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StartseiteHintergrundDer Fall Mannesmann20.01.2004

Der Fall Mannesmann

Das Ende eines deutschen Konzerns und sein juristisches Nachspiel

<strong>O-Ton BBC-Originalton nach Vodafone-Übernahme:</strong> <em>At the Düsseldorf headquarters Mannesmann now exactly know, that now the big decisions will taken in a quiet english town.....</em>

Von Volker Wagener

Hauptsitz der Firma Vodafone, ehemals Mannesmann, in Düsseldorf (AP)
Hauptsitz der Firma Vodafone, ehemals Mannesmann, in Düsseldorf (AP)
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<p>4. Februar 2000. Ein Konzern schluckt einen Konzern. Ein übliches Geschäft des Turbokapitalismus und doch schäumen die Emotionen über. Was deutsche Großunternehmen weltweit in Serie praktizieren – die Übernahme kleinerer ausländischer Konkurrenten – wirkte vor vier Jahren auf viele Deutsche, als hätte die Fußball-Nationalmannschaft die WM-Finalniederlage gegen die Engländer von 1966 noch einmal durchleiden müssen. Mannesmann wurde Juniorpartner von Vodafone. <br /><br />Ausgerechnet Mannesmann. Das einzige deutsche Schwerindustrie-Unternehmen, das einen blitzsauberen Strukturwandel hingelegt hatte, indem es sich zur rechten Zeit von Kohle und Stahl verabschiedet und die Chancen des neuen Marktes im Kommunikationsbereich erkannt hatte. Die Belohnung für diese Erfolgsgeschichte war bitter. Das Traditionsunternehmen, das mit nahtlosen Röhren Weltruhm erzielt hatte, verschwand im 110. Jahr seines Bestehens von der Namensliste der ganz Großen.<br /><br />Doch der teuerste Übernahme-Coup in der internationalen Industriegeschichte ist auch sonst aus dem Stoff, aus dem normalerweise Krimis geschrieben werden. Wirtschaftskrimis. Wohl noch nie in der Mediengeschichte nahm eine weitgehend sachlich unbeleckte Öffentlichkeit so intensiven Anteil an den dramatischen Monaten der Übernahmeschlacht. Und auch jetzt, am Vorabend des juristischen Nachspiels vor dem Landgericht Düsseldorf, werden die Hauptakteure von damals wieder zu viel beachteten Stars. <br /><br />Vor allem zwei der insgesamt sechs Angeklagten haben stürmische Wochen und Monate hinter und vor sich. Mindestens 41 Verhandlungstage stehen Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank, und Klaus Esser, Ex-Mannesmann-Vorsitzender, bevor. Vor vier Jahren zogen sie bei der Abwicklung der Sonderzahlungen an einem Strang. Heute liegen ihre Prozess-Strategien so weit auseinander, dass wahrscheinlich noch nicht einmal eine so genannte Sockelverteidigung aller sechs Angeklagten zustande kommen wird. Jeder kämpft für sich und verfolgt dabei unterschiedliche Ziele, meint Hans Leyendecker, der Journalist und Rechercheur der Süddeutschen Zeitung, der den Fall wohl am tiefsten durchleuchtet hat:<br /><br /><em>Da ist zum einen der Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Ackermann, der ein rasches Ende des Prozesses möchte. Keiner weiß, wie wird sich ein Prozess, der über zwei Jahre gehen könnte, auf einen Deutsche-Bank-Vorstandssprecher auswirken. Da ist auf der anderen Seite aber jemand, der gar nicht so ein schnelles Ende haben möchte, das sicherlich verbunden wäre mit einem Strafbefehl oder zumindest mit einer Geldbuße: Das ist nämlich Klaus Esser. Klaus Esser sieht aus seiner Sicht, dass ihm hier die Ehre genommen worden ist, und er will jedes Detail noch einmal wenden. Das bedeutet: Seine Verteidigungsstrategie läuft auf einen langen Prozess hinaus.</em><br /><br />Die diametral entgegen gesetzten Interessen liegen auf der Hand: Ackermann muss immer mittwochs und donnerstags aus Frankfurt anreisen. Um seinen gewohnten Arbeitstag möglichst wenig zu stören, hat man ihm in der Deutsche-Bank-Filiale in Düsseldorf ein eigenes Büro für die Dauer des Prozesses hergerichtet. Wenn auch die tägliche Arbeit des Bankchefs nur wenig beeinträchtigt zu werden scheint, der wahre Schaden für die Deutsche Bank ist anderer Natur. Die Imageeinbuße des Frankfurter Geldhauses ist nicht von der Hand zu weisen. Und sollte Ackermann nicht mit einem lupenreinen Freispruch nach Hause kommen, dürften seine Tage an der Spitze der Großbank gezählt sein.<br /><br />Ganz anders die Lage Klaus Essers. Der stets penibel gekleidete Manager kann zu Fuß die wenigen Schritte von seinem neuen Büro an der edlen Düsseldorfer Königsallee zum Gerichtssaal L 111 spazieren. Der erfolgreiche Macher will rehabilitiert werden, und wenn das Urteil erst in zwei Jahren gesprochen werden sollte.<br /><br />Was hat die Führungsspitze des erfolgreichen Mobilfunk-Unternehmens samt seines Aufsichtsgremiums so in die Schlagzeilen und letztlich vor Gericht gebracht? – Im Rückblick wird die 14. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Düsseldorf die fünf Monate von Oktober 1999 bis Februar 2000 zu beleuchten haben. Die Stationen dieses Übernahmekampfes gehören zum spannendsten der deutschen Wirtschaftsgeschichte.<br /><br /><li type="square">18. Oktober 1999: Mannesmann kauft das britische Mobilfunk-Unternehmen Orange für 60 Milliarden Mark. Ziel des Geschäfts ist es, sich selbst auf dem Markt zu stärken und eine feindliche Übernahme von Orange durch den Konkurrenten Vodafone zu verhindern. Schon bei diesem Deal flossen Anerkennungsprämien in Strömen. Allein 45 Millionen Mark spendierten die Düsseldorfer für den scheidenden Orange-Chef Hans Snook.<br /><br /><li type="square"> Seit November wissen die Mannesmänner vom Plan Chris Gents, des Chefs von Vodafone Airtouch, das Düsseldorfer Traditionsunternehmen schlucken zu wollen. Gent bietet rund 270 Milliarden Mark für Mannesmann. Klaus Esser und seine Mannschaft beleben eine Idee der 80er Jahre neu und aktivieren das "Projekt Friedland", eine Initiative zur Abwehr feindlicher Übernahmegelüste. Das Team aus Investmentbankern, Juristen und Mannesmännern hatte sich schon erfolgreich gegen die Einverleibung der Thyssen AG zur Wehr setzen können. Jetzt sollen die Briten ferngehalten werden. Esser lehnt das Angebot von Vodafone am 18. November ab:<br /><br /><em>Wir haben dem Aufsichtsrat die Pluspunkte und die Minuspunkte einer Zusammenarbeit erläutert. Wir haben über die verschiedenen strategischen Gesichtspunkte gesprochen, die zu berücksichtigen sind. Mannesmann ist ein europäisches Telekommunikationsunternehmen. Unser strategisches Ziel ist der Focus Europa.</em><br /><br /><li type="square"> Am Nikolaustag verfasst der leitende Angestellte für das Vertragswesen der Spitzenfunktionäre, Dietmar Droste, ein Papier mit dem Titel: "Schutzmaßnahmen für den Fall eines Change of Control". Die Führungsmannschaft soll finanziell abgesichert werden. Esser, gerade sechs Monate an der Spitze des Konzerns, werden deutlich höhere Bezüge zugesprochen. <br /><br /><li type="square"> Anfang Januar 2000. Die Bildzeitung nennt Chris Gent einen Hai und Klaus Esser das Superhirn. Die Schlacht um Mannesmann tobt. Am 16. beschließt der vierköpfige Aufsichtsratsausschuss für Vorstandsangelegenheiten, Esser und weitere Manager im Falle des Erfolgs großzügig zu belohnen. In dem Gremium sitzen Josef Ackermann, der frühere Mannesmannchef von 1994 bis ´99, Joachim Funk, sowie die Arbeitnehmervertreter Klaus Zwickel, der IG-Metallchef und Jürgen Ladberg der Betriebsratsvorsitzende. <br /><br /><li type="square"> Am 30. Januar trifft sich die Mannesmann-Führungsspitze am Pariser Flughafen mit Chris Gent. Der Brite droht mit der feindlichen Übernahme, falls die Düsseldorfer auf sein Gebot nicht eingehen sollten. Doch jetzt überstürzen sich die Ereignisse. Am gleichen Tag verkündet der französische Mischkonzern Vivendi die Fusion mit Vodafone. Um die Franzosen hatte sich Esser monatelang bemüht. Die Vorentscheidung war gefallen.<br /><br /><li type="square"> Einen Tag später, am 31. Januar, sieht Esser keine reellen Siegchancen mehr. Auch der chinesische Großaktionär Hutchison Whampoa, der das größte Aktienpaket bei Mannesmann hält, drängt zur Annahme des britischen Angebots. <br /><br /><li type="square"> Am 1. Februar treffen sich Esser und Gent im Düsseldorfer Industrieclub. Der Deutsche signalisiert sein Einlenken, stellt aber dennoch einige Forderungen, die der Brite ablehnt. Der Finanzdienstleister Morgan Stanley meldet Esser, dass Mannesmann nicht mehr gewinnen könne. <br /><br /><li type="square"> Am 2. Februar spricht der chinesische Großaktionär Canning Fok bei Esser vor. Er vertritt Hutchison Whampoa. Die Chinesen plädieren für eine freundliche Übernahme. Der Aktienkurs hat den Mannesmann-Papieren innerhalb weniger Monate ein Plus von stolzen 128 Prozent beschert. Jetzt wollen die Chinesen zugreifen. Hans Leyendecker:<br /><br /><em>Man sieht an diesem Fall auch, was in dieser Welt verdient werden kann. Chinesische Großaktionäre, die an vielen Unternehmen Pakete hatten, haben an diesem Deal dann, weil er dann so ablief, dass Mannesmann von Vodafone geschluckt wurde, Milliarden, einen zweistelligen Milliardenbetrag verdient, und das in einer Zeit von ein paar Monaten. Das ist etwas, was es früher in der Wirtschaftswelt nicht gegeben hat und auch nicht vorstellbar war.</em><br /><br /><li type="square"> Noch am 2. Februar meldet sich Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff bei Esser aus New York. Die von Mannesmann umworbene AOL/Bertelsmann stehe als Kooperationspartner bereit, die Verträge seien unterschriftsreif. Die letzte Trumpfkarte, die Übernahme durch die Briten zu verhindern, spielt Esser aber nicht mehr. Er sei jetzt mit Gent verabredet, sagt er, und im übrigen sei es nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon vierzig nach zwölf. Warum hat Esser die Option AOL nicht mehr genutzt? – Auch Rechercheur Hans Leyendecker stellte sich immer wieder diese Frage:<br /><br /><em>Die Schlacht war vermutlich verloren, als Mannesmann nicht zurande kam mit dem erhofften französischen Partner Vivendi, als der zu Vodafone ging. Da sieht es so aus, dass dann Klaus Esser, der damals Mannesmann-Vorstandsvorsitzender war, gesehen hat, ich komme nicht mehr weiter. Es gibt aber auch eine andere Theorie, dass er zu früh aufgegeben hat. AOL hat sich noch als Partner angeboten. Vielleicht hätte man mit AOL noch mehr erreichen können. Essers subjektive Sicht war: Es ist vorbei!</em><br /><br /><li type="square"> Am 3. Februar 2000 darf Chris Gent zum erstenmal die Hauptzentrale des Mannesmannhauses in Düsseldorf betreten. Um 23 Uhr treten Esser und Gent vor die Mikrofone und Kameras. Gent sagt: "Klaus und ich, wir beide sind Gewinner!" Und da hatte er recht.<br /><br />Der Kampf um Mannesmann war entschieden. Nun waren nur noch die Abfindungen und Prämien zu regeln. Und jetzt wird es kompliziert. Grundsätzlich waren sich alle einig, ob Chris Gent, die Mannesmänner oder Großaktionär Li Ka Shing von Hutchison-Whampoa: Abfindungen, Prämien und Boni sollten fließen. Nur waren sich einige Beteiligte nicht darüber im klaren, wer bezahlen sollte. Gent besteht auf Auszahlung der Millionen an Esser & Co vor der rechtlichen Abwicklung der Übernahme, die britische Kasse sollte also verschont werden. Auch die Chinesen, die Esser sogar direkt rund 30 Millionen Mark angeboten hatten, wollen nun die eigene Schatulle trotz zweistelligen Milliardengewinns durch die teuerste Übernahme der internationalen Wirtschaftsgeschichte, nicht belasten. <br /><br />Klaus Zwickel, mächtiger Gewerkschaftsboss im Aufsichtsrat, will zunächst davon ausgegangen sein, dass Vodafone die Prämien zahlt. Deshalb hatte er zunächst keine Probleme mit dem Geldfluss. Erst als bekannt wurde, dass Zwickel nicht gegen die Abfindungen in dieser Höhe votiert hatte, obwohl da schon klar war, dass Mannesmann die Kosten zu tragen hatte, zeigte sich der IG-Metaller in Maßen reuig:<br /><br /><em>Und in der damaligen Situation habe ich es so bewertet, in meiner ersten Reaktion zu sagen: Wir sind nicht die Urheber; ich nehme das zur Kenntnis; ich beteilige mich sozusagen nicht aktiv und habe dann in der weiteren, sozusagen unter der rechtlichen Würdigung der Protokolle gesagt, ich enthalte mich der Stimme. Und wie sich erwiesen hat, wäre es besser gewesen, eindeutig zu sagen: Weg mit dem Ding! und Nein! zu sagen.</em><br /><br />Zwickel hatte sich nur der Stimme enthalten. Zu wenig für einen, der die Interessen der Lohnempfänger an der Werkbank vertritt, die keine Belohnung für ihre Solidarität zum Konzern erhalten haben, werfen ihm die Kritiker seitdem vor. Hans Leyendecker:<br /><br /><em>Die Rolle von Klaus Zwickel ist kaum nachzuvollziehen. Dass jemand, der auch mit starken Worten auftritt und der so viele Jahre auch in der Arbeitnehmerbewegung gewesen ist, auch bei der Zerschlagung eines Konzerns mitgemacht hat - das muss man ja auch sehen, Mannesmann war ein Traditionskonzern; der Name Mannesmann ist einer der großen Namen dieser Republik -, und dass er da einfach mitgemacht hat und Managern Riesensummen rübergeschoben hat, da geht es ja um Summen von 60 Millionen Mark.</em><br /> <br />Und auch der Profi auf dem Parkett des internationalen Finanzmarktes, Josef, genannt "Joe" Ackermann, will Entscheidendes nicht gewusst haben. Zum Beispiel, dass über die Vergütung von Aufsichtsräten in Deutschland nur die Hauptversammlung beschließen darf:<br /><br /><em>Ackermann ist Weltbürger aus seiner Sicht. Ackermann sieht, wie das in Amerika gelaufen ist, früher zumindest, wie es in der Schweiz, wie es in Großbritannien gelaufen ist. Nur, auch wenn er Weltbürger ist, hat er sich an deutsche Gesetze zu halten. Da wird ihm der Vorwurf gemacht. Er hat sich eigentlich nicht genau dafür interessiert, so seine Einlassung, wie das hier aktienrechtlich abläuft.</em><br /><br />Ackermann gibt sich bis heute streng marktwirtschaftlich orientiert. Der Wirtschaftsstandort Deutschland werde nicht zuletzt über die Gehälter für die Spitzenmanager mitbestimmt. Wer gute Leute haben wolle, müsse diese auch besser bezahlen als die Konkurrenz:<br /><br /><em>Die besten Leute der Welt und übrigens auch die besten deutschen Talente kommen natürlich nicht zu uns, wenn wir nicht so bezahlen wie Goldmann Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch. Und das muss man einfach ganz genau wissen.</em><br /><br />Im Februar 2000 war die Konfusion in den verschiedenen Gremien des Hauses Mannesmann groß. Bei dem Versuch die ex orbitant hohen Abfindungen und Prämien für Esser und Dutzende andere Manager bis hin zu ehemaligen Funktionären, deren Witwen und Kindern, im Nachhinein zu legalisieren, stolperten die Angeklagten gleich über mehrere Schwierigkeiten. <br /><br />Die angestrebten Extrazahlungen mussten vor der offiziellen Übernahme durch Vodafone über die Bühne gehen. Für geordnete, vorschriftsmäßige Abwicklungen war da keine Zeit mehr. Schon am 14. Februar flossen über 16 Millionen Mark über das Gehaltssystem von Mannesmann an Vorstandsmitglieder. Ein Beschluss lag zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vor. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte das am 18. Februar moniert. Daraufhin wurde Hals-über-Kopf von den Ausschussmitgliedern ein wahrheitswidriges Protokoll angefertigt, um der Transaktion den Anstrich der Rechtmäßigkeit zu verleihen. Klaus Zwickels Unterschrift wurde erst nachträglich eingeholt. Als der letzte Namenszug unter dem fingierten Dokument stand – es war der 28. Februar – hatten die Manager das Geld schon längst auf ihren Konten. Die Wirtschaftsprüfer waren entgeistert, meint Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung, auf sie als Zeugen wird es im Prozess besonders ankommen:<br /><br /><em>Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat eine ganz wichtige Rolle in diesem Fall gespielt. Sie hat frühzeitig entdeckt, dass das, was man dort machen wollte, dass man das Geld Ex-Managern so zuschieben wollte, nicht in Ordnung war, dass man auch das Procedere so nicht durchgehen lassen durfte und hat immer wieder Einwände erhoben. Am Ende hat man dann immer wieder nachgebessert. Und es war nicht in Ordnung, aber irgendwann hat auch die KPMG aufgegeben. Aber die Prüfer der KPMG werden im Prozess als Zeugen eine wichtige Rolle spielen.</em><br /><br />Wenn es tatsächlich bei den Millionenüberweisungen um Anerkennungsprämien gegangen wäre, meint Hans Leyendecker, dann hätten alle Beteiligten genügend Zeit für eine geordnete Beschlussfassung gehabt. In Wirklichkeit sei es aber den Beteiligten von Anfang an um Belohnungen für die freundliche Übernahme gegangen. Das sieht auch Martin Sorg so, der zusammen mit seinem Partner Mark Binz Strafanzeige gegen Esser, Ackermann & Co gestellt hatte. Die Stuttgarter Anwälte sind seit Jahren auf die Selbstbedienungsmentalität deutscher Wirtschaftskapitäne spezialisiert. Martin Sorg:<br /><br /><em>Man hat versucht, diese ganze Verfahrensweise, von der man ja annahm, dass sie nie bekannt werden würde, nachträglich zu legalisieren. Und das ist eben schwierig, und das hat wohl auch nicht funktioniert. Das konnte auch nicht funktionieren, denn, wie gesagt, es war ja gar kein Sonderbonus im eigentlichen Sinne, sondern es war in Wahrheit eine Zahlung für eine ganz andere Sache, nämlich für die Meinungsänderung von Dr. Esser bei dem Übernahmekampf.</em><br /><br />Und Sorg geht noch weiter. Für ihn ist der Geldsegen für einige wenige von langer Hand geplant gewesen. Die Beteiligten wähnten sich im Verborgenen, weil niemand davon ausging, dass von den Beschlüssen etwas nach draußen dringen würde: <br /><br /><em>Ausweislich der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es nicht um die Höhe der Zahlungen, denn die Zahlungen wurden, so die Staatsanwaltschaft, überhaupt nicht für eine besondere Leistung von Dr. Esser bezahlt, sondern sie waren die Gegenleistung dafür, dass er der Übernahme zugestimmt hat. Die anschließenden, fast chaotischen Verhältnisse bei der Beschlussfassung durch den Aufsichtsrat belegen nur, dass die Betroffenen ein schlechtes Gewissen hatten, und das ist auch aus Sicht der Staatsanwälte ein gewisses Indiz dafür, dass hier ein vorsätzliches Handeln vorliegt.</em> <br /><br />Die Rolle von Joachim Funk in dem großen Poker scheint das zu bestätigen. Der Vorgänger und Förderer von Klaus Esser gilt als Drahtzieher beim großen Geldverteilen. Mit dem Ende der Mannesmann-Ära sah der Pensionär auch das Aus für die lukrativen Altersgelder für die ehemaligen Spitzenmanager gekommen. Also suchte auch er nach einem Grund für eine Abfindungsregelung in eigener Sache. Um dieses Interesse nicht allzu plump kundtun zu müssen, aktivierte er gleich in Serie Pensionäre, Witwen und Kinder schon verstorbener ehemaliger Vorstandskollegen, um diese zu ermuntern selbst Forderungen zu stellen. Insgesamt über 61 Millionen Mark wurden letztendlich unter 18 Ruheständlern oder deren Nachfahren verteilt. Summen zwischen 366.800 und 10.839.960 Mark kamen zur Auszahlung. Sogar Klaus Esser hatte Funks Vorhaben nicht gut geheißen. Die Staatsanwaltschaft hält diese Auszahlungen im Umfang von über 26 Millionen Mark für überzogen, wenn nicht sogar in ihrer Gesamtheit. Jetzt hat die Justiz das Wort:<br /><br /><em>Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat unter dem 17. Februar 2003 Anklage gegen Prof. Dr. Alexander Joachim Funk, Klaus Zwickel, Jürgen Ladberg, Dr. Klaus Esser, Dr. Josef Ackermann und Dr. Dietmar Droste bei der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Düsseldorf erhoben.</em> <br /><br />Hans-Reinhard Henke ist Oberstaatsanwalt. Er und seine Kollegen haben dem Gericht vor knapp einem Jahr eine 460 Seiten umfassende Anklageschrift übergeben. Seitdem ist von den Vertretern des Staates nicht mehr viel zu hören. Henke hatte vor einem Jahr einen unglücklichen Auftritt vor der Presse, als er die sechs Beklagten umgangssprachlich als "korrupt" bezeichnet hatte. Klaus Esser reagierte prompt. Für diese Unterstellung sprach ihm ein Gericht 10.000 Euro Schmerzensgeld zu. Seitdem ist Funkstille bei den Staatsanwälten. Sogar der Pressesprecher geht auf Tauchstation. Eine journalistische Betreuung während der Verhandlungstage wird es ausdrücklich nicht geben. <br /><br />Das halten juristisch Erfahrene für eine unglückliche Situation. Das Feld der Öffentlichkeitsarbeit ist nun frei für die Profis der Verteidigung. Für Eberhard Kempf beispielsweise, den Anwalt Josef Ackermanns, oder Sven Thomas, den Vertreter Klaus Essers. Manche sprechen von einem ungleichen Duell. Hier die Haifische auf der Verteidigerbank, dort die Goldfische auf Seiten der Staatsanwaltschaft und des Gerichts. Hans Leyendecker:<br /><br /><em>Es ist davon auszugehen, dass es für die Kammer sehr schwierig sein wird, einen solchen Prozess zu führen. Es ist eine sehr komplexe Materie, und das Gericht ist völlig unerfahren. Wir haben auf der anderen Seite die erfahrensten und die besten deutschen Strafverteidiger. Jeder von denen ist in der Lage, selbst ein Feuerwerk zu zünden. Es wird schwierig sein für das Gericht zu bestehen.</em></p>

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