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StartseiteForschung aktuellDer größte Schreihals der Welt30.08.2011

Der größte Schreihals der Welt

Ruderwanzen erzeugen in Relation zu ihrer Körpergröße die lautesten Töne im Tierreich

Biologie. - Um die Gunst der Ruderwanzenweibchen zu erwerben, reiben die im Wasser lebenden Männchen stundenlang Körperteile aneinander und erzeugen so ein leises Zirpen. Im Verhältnis zu seiner Körpermasse ist das Insekt das lauteste Tier der Welt.

Von Michael Stang

Die nur zwei Millimeter große Ruderwanze, Micronecta scholtzi (picture alliance / dpa / Jerome Sueur)
Die nur zwei Millimeter große Ruderwanze, Micronecta scholtzi (picture alliance / dpa / Jerome Sueur)
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"So they really are very small, they are about 2mm long. They look almost like a tiny, brown pebble."

Sie sind wirklich klein, nur etwa zwei Millimeter lang und sehen aus wie kleine, braune Kiesel. So beschreit James Windmill das Insekt Micronecta scholtzi, eine im Wasser lebende Ruderwanze.

"Um diese Töne zu erzeugen, reiben sie zwei Körperteile aneinander: Die eine Seite ist rau wie eine Feile oder Säge mit vielen kleinen Zähnchen, die andere Seite ist eine Art Plektron, welche über die raue Seite reibt. Dabei entstehen durch die Schwingungen diese typischen Geräusche, die unter Wasser laut zu hören sind."

Auf diese Weise werben die Insektenmännchen lautstark um die Gunst der Weibchen. Dem schottischen Ingenieur von der Universität Strathclyde in Glasgow war zusammen mit einem französischen Kollegen aufgefallen, dass man die Gesänge der Tiere auch außerhalb des Wassers hören kann.

"Töne, die unter Wasser produziert werden, werden von der Oberfläche zu 99 Prozent reflektiert. Das bedeutet, dass man nur ein Prozent der Geräusche außerhalb des Wassers wahrnehmen kann. Und nur weil diese Insekten so laut sind, kann man sie auch außerhalb des Wassers singen hören."

Um zu testen, wie lautstark die kleinen Wanzen bei ihrer Partnerwahl tatsächlich sind, nahmen die Forscher die Gesänge in freier Natur in einem Tümpel mit Unterwassermikrofonen auf. Jedoch störten die Umgebungsgeräusche, sodass James Windmill und seine Kollegen die Tiere kurzerhand mit ins Labor nahmen. Dort durften dreizehn Männchen in Fischtanks ungestört um Weibchen werben. Der Geräuschpegel lag durchschnittlich bei 79 Dezibel, wobei die lauten Töne 99 Dezibel erreichten. Das entspricht einer Lautstärke eines Orchesters für einen Konzertbesucher in der ersten Reihe. Einzelne Männchen versuchten die nicht anwesenden Weibchen sogar mit 110 Dezibel zu beeindrucken. Diese Daten verglichen James Windmill und seine Kollegen mit 213 Tierarten, die für ihre Gesänge, ihr Quaken, ihr Rufe oder ihr Gezirpe bekannt und wissenschaftlich beschrieben sind.

"Beim Verhältnis Körpergröße und Lautstärke geht man normalerweise ja von einer linearen Steigerung aus, sprich: Große Tiere sind lauter als kleine. Das stimmt nur zum Teil. Zwar ist das größte Tier der Welt, der Blauwal, mit 188 Dezibel auch das lautstärkste im ganzen Tierreich, aber im Vergleich zur Körpermasse ist unser Insekt noch lauter und sogar das lauteste Tier auf der ganzen Welt."

Wie es die kleinen Wanzen schaffen, derart akustisch aufzufallen, ist allerdings noch unklar. Der Bereich, mit dem sie Geräusche erzeugen, ist nur 50 Mikrometer groß und über Resonanzräume, die die Geräusche verstärken können, verfügen die Insekten auch nicht. Die Forscher vermuten daher, dass ein Teil des Wanzenunterleibs von Luft umgeben ist, die sich in den feinen Härchen verfängt, wenn die Tiere abtauchen und diese als Verstärker benutzen.

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