Stein auf dem anderen bleibe, ist eine Äußerung, die – so scheint es – fast tagtäglich konterkariert wird. Auch muss sich Reul fragen lassen, ob sein Haus die Vorgänge von Anfang an richtig eingeschätzt hat.

Und doch bleibt sein Ansatz, all dem mit Transparenz zu begegnen, richtig. Einen anderen Weg gibt es nicht. Alles muss auf den Tisch. Nur so lässt sich der noch nicht absehbare massive Vertrauensbruch in die staatliche Gewalt, sprich Polizei, aber auch Behörden, kitten. Zumal: Die Fälle von Lügde, sie stellen eine größere Frage: Wie schützt der Staat seine Kinder? Und: Wie ernst nimmt er dieses Problem? Diese wichtige Debatte muss geführt werden. Reuls aktuelles Problem in dem Fall ist jedoch ein anderes: Seine Polizei, vor die er sich als oberster Dienstherr auch stellen muss, stützt ihn dabei nicht.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk