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StartseiteSport am Wochenende"Der FIVB und das IOC haben mein Leben zerstört"11.12.2011

"Der FIVB und das IOC haben mein Leben zerstört"

Die tragische Geschichte des Ex-Präsidenten des argentinischen Volleyballverbandes Mario Goijman

Einer der größten Korruptionsfälle der olympischen Geschichte wurde nicht von Journalisten aufgedeckt, sondern von einem ehemaligen Sportfunktionär: Der Argentinier Mario Goijman hat vor Jahren detailliert nachgewiesen, dass Rubén Acosta als Präsident des Volleyball-Weltverbandes FIVB zwei Dutzend Millionen Dollar an Provisionen kassiert hat. Es ist eine unfassbare tragische Geschichte: Acosta ist FIVB-Ehrenpräsident auf Lebenszeit und musste nicht einen Cent seiner Korruptionsmillionen erstatten. Dagegen ist der Enthüller Mario Goijman nicht nur finanziell ruiniert.

Von Jens Weinreich

Mario Goijman, ehemaliger Präsident des argentinischen Volleyball-Verbands und Organisator der Volleyball-WM 2002 in Argentinien, im Interview mit dem Journalisten Lasana Liburd. (Play the Game / Tine Harden)
Mario Goijman, ehemaliger Präsident des argentinischen Volleyball-Verbands und Organisator der Volleyball-WM 2002 in Argentinien, im Interview mit dem Journalisten Lasana Liburd. (Play the Game / Tine Harden)

Der 66-jährige Mario Goijman ist ein klassischer Hinweisgeber, ein so genannter Whistleblower. Er war einst Präsident des argentinischen Volleyballverbandes, er hatte Funktionen im Weltverband FIVB und hat lange mit Acosta kooperiert – bis er 2002 in seiner Heimat die Männer-Weltmeisterschaft ausrichtete. Damals musste er sich, notgedrungen, mit den Finanzen der FIVB beschäftigen. Damals begann diese Geschichte, die derzeit einen weiteren traurigen Höhepunkt erlebt: Denn Mario Goijman muss, weil er für Verluste aus der WM 2002 bürgt, sein Haus räumen. Es war das letzte, was ihm geblieben war. Seine Konten sind bereits leer. Seine Ehe ist zerbrochen. Seine Gesundheit schwer angeschlagen. Er richtet per Email aus:

"Die FIVB und das Internationale Olympische Komitee haben mich betrogen und belogen. Sie haben mein Leben zerstört."

Das Unrecht, das Goijman widerfuhr, sein Kampf gegen die Korruption im Volleyball-Weltverband, ist Stoff für ein Buch. "Volleygate" hat Goijman diesen Skandal genannt, in Anspielung an Watergate.

Die Kurzfassung: Goijman hatte als WM-Organisator 2002 persönlich für einen Verlust von rund 800.000 Dollar zu bürgen. Währenddessen machte die FIVB bei dieser WM einen Profit von mindestens 2,4 Millionen – wahrscheinlich viel mehr, denn die Unterlagen des Weltverbandes hat Goijman nie gesehen. Derlei Knebelvertäge mit Organisatoren sind flächendeckend üblich im olympischen Weltsport. Es haften immer die Ausrichter, nie die Verbände, die den Profit abziehen – im Volleyball ist das nicht anders als im Fußball und bei der FIFA oder bei den Olympischen Spielen des IOC.

Goijman hat dagegen opponiert, und wurde schnell sämtliche Posten los, sein Verband wurde sanktioniert – und schon stand er allein da in seinem Kampf. Er recherchierte und enthüllte Unglaubliches: Er legte Dokumente vor, die bewiesen, dass FIVB-Präsident Rubén Acosta mehr als 20 Millionen Dollar an Provisionen aus den Marketingverträgen seines eigenen Verbandes kassiert hatte. Er prozessierte in der Schweiz. Doch dort werden die Sportganoven traditionell vom Gesetz gedeckt. Die Sache zog sich über Jahre hin, zwischenzeitlich wurde sogar ein alternativer Weltverband gegründet. Unterstützung aus dem Establishment erhielt Goijman dennoch nicht. Auch der deutsche Verband deckte in unanständiger Unterwürfigkeit stets den Großganoven Acosta.

Im Frühjahr 2009 musste die neue FIVB-Führung schließlich auf ihrer Vorstandssitzung einräumen, dass Acosta sogar mindestens 33 Millionen Dollar abgezweigt hat. Goijman hat auch dieses Protokoll öffentlich gemacht. Doch Acosta bleibt weiter FIVB-Ehrenpräsident – und zwar auf Lebenszeit. Acostas Nachfolger, der Chinese Jizhong Wei, war lange Jahre treuer Diener des Patrons. Er genehmigt einigen Vizepräsidenten weiter Spesen von 500.000 Dollar pro Jahr – für die keinerlei Nachweise zu erbringen sind.

Der Däne Jens Sejer Andersen, Direktor der Konferenz Play the Game, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Volleygate. Er versucht, Goijman zu unterstützen, so gut es geht. Er knüpfte Kontakte zum IOC, er verhandelte mit der FIVB, die unter Präsident Wei nachträglich wenigstens einen Teil von Goijmans Prozesskosten übernahm – mehr aber nicht. Andersen versucht derzeit, mit argentinischen Behörden eine Lösung für Goijman zu erarbeiten. Andersen zur Lage Mario Goijmans:

"Er muss dieser Tage sein Haus verlassen. Er hat eine Schuld von etwa 800.000 Dollar. Er ist jetzt ganz zerbrochen, finanziell und psychologisch."

Der Däne bemüht sich weiter um Unterstützung des IOC. Er ist allerdings schwer enttäuscht.

"Bis heute hat das IOC sehr wenig getan. Man hat – genau wie diese Woche im Fall Havelange – 2004 über den Mexikaner Rubén Acosta einen zerstörenden Report geschrieben, aber weil sich Acosta damals, wie jetzt Havelange, angeblich wegen seines Alters zurückgezogen hat, hat das IOC den Bericht geheim gehalten. Man hat Acostas Rücktritt erlaubt, ohne die Beweise aus dem Ermittlungsbericht zu präsentieren, dass Acosta ein Räuber war. Und deshalb konnte Acosta seine Räubereien fortsetzen. Genau so hat es das IOC in dieser Woche auch mit Havelange gemacht."

In der Tat musste sich die IOC-Ethikkommission mit dem Fall Acosta befassen, nachdem Goijman seine Dokumente öffentlich gemacht und auch auf die leider nicht mehr existierende Volleygate-Webseite gestellt hatte. Acosta trat aus angeblich gesundheitlichen Gründen aus dem IOC zurück – und durfte noch einige Jahre FIVB-Präsident bleiben. Das IOC erlaubte diesen Deal. Laut Goijman auch deshalb, weil Acostas Anwalt damit gedroht hatte, Details über die schmutzigen Geschäfte einiger IOC-Mitglieder und Angestellter in der einstigen Marketingagentur Meridian zu veröffentlichen.

IOC-Präsident Jacques Rogge erklärte nun auf Anfrage des Deutschlandfunks, ob er in der akuten Lage etwas für Goijman unternehmen wolle:

"Ich weiß nicht, worüber Sie da reden. Ich kenne den Namen, ich weiß, dass dieser Mann sich mit Herrn Acosta auseinander gesetzt hat. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

Wohlgemerkt, es geht um einen Whistleblower, der einen spektakulären Korruptionsfall öffentlich gemacht hat. Whistleblower werden aber in der olympischen Welt nicht geschätzt, sie werden geächtet, auch – oder erst recht – wenn sie dazu beitragen, dass korrupte Funktionäre Ämter loswerden. Noch einmal Rogge:

"Herr Acosta hat tatsächlich das IOC verlassen. Ich kenne die Details zu Herrn Goijman nicht, er heißt doch Goijman, ja? Ich muss sicher nicht daran erinnern, dass Herr Acosta als IOC-Mitglied zurückgetreten ist."

Das soll möglicherweise heißen: Damit geht das Thema das IOC nichts mehr an. Es ist, Jens Sejer Andersen hat es bereits erwähnt, das übliche Procedere, das Rogge bevorzugt. Ob nun im Fall des Millionenbetrügers Acosta oder jüngst im Fall des Millionenbetrügers Havelange. Verlogene Rücktritte aus angeblich gesundheitlichen Gründen werden goutiert. Die Betrüger dürfen ihre Millionen behalten und sich weiter Ehrenpräsidenten ihrer olympischen Sportverbände nennen – und das IOC verheimlicht die Ermittlungsberichte seiner Ethikkommission.

"Acosta und Havelange – das ist dieselbe dreckige Geschichte …"

… sagt Mario Goijman. Und erinnert mit Galgenhumor daran, dass er 2002 zur WM in Argentinien auf Geheiß von Acosta auch Havelange als Ehrengast bewirten musste. Trotz allem hat Jens Sejer Andersen die Hoffnung nicht aufgegeben.

"Ich hoffe wirklich, dass das IOC offensiver mit seinen internationalen Verbänden, mit der olympischen Familie, die man so oft lebt, besser arbeitet, um Korruptionsfälle zu vermeiden und die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Ich hoffe, dass auch das IOC daran mitwirkt, die FIVB zu überzeugen, dass die eine Verantwortung für Goijman hat. Sie können nicht sagen, das sind Fehler der Vergangenheit, denn die Konsequenzen, die Folgen, die harten, harten Folgen für Goijman sind sehr aktuell. Er muss in dieser Woche sein Haus verlassen."

Und der Weltverband FIVB sitzt auf seinen Millionen im mondänen Lausanne, dort wo auch das IOC residiert. Und dort, wo im Olympischen Museum des IOC gerade 1,8 Millionen Franken unterschlagen wurden. Die Polizei ermittelt, dass IOC hat sich gerade von einigen Mitarbeitern getrennt.

Eine Geschichte mehr im Mikrokosmos der Selbstbereicherung.

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