Mittwoch, 08. Dezember 2021

Fall Peng ShuaiDas IOC handelt weltfremd und skandalös

Dass sich der IOC-Chef zu einer Videoschalte mit der Tennisspielerin Peng Shuai eingelassen hat, ist skandalös, kommentiert Steffen Wurzel. Denn Thomas Bach musste davon ausgehen, dass Peng nach ihrem Vergewaltigungsvorwurf gegen einen früheren Spitzenpolitiker unter Aufsicht der chinesischen Staatssicherheit steht.

Ein Kommentar von Steffen Wurzel | 22.11.2021

Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai (Aufnahme vom 17.11.2021)
Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai (Aufnahme vom 17.11.2021) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Gerry Maceda)
Dass das Internationale Olympische Komitee einen Kuschelkurs mit der chinesischen Staats- und Parteiführung fährt, ist seit Jahren bekannt. Doch mit dem, was sich das IOC vergangenes Wochenende geleistet hat, übertrifft es sich selbst. 

Wer in den vergangenen Tagen auch nur minimal Nachrichten gelesen oder gehört hat weiß, unter welch wahnsinnigem Druck Peng Shuai stehen muss. Anfang des Monats hatte sie online einen schweren Vorwurf erhoben: Sie sei vor einigen Jahren vom ehemaligen chinesischen Vize-Ministerpräsidenten Zhang Gaoli vergewaltigt worden. Damit hat die chinesische Tennis-Profisportlerin eine absolute rote Linie überschritten: Denn führende Spitzenkader der kommunistischen Staatsführung anzugreifen ist in der Volksrepublik tabu. Entsprechend wurde Peng Shuais Online-Posting nach rund einer halben Stunde gelöscht, ihre Social-Media-Konten wurden eingefroren. Nichts und niemand in China berichtet seitdem über den Fall. Peng Shuai wurde von der Staats- und Parteiführung zum Schweigen gebracht. 
Wo ist Peng Shuai?

Nun hat sich kein Geringerer als IOC-Chef Thomas Bach zu einer 30-minütigen Videoschalte mit der chinesischen Tennisspielerin eingelassen. Das ist skandalös, denn er musste nach allem, was bekannt ist, davon ausgehen, dass sich Peng in ihrer derzeitigen Situation niemals aus freien Stücken und ohne Druck äußern kann. 

Staatliche chinesische Auslandsmedien wollen entspannte Lage vermitteln


In den vergangenen Jahren ist immer wieder bekannt geworden, dass Chinas Sicherheitsbehörden eigene Staatsbürger unter Druck setzen, um so Aussagen und vermeintliche Geständnisse zu erpressen. Immer wieder machen nichtstaatliche Organisationen auf diese Praxis aufmerksam. Dass das IOC und Thomas Bach das ignoriert haben und sich stattdessen von Chinas staatlicher Propaganda haben einspannen lassen, ist skandalös. 

Chinas staatliche Auslandsmedien versuchen seit Tagen mit einer breit angelegten Kampagne zu vermitteln, dass alles in Ordnung sei mit Peng Shuai. Dabei ist offensichtlich das Gegenteil der Fall. Dass Peng nach ihrem ungeheuerlichen Vergewaltigungsvorwurf gegen den früheren Spitzenpolitiker unter der direkten oder indirekten Aufsicht der chinesischen Staatssicherheit steht, ist offensichtlich. 

Weltverband WTA: konsequent und mutig


Es ist gut, dass der Frauentennis-Weltverband WTA seit Tagen vehement genau darauf aufmerksam macht. Dass die WTA offen damit droht, künftig keine Tennis-Turniere mehr in China auszutragen und somit auf viel Geld zu verzichten, ist konsequent, mutig und bemerkenswert. 

Das Internationale Olympische Komitee macht genau das Gegenteil. Es hat mit seiner jüngsten Aktion noch einmal unterstrichen, dass es völlig naiv, weltfremd ist - und dazu noch absolut unkritisch gegenüber Chinas kommunistischer Staatsführung.