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StartseiteKalenderblattSeine Waffe war die Feder06.06.2015

Der französische Schriftsteller Louis-Sébastien MercierSeine Waffe war die Feder

Zeitlebens setzte sich der am 6. Juni 1740 geborene Louis-Sébastien Mercier für sozialen Fortschritt und die Republik ein. Als ungemein produktiver Schriftsteller und Aufklärer erkannte er früh die Bedeutung der "öffentlichen Meinung". Sein bekanntestes Werk ist die detaillierte Schilderung des Pariser Großstadtlebens vor der Revolution von 1789: Le Tableau de Paris.

Von Ruth Jung

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung zeigt eine aufgebrachte Menschenmenge, die die abgeschlagenen Köpfe des ermordeten Gouverneurs der Bastille Delaumay und des Bürgermeisters Flesselles am 14.7.1789 durch die Straßen von Paris trägt. Dieser Tag markiert den Beginn der Französischen Revolution. (dpa / picture alliance )
Um Aufklärung ging es Mercier bei allem, was er schrieb: Dramen, Romane, Zeitungsartikel. Scharf kritisierte er die bestehende Ordnung. Als die Revolution am 14. Juli 1789 ausbrach, erklärte sich Mercier selbstbewusst zu ihrem geistigen Wegbereiter. (dpa / picture alliance )

"Ich liebe Paris vor allem deshalb, weil sich hier alle menschlichen Leidenschaften abspielen (...) Jeder, der mir in den Straßen begegnet, spricht zu mir, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. An seiner Physiognomie lese ich ab, welches Interesse ihn leitet."

Louis-Sébastien Mercier über seine Geburtsstadt, der er mit seinem Werk LeTableau de Paris, Pariser Bilder, ein Denkmal gesetzt hat. In der Großstadt entdeckte der am 6. Juni 1740 als Sohn eines Handwerkers geborene Schriftsteller einen eigenen sozialen Kosmos. Vor allem die Welt des sogenannten Dritten Standes, der werktätigen Bürger, interessierte ihn. Er stieg hinab in die Niederungen des Alltags, durchstreifte das Paris der Armen und der Kriminellen, der Ausgestoßenen und der Unterwelt.

"Das Auge des Fremden ist stets unangenehm berührt von der Anzahl der Bettler in Paris. Man hat nicht genug nach Mitteln zur Abhilfe gesucht, um diese entsetzliche Unordnung zu beseitigen. Im Schatten der Nacht werden Greise, Frauen, Kinder durch geheime Organisationen ihrer Freiheit beraubt, entführt und in schmutzige Kerker geworfen. Alles unter dem Vorwand, dass Armut die Schwester des Verbrechens sei".

Radikal neu war nicht nur sein Blick. Neu war auch die Form. In fast 1.000 kurzen Kapiteln beschreibt er Berufe und Tätigkeiten, schildert Sitten und Bräuche, Kleidung und Benehmen, Orte, Straßen - und die unhygienischen Zustände:

"Drei Viertel der Latrinen sind schmutzig, ekelerregend und abstoßend verdreckt.

In dieser Hinsicht haben sich Auge und Nase der Pariser an die Verschmutzung gewöhnt (...) Diejenigen, die auf ihre Gesundheit achten, sollten niemals ihre dampfenden Ausscheidungen in jene Löcher lassen, die Latrinen genannt werden und niemals ihren geöffneten Anus den aufsteigenden pestilenzialischen Dämpfen aussetzen."

Realitätsnahe Bühnenstücke

Zeitgenössische Kritiker rümpften die Nase. Beim Publikum dagegen kam solcherart deftige Schilderung an: 1788 war das Werk auf zwölf Bände angewachsen und ein Bestseller. Realitätsnah wie seine Pariser Bilder waren auch die Bühnenstücke. So entwickelte er 1773 in der Schrift "DuThéâtre, Über das Theater", eine gegen den Klassizismus gerichtete Dramentheorie, in der er ein modernes, den Gedanken der Aufklärung verpflichtetes Theater fordert. Während er in Paris auf Ablehnung stieß, wurden seine Ideen in Deutschland positiv aufgenommen. Der Romanist Werner Krauss schreibt:

"Der gesamte Sturm und Drang verdankt sein ästhetisches Bewusstsein der Abhandlung von Merciers ‚Du Théâtre'."

Auch der Roman L'an 2440, Das Jahr 2440, wurde sogleich auf Deutsch übersetzt; er gilt als Klassiker des utopischen Romans und als Merciers bedeutendstes Werk. Jahre vor der Französischen Revolution forderte der Autor Meinungs- und Pressefreiheit:

"Pressefreiheit ist das wahre Maß gesellschaftlicher Freiheit. Ein Anschlag auf die eine ist die Zerstörung der anderen. Aufklärung ist angewiesen auf Auswirkung. Ihr Zügel anlegen zu wollen, ist ein Verbrechen an der Menschheit."

Protest gegen die Jakobiner

Um Aufklärung ging es Mercier bei allem, was er schrieb: Dramen, Romane, Zeitungsartikel. Scharf kritisierte er die bestehende Ordnung. Als die Revolution am 14. Juli 1789 ausbrach, erklärte sich Mercier selbstbewusst zu ihrem geistigen Wegbereiter. Als Parteigänger der gemäßigten Republikaner, der Girondisten, wurde er 1792 in den Nationalkonvent gewählt. Dass er es gewagt hatte, gegen die Jakobiner zu protestieren, brachte ihn ins Gefängnis. Der Guillotine entging er nur durch den Sturz Robespierres.

Enttäuscht vom Verlauf der Revolution, widmete sich Mercier wieder ganz dem Schreiben. 1799 erschien Le Nouveau Paris, Das neue Paris.

Doch Merciers Stern war bereits am Sinken. Mit Napoléon war eine neue Zeit angebrochen, die Republik zerschlagen. Der Sturz des Kaisers war ihm eine letzte Genugtuung. Am 25. April 1814 starb der Aufklärer und originelle Chronist des Pariser Lebens Louis-Sébastien Mercier weitgehend vergessen in seiner Heimatstadt.

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