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StartseiteKalenderblattDer Gentleman-Verleger03.03.2012

Der Gentleman-Verleger

Vor 125 Jahren wurde Kurt Wolff geboren

Er liebte die Literatur und hatte einen Sinn fürs Geschäft: Damit wurde Kurt Wolff einer der herausragenden Verleger des 20. Jahrhunderts. Er brachte unter anderem Bücher von Franz Kafka heraus. Am 3. März 1887 wurde Kurt Wolff in Bonn geboren.

Von Christian Linder

Kurt Wolff um 1913 (Frank Eugene)
Kurt Wolff um 1913 (Frank Eugene)
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Ein von Schweigen und Dunkelheit umgebenes Leben

"Wir müssen offen sein für das Heutige, wie wir offen bleiben sollten für das Gestrige."

So einfach brachte der Verleger Kurt Wolff das Geheimnis seines Erfolges auf den Punkt. Eine Legende schon zu Lebzeiten. Kurt Wolff – das war der Verleger von Franz Kafka, Gottfried Benn, Walter Hasenclever, Franz Werfel, Karl Kraus, Georg Trakl. Es war die Generation der Expressionisten, die der am 3. März 1887 in Bonn geborene Wolff um sich versammelte.

"Das war halt meine Generation. Ich fing mit 21 oder 22 an zu verlegen, und die Autoren waren gerad so alt. Natürlich kommt hinzu, dass man als junger Mensch zunächst einmal passioniert und interessiert ist, was geht in deiner Generation vor, was wird da geschaffen."

Der erste Druckort war Leipzig. Dort hatte Kurt Wolff 1908 den Verleger Ernst Rowohlt kennengelernt und war als stiller Teilhaber in dessen Verlag eingetreten. Es gab Auseinandersetzungen, sodass Wolff Rowohlts Verlag übernahm und ab 1912 unter seinem eigenen Namen weiterführte. Der "KWV", Kurt Wolff Verlag, setzte sofort auf das Besondere, so besonders wie auch sein Verlagszeichen gestaltet war – es zeigte, umrahmt von einem Kreis, die römische Wölfin mit Romulus und Remus. Später kam noch ein Kunstverlag hinzu, den Wolff "Pantheon" nannte. Als fast aristokratisch vornehmen Menschen von unstillbarer Neugier, der geradezu selbstlos für seine Autoren da war – so haben Wolffs Autoren ihn beschrieben.

"Eine verlegerische Zeit, in der aufhören würde die wirklich private, ganz individuelle Beziehung zwischen dem Verleger und dem Autor, ist unvorstellbar. Das braucht der Autor wie das tägliche Brot, das Mitleben eines anderen, der Enthusiasmus, die Kritik."

Dabei konnte Kurt Wolff sich in der Freundschaft zu seinen Autoren auch ganz klein machen. Rückblickend schrieb er in seinen Erinnerungen:

"Wer fragt noch übermorgen danach, wer der Verleger von Kafka oder Trakl war?"

Da irrte Wolff – als der Verleger Kafkas beispielsweise ist er in die Literaturgeschichte eingegangen. Max Brod führte Kafka in Wolffs Büro. Es war der 29. Juni 1912.

"Kafka konnte man nur lieben, wenn man ihm einmal begegnet war. Aber man spürte dann auch so das rehhaft Scheue, das Schreckhafte, das Verlegene. Und mit Kafka in einem Kreis zusammen zu sein, mit anderen, das war überhaupt sinnlos. Da war er stumm, und er hörte zu oder nicht, das ließ sich nicht genau feststellen."

Unvergessen auch, wie Kafka sich an jenem Tag von Wolff verabschiedete.

"Ich werde Ihnen immer viel dankbarer sein für die Rücksendung meiner Manuskripte als für deren Veröffentlichung."

"Betrachtung" hieß das erste Buch Kafkas, das Wolff veröffentlichte – ein gründlicher wirtschaftlicher Misserfolg. Mit anderen Büchern verdiente der Verlag allerdings viel Geld, etwa mit Heinrich Manns "Der Untertan" oder mit den Werken des Inders Rabindranath Tagore – (da war auch Glück im Spiel, denn Tagore erhielt 1913 den Nobelpreis für Literatur.) Trotz solcher Erfolge kam Wolff Anfang der 1930er Jahre in derartige wirtschaftliche Schwierigkeiten, dass er den Verlag schloss, mit seiner Frau Helen in die Toskana ging und ein Hotel betrieb. 1933, nach Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland, zog er nach Frankreich, bis er 1941 nach Amerika emigrierte. Ein Jahr darauf gründete er in New York den Verlag "Pantheon Books", der die europäische Literatur in Amerika bekannt machte und es auch wieder zu Weltruhm brachte – unter anderem, weil es Wolff gelang, die Rechte an Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" zu erhalten. 1960 dann die Rückkehr nach Europa, mit Wohnsitz in Locarno in der Schweiz. Als er drei Jahre später nach einem Verkehrsunfall starb, erinnerten die Nachrufe an ihn als einen der letzten großen Verleger der alten Schule, dessen Credo war:

"Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?"

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