Samstag, 17.11.2018
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteKalenderblattDer Glaube an den freien Gedanken04.05.2013

Der Glaube an den freien Gedanken

Vor 75 Jahren starb der Publizist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky

Militärkritik und Pazifismus waren die Lebensthemen des Publizisten Carl von Ossietzky. Die Nazis verboten ihm, den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Schließlich kostete ihn die Gewaltherrschaft sogar das Leben.

Von Ruth Fühner

Carl von Ossietzky als Häftling (undatierte Aufnahme) (picture alliance / dpa)
Carl von Ossietzky als Häftling (undatierte Aufnahme) (picture alliance / dpa)

Es ist ein Bild, das man nicht vergisst: Carl von Ossietzky 1935 im Konzentrationslager. Klein, fast verloren wirkt er gegen die massig herausfordernde Gestalt seines Bewachers, der ihn vor sich an die Wand gestellt hat. Trotzdem hält das Foto weniger die Macht der Schergen fest als die Würde des Häftlings. Wie die anderen "Moorsoldaten" wird auch von Ossietzky bei der mörderischen Trockenlegung des emsländischen Hochmoors eingesetzt.
Die Schinderei, die Misshandlungen, die Tuberkulose, die er sich im Lager zuzieht, kosten Carl von Ossietzky am 4. Mai 1938 das Leben. Zugleich steht sein Schicksal für eine der größten symbolischen Schlappen des noch jungen NS-Regimes. 1936, gerade in dem Jahr, als es mit den Olympischen Spielen sein internationales Image aufpolieren will, erhält der ehemalige KZ-Häftling, der nach öffentlichen Protesten schwer krank in ein Krankenhaus unter Gestapo-Bewachung entlassen worden ist, den Friedensnobelpreis zugesprochen. In der Laudatio heißt es:

"Carl von Ossietzky … ist ein Liberaler der alten Schule: mit brennender Liebe zur Freiheit der Gedanken und der Meinungsäußerung, festem Glauben an den Wettbewerb auf allen geistigen Gebieten … Respekt für die Werte anderer Völker – und all dies dominiert vom Thema ‚Friede‘."

Selbstredend darf von Ossietzky nicht nach Oslo fahren, um den Preis entgegenzunehmen, selbstredend wird ihm nahegelegt, den Preis auszuschlagen. Seine Reaktion ist, bedenkt man, was er hinter sich hat, ein mutiger Akt des Widerstands:

"Die mir von dem Vertreter der Geheimen Staatspolizei vorgetragene Anschauung, dass ich mich damit aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließe, vermag ich nicht zu teilen. Der Nobelpreis für den Frieden ist kein Zeichen des inneren politischen Kampfes, sondern der Verständigung zwischen den Völkern."

Geboren wurde Carl von Ossietzky 1889 in Hamburg. Literaturversessen, aber in der Schule erfolglos, begann er seine berufliche Karriere als Hilfsschreiber im Justizdienst. Die ersten Artikel des begnadeten Stilisten erschienen in der Zeitschrift "Das freie Volk", dem Organ der pazifistischen Demokratischen Vereinigung. Sie brachten ihm eine erste Verurteilung ein: wegen "öffentlicher Beleidigung" des Militärs. Militärkritik und Pazifismus wurden zu Ossietzkys Lebensthemen - erst recht nach seinen Erfahrungen an der Westfront im Ersten Weltkrieg. Zusammen mit Kurt Tucholsky rief er 1919 den Friedensbund der Kriegsteilnehmer ins Leben, er schrieb in den verschiedensten Publikationen des linken und pazifistischen Spektrums, er gründete sogar eine eigene Partei, die sich allerdings zwischen den Fronten von Sozialdemokratie und Kommunisten schnell verschliss. So konzentrierte er sich schließlich auf den Journalismus. Dabei wusste er wohl:

"Dem Publizisten flicht die Nachwelt noch weniger Kränze als dem Mimen ... Er muss sich vom Tage tragen lassen, sich in seinem Rhythmus wiegen und das Reittier würgen, wie Freiligraths Wüstenkönig, wenn im Osten neues Frühlicht glänzt."

Durch Tucholsky kam Carl von Ossietzky zur undogmatischen, linksbürgerlichen Wochenzeitschrift "Die Weltbühne"; 1927, nach dem Tod des Herausgebers Siegfried Jacobsohn wurde er zu dessen Nachfolger. Seine Tochter Rosalinda von Ossietzky-Palm:

"Mein Vater war ja ungeheuer weit interessiert an allen sozialen Problemen auch, und menschlichen und künstlerischen. Er war ja auch sehr eingestellt gerade auf Kunst, Theater und solche Sachen … Er hat bestimmt viel, viel darüber geschrieben, aber er wäre ganz gerne dabei geblieben, aber ich glaube, er meinte, die Gesellschaft forderte von ihm, ich muss hier Stellung nehmen, weil - hier geschehen furchtbare Sachen in meiner Demokratie, in unserer Demokratie."

Zu den "furchtbaren Sachen" zählte auch die Aufrüstung der Reichswehr, die der Versailler Vertrag verboten hatte. 1929 erschien in der "Weltbühne" ein Artikel, der die Details verriet. Im berüchtigten "Weltbühne-Prozess" wurde von Ossietzky 1932 wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. 40 Tage nach seiner Entlassung waren die Nazis an der Macht, und von Ossietzky schrieb in einem seiner letzten Artikel:

"Der Fall liegt sehr einfach: bei dem uralten Duell zwischen physischer Gewalt und freiem Gedanken ist die Gewalt im letzten Gang immer unterlegen."

Am Tag nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933, wurde Carl von Ossietzky verhaftet. Der "vorletzte Gang", der Sieg der physischen Gewalt, dauerte zwölf lange Jahre. Ihre Niederlage sollte von Ossietzky nicht mehr miterleben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk